2009

Liebe Leser und Leserinnen,

„du musst noch viel genauer erklären, was du unter „gib und nimm“

verstehst, wie die Projekte gedacht sind, damit die Leser sich animiert

fühlen, sofort etwas davon umzusetzen,“ sagte neulich eine Freundin zu

mir. Die vielen Anfragen zu den Projekten bestätigen mir, dass meine

Freundin Recht hat. Dennoch weigere ich mich – bin ich vielleicht

wirklich ein sturer Steinbock (ziege)?- diese Ratschläge anzunehmen,

geschweige denn umzusetzen.

Mein Ansatz ist, Impulse zu geben, nicht Anweisungen. Die Kreativität

spielt bei „gib und nimm“ ja eine Hauptrolle! Da ist dann die eigene

Schöpfung gefragt.

Als Beispiel hierfür möchte ich unseren letzten „gib und nimm workshop“

anführen. Er fand in Schleswig-Holstein statt, genauer in der

Ostholsteinischen Schweiz, in der Nähe von Lütjenburg. Zehn Frauen

trafen sich in der alten Schule, die Astrid Eobaldt mit Liebe in den

letzten Jahren renoviert und eingerichtet hat. Ein großer Seminarraum, das

frühere einzige Klassenzimmer der einstigen „Volksschule“- mehrere kleine

Doppelzimmer und ein Schlafsaal für ca 15 Personen, ein bequemes

Wohnzimmer mit Kamin, eine Küche mit Essraum und ein Büro, boten Platz

für alle.

Ausserdem lockte der schöne wilde Garten mit unterschiedlichen Sitzecken

bei dem sonnigen Wetter nach draußen. Sauna und Wellnessgeräte taten ein

Übriges, um uns alle in eine gute Stimmung zu versetzen.

Dass wir diesmal wieder nur Frauen waren, hat auf keinen Fall mit einer

Männerfeindlichkeit zu tun, sondern eher mit einer besseren Unterstützung

für die Frauen. Ich habe in vielen workshops beobachtet, dass Frauen sich

schnell zurücknehmen, um den Männern Platz zu machen für ihre Eingaben.

Wir Frauen brauchen noch Zeit, um in unser Wertgefühl zu kommen.

Und darum fanden die letzten workshops ohne Männer statt.

Thema der Begegnung war einmal „jede kann was, was nicht jede kann“

-nach dem „gib und nimm Lied“ von Paul Roos – und zweitens „ohne Geld

durch die Welt“. In den vier Tagen durfte nicht eingekauft werden. Geplant

waren Tauschaktionen mit Bauern oder Geschäften in der Nachbarschaft, wie

wir es schon früher gemacht hatten. Bei der Einladung war allerdings darum

gebeten worden, dass jede bei sich zu Hause schaut, was sie an

Lebensmitteln mitbringen könne. Es stellte sich heraus, dass genug

mitgebracht worden war und wir ein Leben in Fülle führten während unseres

Beisammenseins.

Ich hatte Astrid darum gebeten, alle Verantwortungsgefühle für das Haus

abzugeben und sich der Tatsache bewusst zu sein, dass ihre Gabe sehr

großzügig und reichlich war durch die Bereitstellung ihres Besitzes für

die fremden Frauen. Diese Bitte ergab sich aus meinen Beobachtungen bei

früheren Treffen in anderen Häusern. Da die Besitzer sich für alles

verantwortlich fühlten – schliesslich waren sie ja die Gastgeber – konnten

sie nicht in dem Umfang geniessen, was es zu geniessen gab.

Astrid war sehr erstaunt, wie gut ihr eine Verhaltensänderung gelang, denn

auch sie kannte nur allzugut ihre verantwortungsvolle Gastgeberrolle aus

früheren Zeiten.

Bei unserer ersten Vorstellungsrunde teilte ich mit, dass es kein Programm

gäbe, weil ich nicht wüsste, wie sich die einzelnen Gaben in das

Tagesgeschehen einbetten liessen. Der Befürchtung einer Strukturlosigkeit

baute ich vor, indem ich meine Wünsche äusserte und gleichzeitig die

Wünsche der anderen Frauen einforderte. Ein lockeres Programm ergab sich

schnell daraus. Meditationen zu bestimmten Zeiten, ein gemeinsam

geschaffenes Kunstobjekt an der nahegelegenen Ostsee, Bade- und

Spaziergangszeiten, Behandlungsangebote der Heilerinnen, spezielle

Kochkünste und einiges mehr füllte unsere Tagespläne.

Diese wurden jedoch nicht aufgeschrieben oder geordnet, sondern wir

schöpften unentwegt und ungeplant aus dem riesigen Potential, das in uns

allen schlummert. Alle waren begeistert und konnten zum Teil gar nicht

fassen, wie locker und leicht die Tage sich gestalteten. Ich war besonders

gerührt, weil es genau das ist, was mein Leben ausmacht und was ich so

schlecht erklären kann. Diesmal erfuhren die anderen genau das bei sich,

und in mir jubelte es, weil ich mich endlich verstanden fühlte.

Bei unserer Abschlussrunde stellte sich heraus, dass für die meisten

Teilnehmerinnen diese Tage wie Urlaub oder wie Wellnesstage gewesen

waren. Diejenigen, die dieses Treffen mit anderen Seminaren verglichen,

zogen eine Bilanz in finanzieller Hinsicht. Normalerweise ginge für so

ein Seminar ein ganzes Monatsgehalt drauf für Übernachtung, Verpflegung

und die effektiven Behandlungen. Dass so etwas Wunderbares auf diese

einfache Art möglich sei, fanden einige Frauen sensationell.

Wie lässt sich dieses „sensationelle“ Leben, das ich ständig führe, nur

erklären und weitergeben?. Von den „Wellnesstagen“ an der Ostsee geht es

für mich gleich weiter in das nächste Abenteuer. Ich bin einer

Freundin bei der Gestaltung ihrer Geburtstagsfeier, die sie im Vorab

schlaflose Nächte kostete, behilflich. Aus meinem früheren Lehrerinnendasein

schöpfe ich lustige Gesellschaftsspiele, die uns einen fröhlichen

Nachmittag bescheren.

Mein Koffer ist gepackt für meinen morgigen Flug nach Florenz, wo

der Sommer immer noch zu Gast ist. Nebenbei werde ich mit anderen

engagierten Gruppen über Möglichkeiten für eine neue Welt

diskutieren.

Ich werde in Österreich und in der Bundesrepublik in Schulen, mit

Jugendlichen, in Kirchengemeinden und anderen Gruppen darüber

sprechen, wie anders Leben sein kann, wenn wir uns einlassen, vielleicht mal

ein Risiko eingehen und wenn wir sehen können, dass ein marodes System

losgelassen werden muss. Mir ist durchaus bewusst, dass mein

privilegierter Zustand, immer im richtigen Moment das tun zu können, was

mir wirklich Freude bereitet, sich wesentlich von der Lebenssituation

derjenigen unterscheidet, die in den Zwängen des Alltags gefangen sind.

Dennoch gibt es kleine Schritte, die in neue Denkmuster führen, uns von

Ängsten befreien und mit unserer ursprünglichen Quelle verbinden.

Einen schönen Spätsommer wünscht Heidemarie Schwermer im September 2009

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Liebe Leser und Leserinnen,

wie sieht es mit der Aktualität bei „gib und nimm“ aus? Geht es weiter, und wenn ja, was?

Ein wichtiger Punkt sind nach wie vor die E-Mails, die mich erreichen.

Anfragen, Angebote, Vorschläge, Kritik – von allem gibt es etwas.

Vielleicht werde ich demnächst einen Auszug daraus zusammenstellen und

hier veröffentlichen. Ich habe nämlich bemerkt, dass auch andere

Menschen sich angesprochen fühlen durch die interessanten Beiträge.

Vorträge mache ich sporadisch, nicht mehr hauptsächlich wie in den letzten Jahren.

Auch mit den Medien habe ich mir eine Auszeit genommen.

Lediglich der Film „living without money“ s.o., der in diesem Jahr

fertiggestellt werden soll, spielt eine wichtige Rolle.

Internationale Dokumentarfilmer wie die Norwegerinnen Line Halverson und

Tone Anderson und Jan Dalchow sowie der Italiener Paolo Pallavidino sind

an dem Thema interessiert. Gemeinsam gestalten wir etwas, was Nachhaltigkeit verspricht.

Meine Aufgabe ist die einer Vernetzerin, die aus dem reichen

Erfahrungsschatz der Herumreisenden schöpft und zusammenfügt, was

zusammengehört.

Eine der ersten Dreharbeiten für den Film fand in einem „Gib und Nimm

Haus“ statt, in dem ich schon mehrmals gewohnt habe. Helga Hase, die

Keramikerin in Bad Salzschlirf, stellte großzügig ihr Haus zur Verfügung

für weitere Mitspielerinnen. Fünf Tage verbrachten sieben Frauen

zusammen unter einem Dach. Mein Hauptthema, das „Leben ohne Geld “

sorgte für Spass und Abenteuer im Alltag. Niemand durfte in dieser Woche

irgendetwas kaufen.

Solche Seminare waren schon vor Jahren in anderen Häusern beliebtes Thema gewesen.

Die damaligen Mitspieler, angetan von den neuen Erfahrungen, die sie durch

das Weglassen des Geldes sammelten, empfanden dieses Experiment als Bereicherung

in ihrem Leben. Dass fremde Menschen so miteinander umgehen konnten,

sich füreinander öffneten und wohlwollend unterstützten, machte glücklich.

Diesmal stellten wir als Gruppe „gib und nimm“ vor. Dazu hatten wir für

die einzelnen Geschäfte Listen ausgearbeitet, in denen alle unsere

Fähigkeiten aufgeführt waren zur freien Auswahl. In der Kürze der Zeit

liess sich allerdings nicht so viel umsetzen. Wir erhielten die Gaben

der Geschäfte meist ohne Gegenleistung von unserer Seite.

Ein sehr schöner Tausch kam jedoch zustande mit dem Touristenbüro, von dem

wir sieben Freikarten für das Thermalbad erhielten. Im Gegenzug schufen

wir einen „Kraftplatz“ für die Stadt im nahegelegenen Wald.

Das wiederum war Bestandteil des Programms für diese Woche. Ich hatte

Frauen ausgesucht mit speziellen Themen. So auch Barbara Leonhardt aus

Thüringen, die mit ihren Kunstwerken in der Natur, fachmännisch „landart“

genannt, besticht. Unter ihrer Anleitung schufen wir einen Taglang einen

schönen Platz für Meditationen und Besinnung.

Meditationen sollen zukünftig einen festen Platz bei „gib und nimm“

erhalten. So haben wir einen Termin übernommen aus München, den Dagmar

Schön schon im Jahr 2008 eingerichtet hatte. Jeden Freitag von 17.00 –

17.30 Uhr treffen sich Meditierende auf einem öffentlichen Platz,

um mit dem Thema „Stille in der Stadt“ ein Gegengewicht zu dem

Stadtgetöse zu schaffen. Ich trage die Idee weiter in andere Städte,

habe sie für mich noch transformiert und meditiere in dieser Zeit

auch für „Mutter Erde“ in der Natur. Je nachdem, wo ich gerade bin.

Auch dieses ist eine Wiederholung aus früherer Zeit, als wir über Jahre

eine Meditationsgruppe von „gib und nimm“ in Dortmund pflegten.

Ein weiterer Termin könnte für die LeserInnen interessant sein: Jeden 3.

eines Monats finden die „Gib und nimm Stammtische zur Vernetzung der

Kulturell Kreativen“ statt. Jeweils um 19.00 Uhr tragen die Teilnehmer

ihre Ideen vor und lassen sich von der Vielfalt lenken. Aus diesen

Treffen entstehen gemeinsame Aktionen, die an jedem Ort unterschiedlich

sind wegen der unterschiedlichen Menschen. Auch das eine

Wiederaufbereitung aus den früheren Aktionen von „gib und nimm“ in

Dortmund.

Nichts geht verloren, alles trägt bei zu einer Weiterentwicklung und

Festigung der ursprünglichen Idee. Ich bin froh darüber, dass ich auch

in Flauten „am Ball“ geblieben bin und mich führen lasse zu Menschen,

Orten, Situationen. Auf diese Art entsteht Vernetzung auf vielen

Gebieten. Schliesslich geht es darum, dass wir spüren, wie gross die Zahl

der „Kulturell Kreativen“ schon ist. Alle Menschen, die nach neuen

alternativen Wegen suchen, gehören dazu. Und es sind laut Paul Ray schon

Millionen. Solange jeder nur vor sich hinrödelt, wird das natürlich

nicht sichtbar. Darum ist das Vernetzen ein Sichtbar – Machen, ein Sich-

Stark- Fühlen im Miteinander. Jede behält ihre eigenen Herangehensweisen,

muss sich nichts überstülpen lassen oder sich unterordnen. Jeder kann sich

einbringen mit den eigenen Ideen und dadurch ein grösseres Wertgefühl

erlangen. So schaffen wir Schritt für Schritt eine bessere Welt.

In diesem Sinne grüsst Heidemarie Schwermer im Juni 2009

Preisverleihung in Florenz:

www.livingwithoutmoney.tv