April 2013

Liebe LeserInnen,

au weia- das neue Jahr hat schon lange Einzug gehalten, ja, das erste Viertel ist vorbei, und noch nicht einmal die kleinste Notiz steht hier.

Das hat keineswegs damit zu tun, dass nichts geschehen ist in den letzten Monaten, eher das Gegenteil war der Fall, zu wenig Ruhe für eigene Texte.

Jetzt gibt es ein paar Tage für mich ohne Programm, keine Auftritte, nichts Spektakuläres, Rückzug, Ruhe, Besinnung sind die Themen für die nächste Woche. Täglich drei Spaziergänge mit dem Hund in den Wald, Beschäftigung mit Fragen der Nahrungsaufnahme, Nahrungsabgabe, Leckerlis und Zuwendung. Ein Freundschaftsdienst wie in alten Zeiten.

Die letzten Monate waren nicht nur mit viel Reiserei verbunden sondern auch mit der Auseinandersetzung mit dem Tod. In meinem Bauch rumort und zwickt es, schon seit Jahren. Meine Selbstheilungskräfte scheinen hier nicht zu wirken, weil sich die Schmerzen nicht für immer auflösen sondern sich ständig neu bemerkbar machen. Manchmal gibt es sogar Sequenzen mit anhaltenden Schmerzen über Stunden, ein Relikt aus alten Zeiten, hatte ich doch die Schmerzauflösung an anderen Körperstellen in Nullkommanix praktiziert. Und davon meinen Zuschauern bei meinen öffentlichen Auftritten berichtet, ja geschwärmt hatte ich davon, wie einfach es ginge, sich selber zu heilen. Allerdings wurde mir im Laufe der Jahre mein Hochmut ausgetrieben. Denn jedes Mal, wenn ich meinen Zuschauern auf ihre Frage, was denn passiere, wenn ich mal richtig krank würde, geantwortet hatte, dass ich nicht krank würde, gab es eine Unpässlichkeit am nächsten Tag. Meistens eine kleine, aber doch groß genug, um mich zu erinnern, dass bei einer Heilung auch noch andere Dinge im Spiel sind, dass ich nicht meine Dankbarkeit vergessen und die Gnade empfinden durfte.

Seit Beginn des Jahres 2013 schleppe ich mich also mit einem Unwohlsein herum, das manchmal Müdigkeit mit sich bringt, Lustlosigkeit und große Rückzugswünsche. Eigenartigerweise teilte ich das nicht meinen vielen Arztfreundinnen mit, die mir bestimmt mit Rat und Tat zur Seite gestanden hätten. Irgendwie verstand ich mein Verhalten selber nicht, bis ich bemerkte, dass das Thema Tod noch düstere Stellen hatte, mit Ängstlichkeiten verbunden war und mir meine Leichtigkeit nahm. Ich erinnerte mich, wie ich meinen Vater nicht einmal fragen mochte, an welche Form der Beisetzung er für seinen Abgang dachte. Das Thema Tod war tabu als Gesprächsstoff. Es trieb mir sofort Tränen in die Augen und verschloss mein Herz. So behielt ich mein Geheimnis lieber für mich und versuchte damit so gut wie möglich umzugehen. Allerdings konnte ich meine Schmerzen nicht immer verheimlichen und stieg dadurch Schritt für Schritt in das Thema Tod ein. Zunächst mit meinen Gefühlen. Wie fühlte es sich an, wenn ich mich heute verabschieden müsste von der Welt? War ich bereit dazu, und was bedeutete das für mein jetziges Leben? Die ersten Übungen in diese Richtung brachten mich in große Schwierigkeiten. Ich wollte nicht gehen, wollte meine Erfahrungen weitergeben, Tipps für die vielen Suchenden.

Ausserdem war mein Leben doch schön, es sollte nicht zu Ende gehen, ich wollte mehr davon.

Je mehr ich mich damit beschäftigte, desto ruhiger wurde ich. Der Tod gehört zum Leben. Wir alle müssen eines Tages sterben, daran geht kein Weg vorbei, sagte ich mir und begann, mit meinen Kindern und Freunden darüber zu sprechen. Ich kenne meinen Bestatter inzwischen, habe alles geregelt für meinen Abgang und bin genauso gespannt auf diese Reise ins Unbekannte wie bei meinen anderen Reisen. Meine Leichtigkeit hat sich wieder eingestellt, und ich habe beschlossen, von einer Freundin, die Ärztin ist, nötige Untersuchungen machen zu lassen. Loslassen auf höchster Ebene- welch schönes Gefühl.

Diese seelische Arbeit habe ich so zwischendurch gemacht, während mein Programm weiterging. Neben den üblichen Einladungen zu Gesprächskreisen, Vorträgen, Lesungen, Podiumsdiskussionen gab es zwei Höhepunkte, die ganz neu in meinem Leben waren. Erstens war ich Jurymitglied bei dem cosmic cine festival 2013. Im letzten Jahr war „mein“ Film „living without money“

dort gezeigt worden und ich hatte im Anschluss in mehreren Städten Rede und Antwort gestanden. Diesmal sollte ich also Jurymitglied sein, was ich gern annahm, nachdem klar war, dass es darum ging, niemanden gegeneinander auszuspielen, sondern einfach aus dem Bauch heraus die drei Filme zu benennen, die mir am besten gefallen hatten. Darauf konnte ich mich einlassen. Zusammen mit Line Halvorsen, die norwegische Filmemacherin, die „living without money“ gedreht hat, bildeten wir ein team und kamen eigenartigerweise auf dasselbe Resultat.

Der zweite Höhepunkt hatte mit einer Einladung nach Istanbul zu tun, wo ich vier Tage verbrachte, um an einem Forum teilzunehmen, das inzwischen weltweit bekannt ist. TEDx( technology, entertainment, design) heisst es und wird in verschiedenen Städten und Ländern ausgeführt. Menschen mit interessanten Ideen, Berufen, Visionen, Praktiken und Abenteuern werden eingeladen und dürfen eine bestimmte Zeit- höchstens 18 Minuten- über ihr Anliegen sprechen. Die Rede wird im Vorab eingereicht und von einem team bestätigt oder abgelehnt. Meine Rede, die ich auf Englisch verfasste, wurde angenommen, und ich hatte genügend Zeit, sie einzuüben. Alle meine Vorträge hatte ich bislang- seit 17! Jahren waren es ein paar Tausend- aus dem Bauch heraus gehalten, niemals etwas aufgeschrieben und schon gar nicht eingeübt. Ich brauchte diesen Spielraum, und jetzt hatte ich mich auf etwas Kontrolliertes eingelassen. Mein Englisch ist nicht gerade fliessend, in der Schule mochte ich es nie, eine doppelte Belastung für mich. Bei der Generalprobe tat ich mich schwer, blieb stecken, war lustlos und hätte am liebsten alles hingeworfen. Meine Angst vor dem Auftritt vor 1000 Menschen war riesig nach der Generalprobe. Meine Arbeit mit der Angst führte mich jedoch wieder in Ruhe und Leichtigkeit. Zwar kann ich nicht sagen, dass ich mit Elan, Freude und Schwung meinen Text präsentierte, aber ich kam über die Runden, und jetzt ist er bei youtube zu sehen.

Gleich werde ich zu einer Bekannten gehen, um mir das Buch „Momo“

auszuleihen, das ich für meine nächste Aufgabe noch einmal lesen soll.

Momo wird 40, und es soll einen Film über die Hintergründe für diesen Lesestoff geben. Was hat der Zeitklau der grauen Männer mit dem Geld zu tun? Jetzt darf ich mich für ein Interview vorbereiten.

Viele Dinge, die ich bislang gemacht habe, nehme ich nicht mehr an, einiges sage ich ab. Dafür kommen ganz neue spannende Dinge auf mich zu.

Das bringt mich zurück in meine Freude und das Vertrauen ins Leben. Alles kommt, wie es kommt. Wunderbar!

Einen schönen Frühling mit Freude im Herzen wünscht Heidemarie im April 2013