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Interview in April 2015

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Was ist Geld?

In seiner einfachsten Definition kann Geld als ein allgemein akzeptiertes Tausch- und Zahlungsmittel beschrieben werden: Ich gebe etwas, wenn ich dafür einen entsprechenden Gegenwert erhalte.” Wenn Geld jedoch nicht mehr nur als Tauschmittel dient, dann wird es zum Selbstzweck und die zugrunde liegende Motivation verschiebt sich entsprechend. Zwar ist unser auf Wachstum basierendes Geld- und Wirtschaftssystem in seiner globalen Ausgestaltung komplex, die Psychologie dahinter lässt sich jedoch in einfachen Worten beschreiben: Ich gebe etwas, um mehr zurückzubekommen als ich eingesetzt habe. Die zerstörerischen Konsequenzen dieser durch Politik, Wirtschaft und Medien institutionalisierten Geisteshaltung kann beispielsweise anhand der weltweit steigenden sozialen Ungerechtigkeit und der vielschichtigen Zerstörung des Ökosystems beobachtet werden.

Es lohnt sich an dieser Stelle eine gedankliche Pause zu machen und darüber zu reflektieren, wie sehr wir diese erwartungsvollen Geisteshaltungen verinnerlicht haben. Was empfinden wir bei dem Gedanken an eine geldfreie Welt? Welche Emotionen setzt er frei? Welche Meinungen und Ansichten kommen bei dieser Idee an die Oberfläche? Für wie alternativlos halten wir eine Welt, die nur durch Geld funktionieren kann und was sagt das über unsere Vorstellungskraft aus?

Paradoxerweise erscheint uns in manchen Bereichen unseres Lebens die erwartungsvolle Grundhaltung der Wirtschaftswelt als fremd und unnatürlich. Ein Ehrenamt üben wir aus, weil wir ohne Erwartungen etwas geben möchten; weil wir die Tätigkeit auf menschlicher Ebene als Bereicherung empfinden. Wir bekommen etwas zurück, das sich nicht mit Geld verrechnen lässt. Unsere Zeit mit Freunden und Familie stellen wir ebenfalls nicht in Rechnung.

Das folgende Interview mit Heidemarie Schwermer lädt zu einem mutigen Gedankenexperiment ein.

Wie würde sich unsere Gesellschaft verändern, wenn wir die erwartungslose Grundhaltung, die wir in manchen Lebensbereichen auf ganz natürliche Weise einnehmen, auch auf den Rest unseres Lebens ausweiten? Wie würde eine Welt ohne Geld aussehen? – Eine Welt in der wir geben was wir können und nehmen, was wir wirklich brauchen.

Heidemarie lebt seit vielen Jahren nach dem Prinzip „gib&nimm” und vermittelt mit ihrem Leben eindrucksvoll, dass eine Welt ohne Geld keine romantische Utopie bleiben muss. Sie lebt im Kleinen vor, was vielleicht auch im Großen möglich wäre. Ein herzliches Dankeschön an Heidemarie für das nachfolgende Interview.

Andreas: Deine Zukunftsvision ist eine Welt ohne Geld. Dabei schreibst Du in Deinen Texten von einem grundlegenden Umdenken im zwischenmenschlichen Umgang. Welche Bedingungen müssten gegeben sein, damit eine demonetarisierte Welt entstehen kann?

Als erstes sollten sich die Menschen empören über die Zustände, die momentan in der Welt herrschen. Daraus ergibt sich ein großer Wunsch, mit dazu beizutragen, dass mehr Gerechtigkeit für alle gegeben ist. Das neue Weltbild „alle Erdenbürger stammen aus derselben Quelle und haben dieselben Rechte” bringt die Einzelnen dazu, füreinander einzustehen.

Andreas: Denkst Du unser Geld- und Wirtschaftssystem spiegelt in gewisser Hinsicht den Zustand unseres kollektiven Bewusstseins wider?

Leider ja. Gerade in unserer Region (Deutschland) gibt es viele Menschen, die zufrieden sind mit dem, was ist, weil sie nicht über ihren Tellerrand schauen. Auf der anderen Seite macht sich Unruhe und Angst bemerkbar vor einer „schrecklichen” Zukunft. Um diese beiden Extreme aufzulösen, braucht es mehr Bewusstsein und Vertrauen.

Andreas: Inwiefern ist Deine Vision für Dich und für die Menschen in Deinem Umfeld zur Realität geworden?

Da wo ich bin, leben wir die „gib&nimm” Idee. Die anderen geben mir Obdach, zu essen und was ich sonst noch brauche. Ich wiederum bringe mich so ein, als wäre ich zu Hause, kann erkennen, was meine Gastgeber am dringendsten brauchen und handle entsprechend. Das alles ohne jegliche Abrechnung. Wir unterstützen uns gegenseitig wie richtige Freunde es eben tun, sind eine große Familie.

Andreas: Du hattest in den letzten Jahren mit einer schweren Krankheit zu kämpfen. Kannst Du ein bisschen darüber erzählen, wie die Krankheit Dein Leben beeinflusst hat?

In meinen Vorträgen in den letzten Jahren wurde ich häufig gefragt, was ich machen würde, wenn ich krank wäre. Zu Anfang antwortete ich etwas hochnäsig: Warum soll ich krank werden. Immerhin war ich schon mehr als 20 Jahre nicht beim Arzt gewesen und war wegen meines Experiments sogar aus der Krankenversicherung gegangen, weil ich an meine Selbstheilungskräfte glaubte.

Als ich vor zwei Jahren vom Krebs überrascht wurde, verlor ich zunächst das ganze Vertrauen, was mich ausmachte bislang. Ich fühlte mich ausgeliefert, begab mich in schulmedizinische Behandlung und hatte den Tod stets an meiner Seite. Durch meine Rente, die ich ein paar Jahre vorher  zum Verschenken beantragt hatte, war ich „automatisch” wieder krankenversichert und musste mich zum Glück nicht um die Finanzierung der Behandlungen sorgen.

Ich brauchte ein ganzes Jahr, bis ich wieder in meine Mitte fand und wieder im Lebensfluss schwimmen konnte. Die Krankheit hat mich in meiner Entwicklung weitergebracht. Ich bin aufmerksamer mir selber gegenüber geworden, achte mehr auf meine Bedürfnisse und kann sehr gut nein sagen.

Andreas: Welche Rolle spielt Meditation in Deinem Leben? Das Thema wird ja mittlerweile sehr vielschichtig diskutiert. Wie würdest Du einem Menschen, der sich noch nicht mit der Thematik befasst hat erklären, um was es beim Meditieren geht?

Von 1978 bis 2000 habe ich täglich TM (transzendentale Meditation) praktiziert. Mit einem Wort (Mantra), das ich statt der störenden Gedankenflut immer wieder denken sollte, wurde ich in eine Stille meines Geistes geführt. Viel Veränderung geschah dadurch in meinem Leben: ich behielt meine Träume, die häufig prophetisch waren und ich konnte mich besser als vorher entscheiden, weil ich Wegmarkierungen erkannte. Seit einem Jahr meditiere ich täglich von 19.00 Uhr bis 19.30 Uhr für den Frieden in der Welt. Viele meiner FreundInnen haben sich angeschlossen und meditieren nun zur selben Zeit.

Für einen Anfänger würde ich sagen: Meditation kann uns sehr helfen, zur Ruhe und in die eigene Kraft zu kommen. Wichtig dabei ist, eine Methode zu finden, die uns zusagt.

Andreas: Für mich persönlich ist Meditation eng mit ethischem Verhalten verknüpft, also mit der Reflexion über die Konsequenzen meines Handelns. Gibt es für Dich eine Verbindung zwischen Ethik und Meditation? Wenn ja, wie würdest Du diese beschreiben?

Ich denke auch, dass Meditation eng mit Ethik verbunden ist. Letztlich kommen wir durch Meditation zu neuem Handeln. Wir lassen uns nicht mehr fremd bestimmen sondern erkennen Stück für Stück unseren eigenen Weg. Je mehr Menschen diesen Weg beschreiten, desto weniger manipulierbar wird eine Gesellschaft.

Andreas: Auf unserer Website schreiben Menschen, die durch ein bewussteres Leben zu mehr gelebter Freiheit gefunden haben. Was bedeuten die Begriffe Freiheit und Bewusstsein für Dich?

Freiheit hat mit Eigenverantwortung zu tun. Je mehr ich über mich weiss, desto eher kann ich selbst bestimmen, wie mein Leben gehen soll. Bewusstseinserweiterung ist das A und O unseres jetzigen Seins.

Andreas: In Deinem Buch „Das Sterntalerexperiment” schreibst Du über ein Leben ohne Geld. Welche Bücher haben Dich berührt und Dein Leben bereichert? Hast Du ein paar Buchtipps für Menschen, die gerne freier und bewusster leben möchten?

Ich lese sehr gern und viel! In meinem zweiten Buch „In Fülle sein ohne Geld”, das auf meiner Internetseite heruntergeladen werden kann, habe ich eine Liste der Bücher, die mich geführt haben, beigefügt. Heute gehe ich anders damit um. Ich rate den „Suchenden”, sich führen zu lassen, aufmerksam zu sein dafür, was ihnen als Lektüre begegnet.

Ich selber benutze mein drittes Buch, „Das Sterntalerexperiment II: Mein Weg nach Innen” als Arbeitsbuch und Vertiefung des Sterntalerexperiments , mein erstes Buch, das inzwischen vergriffen ist. Mit dem neuen Buch gehe ich in kleine Gruppen und wähle jedes Mal eine spezielle Geschichte als Grundlage für ein Gespräch aus. Mir geht es darum, dass alle TeilnehmerInnen zu Wort kommen und angeregt werden, den eigenen Weg zu finden.

www.heidemarieschwermer.com

Artikel für die Zeitschrift SEIN

Leben ohne Geld -Artikel für die Zeitschrift „Sein“ im November 2010

Leben ohne Geld – reale Alternative oder Spinnerei einer Utopistin?

Warum lebt jemand freiwillig ohne Geld in einer Gesellschaft, in der Geld
auf der Skala der wichtigsten Dinge an erster Stelle steht? Will „Donna
Quichotte“ einen Kampf gegen die Windmühlen aufnehmen, sich wichtig tun
oder nur sich einen faulen Lenz machen und auf Kosten anderer leben?

Viele Menschen, die zu meinen Vorträgen kommen, können sich nicht
vorstellen, wie ein Leben ohne Geld überhaupt möglich ist, und sind meist
interessiert daran, wo Frau Schwermer nächtigt, was sie isst, was sie im
Krankheitsfall macht etc. Fragen, die berechtigt sind, die jedoch nur die
Peripherie streifen und eingangs beantwortet werden können, um dann Platz
zu machen für das Eigentliche dahinter.

Das Eigentliche ist die Entdeckung einer neuen Lebensform: weg von der
Tauschgesellschaft, in der wir uns zur Zeit befinden, hin zu einer
Gesellschaft des Teilens. In einer Tauschgesellschaft steht hinter dem Tun
meist eine Absicht nach dem Motto: Was erhalte ich, wenn ich dieses oder
jenes tue? Lohnt sich der Aufwand für mich, gibt’s genug zurück, oder
sollte ich mir nicht lieber etwas Lukrativeres suchen? Abwägen,
Vergleichen, Feilschen, Konkurrieren steuern die Überlegungen für unser
Tun.

Ganz anders der Umgang mit unseren Energien beim Teilen. Hier spielen
Fragen wie „Was brauche ich wirklich?“, „Was macht mir Freude?“, „Wie kann
ich andere unterstützen?“ die größere Rolle. Beim Teilen verlasse ich das
Konkurrenzgehabe und tauche ein in ein wohlwollendes Miteinander. Die Welt
und die Menschen darin als Ganzes, als Einheit zu sehen, verändert unser
Weltbild und bringt uns vom Haben zum Sein.

Doch was hat das damit zu tun, dass wir auf Geld verzichten? Diese
Sichtweise können wir schließlich auch im Umgang mit dem Geld erreichen –
handelt es sich doch um eine Bewusstseinserweiterung. Das stimmt! „Das
Leben ohne Geld“ ist im Moment mein ganz eigener Weg, der nicht übernommen
werden soll – noch nicht! Mein „Leben ohne Geld“ soll zur Zeit zum Denken
anregen, Mut machen, Hoffnung schüren, stärken!

Den Lebensfluss entdecken

Menschen mit wenig Geld könnten statt der Angst vor dem Ausgeliefertsein
darüber nachdenken, welche Möglichkeiten sie haben, ihren Alltag zu
bereichern. In der alternativen Szene gibt es unglaublich viele Angebote,
angefangen bei den Bücherschränken auf dem Bürgersteig bis hin zu den
Umsonst- oder Gib-und-Nimm-Läden, Car-sharing, die vielen Tauschringe etc.
Auf der materiellen Ebene haben die Menschen sich schon viel ausgedacht,
um das Leben leichter und durch ein echtes Miteinander erfüllender zu
machen. Wollen wir diese Dinge in Anspruch nehmen, brauchen wir allerdings
ein gutes Selbstbewusstsein, ein stabiles Selbstwertgefühl, um uns nicht
als arme Bedürftige zu empfinden. Die „glücklichen Arbeitslosen“ in Berlin
(www.diegluecklichenarbeitslosen.de) gehen hier mit gutem Beispiel voran.
Sie wissen, dass eine bezahlte Erwerbsarbeit nicht das A und O unserer
Lebensform sein muss, dass jeder Mensch eine Daseinsberechtigung hat und
viele Talente!

Leben ohne Geld bedeutet, den Lebensfluss entdecken, sich treiben lassen
im Strudel der Lebendigkeit, sich einlassen in eine neue Lebensqualität,
die durch Aufmerksamkeit, Achtsamkeit und Wachsein entsteht. Wachsein für
uns selber, für unser Gegenüber, für die Gesellschaft und das Ganze
bedeutet eine neue Intensität, eine Hingabe an das Leben. Statt sorgenvoll
hinter dem Mammon herzuhetzen, unseren Fokus auf das Materielle, Äußere zu
legen, geht es um Geschehenlassen, darum, das Herz zu öffnen und aus ihm
heraus zu handeln. Dadurch entsteht ein Wertewandel und ein
Paradigmenwechsel, den wir heute unbedingt benötigen für die Heilung aller
bislang angerichteten Schäden, die sich in gewaltigen Naturkatastrophen
zeigen, aber auch in der Diskrepanz zwischen den Besitzenden und den
Besitzlosen. So wie wir uns von der Natur abgewandt haben, uns über sie
gestellt, sie missachtet und geschändet haben, können wir jetzt
zurückkehren zu tragenden Werten unserer Ahnen – wie Kooperation,
Hilfsbereitschaft und Achtung vor der Natur –, die über Jahrtausende unser
Überleben gesichert haben. Zurückkehren zu alten Werten heißt nicht,
Gepflogenheiten aus der Steinzeit zu übernehmen und unsere technischen
Errungenschaften zu schmähen. Darum geht es absolut nicht bei einem „Leben
ohne Geld“. Allerdings geht es darum, die Kompliziertheit zu erkennen, die
durch die Regeln und Gesetze für den Umgang mit dem Geld entstanden sind.

Einfachheit und Vertrauen

Absicherungen, Versicherungen, Trennungen, Mauern, Misstrauen, Missgunst
u.v.m. machen uns das heutige Leben schwer. Einfachheit und Vertrauen,
gegenseitige Unterstützung aus einem Wohlwollen heraus, Miteinander statt
Gegeneinander schaffen eine neue Kultur für uns alle.

Und wie soll das gehen bei den vielen Verpflichtungen, die wir zu erfüllen
haben? In kleinen Schritten und für jeden in einer anderen Weise. Die
Zeiten sind vorbei, wo jemand daherkommt, einen Plan entwirft für alle,
der eingehalten werden muss, damit ein Ergebnis sichtbar wird. In der
heutigen Zeit gibt es so viele unterschiedliche Ansätze und durchdachte
Möglichkeiten für einen anderen Umgang mit unseren Aufgaben im Alltag. Das
Ziel dieser Ideen ist dasselbe: eine bessere, gerechtere Welt für alle,
Frieden und Harmonie in uns und um uns herum! Alle sehnen sich nach
Gemeinsamkeiten, nach Anerkennung und Liebe!
„Gib und Nimm“ ist eines der vielen neuen Konzepte, von mir in jahrelangem
Versuch erprobt mit wunderbaren Folgen. Der Name „Gib und Nimm“ ist
zunächst für einen Tauschring entstanden als Hinweis fürs Tauschen nach
dem Motto: Gibst du mir, gebe ich dir. So nach und nach entwickelte sich
daraus ein Konzept, das über das Tauschen hinausging, in ein Teilen
hinein. Die vier Farben auf dem Gib-und-Nimm-Aufkleber sollen das
symbolisieren: Grün steht für den Weg nach Innen, Gelb für die
Auseinandersetzung mit dem Du, Rot soll einen politischen Anteil andeuten
und Blau steht für das Spirituelle. So steht das Konzept für eine
umfassende Herangehensweise an das Sein.

Die eigenen Talente entdecken

Der Ausstieg aus dieser komplizierten Welt, in der sich die meisten
Menschen befinden, ging schrittweise. Durch die Gründung des Tauschrings
in Dortmund und meine Aktivitäten des Gebens und Nehmens bemerkte ich
zunächst eine Reduzierung der Geldausgaben. Ich ließ mir über das Tauschen
die Haare schneiden, kochte mit anderen zusammen, tauschte Kleidungsstücke
aus und überlegte mir gemeinsame Freizeitbeschäftigungen. Dabei entdeckte
ich immer mehr Talente an mir, die ich zu geben hatte, was mir ein
Glücksgefühl bescherte. Nach zwei Jahren des Tauschens und Teilens
entschloss ich mich, endlich mein lang ersehntes Experiment zu starten:
den Alltag ganz ohne Geld zu gestalten! Ich gab meine Wohnung auf, trat
aus der Krankenversicherung aus, verschenkte meinen Besitz und hütete in
Dortmund für die Tauschringmitglieder deren Häuser und Wohnungen, wenn sie
im Urlaub waren.

Natürlich war das nicht immer einfach, denn in den Häusern gibt es
unterschiedliche Energien, die nicht immer den meinen entsprachen. Da
jedoch dieses Experiment auch politischen Charakter hatte – schließlich
wollte ich festgefahrene Strukturen auflösen –, hielt ich durch und fand
sogar Freude daran, mich auf fremde Lebensformen einzustellen. Die
Fremdheit meiner Mitmenschen löste sich so nach und nach auf und machte
einem Gefühl der Vertrautheit Platz. So konnte ich nach zwei weiteren
Jahren den Tauschring und Dortmund verlassen, um eine Aufgabe und einen
Platz „in der Fremde“ zu finden. Ich hütete in der ganzen Bundesrepublik
Häuser, reiste herum und dachte nach über neue Schritte in eine bessere
Gesellschaft. Nach dem Verlassen des Tauschrings gab ich auch das
Häuserhüten auf, kehrte nach Dortmund zurück, wo ich ein Jahr lang in
einem Vereinshaus „unterschlüpfte“, dort kochte, putzte, Bürodienste
übernahm und schließlich mein erstes Buch „Das Sterntalerexperiment“
schrieb. In dieser Zeit lernte ich, meinen Dünkel abzulegen und demütig zu
sein, wenn es nötig war.

Abenteuer und Lebendigkeit

Ich entdeckte die „Wunder im Alltag“, die sich häuften und mir große
Freude bescherten. Das, was ich als Wunder bezeichne, ist für viele „purer
Zufall“. Ich jedoch behaupte, dass es keine Zufälle gibt, dass der Himmel
uns Dinge zuspielt, um uns behilflich zu sein in unserer
Weiterentwicklung. Diese Zeichen, die es für alle gibt, zu erkennen und
einzubauen in den Alltag, verschafft uns Abenteuer und erzeugt
Lebendigkeit. Das Leben fließt sozusagen, versorgt uns mit Überraschungen
und schubst uns voran, wenn wir wachsam sind.

Im Laufe der Jahre lernte ich eine Menge. Das Wichtigste auf diesem Weg
ist die Auflösung alter Ängste und störender Gefühle, die sich
verwandelten in ein großes Vertrauen ins Leben, in Freude, Gelassenheit
und Lebendigkeit. Und ich bin überzeugt, dass das auch bei anderen
Menschen funktioniert. Ich stelle mir eine Welt ohne Geld vor, in der die
Menschen ihr Herz in den Mittelpunkt stellen, aus dem heraus sie handeln.
In Ruhe betrachten sie das Leben und ihre Aufgabe darin. Sie fühlen sich
geachtet, geliebt und wertgeschätzt, weil sie selber achten, lieben und
wertschätzen.
Abb: © Fantasista – Fotolia.com
Autoren Info
Heidemarie Schwermer

Heidemarie Schwermer

wurde 1942 in Memel (heute Klaipeda, Litauen) geboren und musste schon als
Kleinkind ihre Heimat verlassen. Das Erlebnis, als besitzloser Flüchtling
im Westen anzukommen, hat ihr Weltbild geprägt. Schon früh in ihrem Leben
begann sie sich über Ungleichheit und Ungerechtigkeit in der Welt den Kopf
zu zerbrechen und nach neuen Wegen zu suchen. Sie arbeitete als Grund- und
Hauptschullehrerin, wurde später Motopädin und Gestaltpsychotherapeutin
und gründete 1994 die „Gib und Nimm Zentrale“ in Dortmund, einen der
ersten Tauschringe in der Bundesrepublik. Seit 1996 lebt sie ohne Geld.
Das erste Buch „Das Sterntalerexperiment“ wurde in mehrere Sprachen
übersetzt und erhielt im Dezember 2008 den Tiziano-Terzani-Preis, einen
Friedenspreis in Italien. Das zweite Buch „In Fülle sein – ohne Geld“ ist
auf ihrer Homepage www. heidemarieschwemmer.com kostenfrei herunterladbar.
Am 26.11.2010 hat der norwegisch-italienische Dokumentarfilm über ihr
Leben ohne Geld „Living without money“ in Oslo Premiere.

http://www.heidemarieschwermer.com