Kategorie-Archiv: Sterntaler/Gedichte

AUFLÖSUNG

AUFLÖSUNG
Schmerzen ablegen 

und auflösen,

hineingehen

in grosser Freude.

Freude erleben darüber

ein Mensch sein zu dürfen.

Mensch zu sein

erlaubt Schritte zu tun

in verschiedene Richtungen,

umzukehren,

neu zu probieren,

Starre abzulegen, aufzulösen,

beweglich zu sein

im Handeln!

Was für Geschenke sind das.

Wir sollten sie annehmen

mit grosser Freude.

Gedichte

Glück

Wärme von Innen und Aussen,
 Sattheit,
 Fülle und Reichtum,
 Schönheit in mir und auch um mich.
 Von allem genug -
 das ist Glück!
Begegnungen

Die Menschen begegnen sich,
 tauschen sich miteinander aus.
 Sie achten und lieben sich.
 Es braucht kein Misstrauen mehr,
 weil alle für dasselbe sind:
 für die Vervollkommnung der Liebe auf Erden!
Träume

Träume weisen uns den Weg,
 sie wühlen auf, beruhigen,
 sie machen wach und nachdenklich.
 Träume helfen uns,
 aufzudecken,
 was wir verstecken wollen.
 Hört auf sie und dankt dafür.
Versuchung

Überall lauert die Versuchung.
 Sie streckt die Hand aus,
 um uns ins Land des Nebels zu ziehen.
 Nebel verhüllt uns
 den klaren Blick!
 Ohne Klarheit
 werden wir Spielball
 für alles um uns her!
 Darum ist es wichtig,
 immer mehr in die Einfachheit zu kommen,
 um für alles ganz klar zu sein!
Dunkelheit

Die Zeit der Dunkelheit bricht an.
 Die Tage sind kurz,
 die Nächte lang.
 Lasst euer Licht leuchten,
 wo immer ihr könnt.
 Strahlt und erhellt die Nacht.
 Öffnet eure Herzen
 und lasst sie wie Kerzen sein:
 wärmend und leuchtend!
Frieden

Friedvolles Sein
 ohne Zwist und Streit!
 Alle Völker dieser Erde
 haben füreinander Verständnis.
 Feinde werden Freunde,
 weil der Frieden in die Herzen
 jedes einzelnen Menschen
 eingekehrt ist.
 Der Frieden und die Liebe
 gehen Hand in Hand,
 wie alle Menschen Hand in Hand gehen!
Sein

Ganz dasein
 in jedem Augenblick
 mit Leib und Seele.
 Das macht das Leben aus.
 In der totalen Präsenz
 bist du ganz du.
 Du spürst dich und bist eingehüllt
 in einen Schutz
 aus Liebe und Vertrauen.
 Aus dieser Sicherheit heraus
 kannst du wachsen in neue Dimensionen.
Bescheidenheit

Der Mensch ist ein Teilchen des Ganzen-
 ein winziges Teilchen,
 das unvergänglich ist.
 Mit diesem Wissen
 kehrt Ruhe ein!
 Demut und Bescheidenheit!
 Die Anstrengungen für Anerkennung
 können beendet werden!
Flamme

Die Flamme in mir
 sorgt für Wachsamkeit
 und Sein in Kraft.
 Mit dem Verlöschen dieser Flamme
 geht das Leben in Routine über,
 in Alltag und Langeweile.
Zusammenspiel

JedeR auf seiner Position,
 ihren zugedachten Platz einnehmend,
 entfaltet sich ganz
 um alle Fähigkeiten einzubringen,
 mit denen sie beitragen kann,
 das Leben auf Erden zu gestalten.
 Ohne Neid, ohne Hochmut und Stolz
 kann jeder erstrahlen
 mit den anderen zusammen.
 Die eine gibt dem anderen und umgekehrt.
 Ein friedliches Miteinander
 könnte das chaotische Gegeneinander ersetzen.
 Das Leben hätte eine neue Qualität.
Gebet

Licht, hilf mir,
 dass ich dich spüren kann!
 Hilf mir,
 dass ich das Isolationsgefühl überwinde!
 Ohne Kontakt zu sein
 zu mir, zu den anderen, zu dir,
 ist schmerzvoll und unerträglich für mich!
 Gib mir Kraft, Licht,
 und Schwung und Liebe.
 Lass mich erblühen in deinen Strahlen.
 Durchflute mich mit deinem Licht und deiner Kraft.
 Schütze mich
 vor meiner Mauer und meiner Enge.
 Hilf mir, Licht,
 dass ich weit werden kann.
Gebet

Liebe, nimm von mir die Schwere,
 die mich erdrücken will,
 fülle mich aus mit deinem Licht.
 Lass deine Strahlen
 in mir Helligkeit bewirken.
 Gib, dass ich von Innen erstrahle
 und dass ich mit dieser Helligkeit
 meine Umwelt erreiche.
 Gib, dass ich eine Hilfe sein kann
 für die vielen suchenden Seelen,
 für die Pflanzen, die Tiere
 und für Mutter Erde.
Gebet

Licht, Geliebtes!
 Du sorgst für mich,
 schaffst mir Möglichkeiten für mein Wachstum.
 Dafür danke ich dir von ganzem Herzen.
 Ich bitte dich, wirke du durch mich,
 dass die Menschen, die von mir Hilfe erhoffen,
 weil sie dich noch nicht gefunden haben,
 von ihrer Schwere befreit werden.
 Hilf, dass ich ganz frei werde
 von meinen eigenen Vorstellungen!
 Lass mich so leer werden, dass du durch mich wirken kannst.

Texte von Heidemarie Schwermer

Sterntaler 6

Der 6. Sterntaler soll nun als zweites auf meiner Homepage erscheinen. Er trägt den Titel:

Lebensqualität – weniger ist mehr

Wenn die Grundbedürfnisse wie ein Dach über dem Kopf,genug zu essen, angemessene Kleidung, befriedigt sind, kann ich da schon von Lebensqualität sprechen, oder beginnt die, wenn der Luxus einsetzt? Und was ist Luxus? Im Lexikon steht: reiche Ausstattung, Verschwendung. In unserer kapitalistischen Welt strebt die Masse Verschwendung an. Je mehr, desto besser. Damit scheint Glück und Reichtum verbunden zu sein.

Obwohl ich kein eigenes Dach über dem Kopf habe, nicht einmal ein gemietetes, obwohl ich heute nicht weiss, was ich morgen essen werde, wie ich von einem Ort zum anderen komme, und andere Selbstverständlichkeiten in meinem Leben nicht selbstverständlich sind, weil ich seit Jahren kein Geld mehr benutze, wächst meine Lebensqualität ständig. Von allem gibt es genug und mehr, so dass ich vieles weiterschenken kann, weil ich mich nicht mit überflüssigen Dingen belasten möchte. Das gehört zu meiner neuen Lebensform, die mit einer Verschiebung der Wichtigkeiten zu tun hat. Mein Lebensentwurf basiert nicht auf Verzicht und Askese sondern auf Einfachheit. Ich strebe nur das an, was ich wirklich brauche. Dadurch schaffe ich mir mehr Zeit für Wesentliches. Die Zeit, die ich sinnvoll nutzen kann und die Freude, die dadurch entsteht, sind in meinem Leben der Luxus.

Zwar erhalte ich die meisten für mich notwendigen Dinge von anderen Menschen, die von ihrem Überfluss abgeben, den sie sich mit Geld erwirtschaftet haben, und so scheint es, dass ich statt vom Geld nun von ihnen abhängig bin und mein Leben komplizierter als vorher sein müsse. Das ist jedoch ein Trugschluss. Achtete ich zu Beginn meines neuen Lebens akribisch darauf, dass ich durch mein Geben das Nehmen sofort ausglich, damit niemand mich für eine Schnorrerin halten könnte, hat sich in den letzten Jahren etwas verändert. Jetzt muss die Gabe anderer keineswegs sofort von mir beglichen werden. Manchmal liegen lange Zeiten dazwischen, oder ein Ausgleich erfolgt durch eine dritte Person. Ausserdem gelingt es mir zusehendst, statt meiner Hände meine Gedanken einzusetzen. So formuliere ich mir einen Wunsch, schicke ihn in den Kosmos und lasse wieder los. Ich erhalte das Gewünschte meistens schon nach kurzer Zeit. Obwohl diese Wunder täglich geschehen und ich sie für selbstverständlich halten könnte, bin ich jedesmal von Freude und Dankbarkeit erfüllt.

Dankbarkeit ist ein wichtiger Schlüssel für die Öffnung der neuen Türen und der neuen Lebensqualität, Dank-barkeit und meine Ge- dank- en. Gelingt es mir, Ängste und Zweifel aufzulösen, dann kann ich etwas überwinden, was als normal angesehen wird, weil wir ja Menschen sind, die sich bestimmten Zwängen unterwerfen müssen. Es gibt schon einige Lebensentwürfe, in denen die Betroffenen sich von diesen Zwängen befreit haben. Vor ein paar Jahren wurde eine junge Frau in verschiedenen Fernsehsendungen präsentiert, weil sie auf die herkömmliche Nahrung verzichtet und nur noch von Licht lebt. Wie oft haben mir Menschen dazu gesagt, dass diese Frau eine Spinnerin sei, dass sie heimlich ässe und was ihnen sonst noch dazu einfiel. Sie wollten nicht glauben, was nicht sein kann.

Ich glaube, dass wir in einer neuen Zeit leben, in der Dinge geschehen, die wir früher nicht für möglich gehalten hätten. Sowie vor 100 Jahren sich kaum jemand vorstellen konnte, dass ein Mensch auf dem Mond landen würde, so werden die Prozesse im geistigen Bereich beschleunigt. Ich nenne das das geistige Wachstum. Geistiges Wachstum können wir dann erzielen, wenn wir uns die Zeit dafür nehmen. Es bedeutet, über Erfahrungen zu Erkenntnissen zu kommen, die neue Verhaltensweisen ermöglichen. Ein wichtiger Prozess besteht im Weg nach Innen, im Meditieren oder Beten, im Sich Besinnen und Sich Ruhe Gönnen. Dabei kann es geschehen, dass sich uns eine ganz neue Welt präsentiert, eine Welt mit Tiefgang und gleichzeitig Einfachheit. Dinge geschehen, die wie Wunder erscheinen, Wünsche und Gedanken erfüllen sich, ohne dass ich handeln muss. Durch das Nach Innen Schauen erreichen wir eine anderen Ebene. Das Leben gewinnt an Qualität und hört auf, ein ewiger Kampf zu sein.

Ich sitze auf dem Bahnhof in Essen und möchte etwas essen, weil mein Magen laut knurrt. Da meine Tasche nichts, aber auch gar nichts Essbares enthält, fange ich an, mir in Gedanken Leckeres vorzustellen. Pizza wäre das Richtige, mit Champignons und Käse oder Artischocken und anderem Gemüse. Hmmm- das Wasser läuft mir im Mund zusammen. Käme doch schon der Zug, damit ich mir in Dortmund wenigstens ne Stulle schmieren könnte.Der kommt aber erst in 20 Minuten. O.k. da kann ich nichts machen. Jetzt beginne ich mich ein wenig umzusehen. Rechts neben mir auf der Bank entdecke ich eine Tüte. Was da wohl drin ist? Ob die jemand vergessen hat? Ich greife danach und merke, dass sie etwas Warmes enthält. Tja, es sind drei kleine Pizzen mit Champignons und Käse und anderem Gemüse. Vor Freude lache ich auf, bedanke mich, nehme mir eine Pizza heraus und lege die Tüte wieder an ihren Platz für den nächsten Hungrigen.

Was ist geschehen? Hat das mit Zauberei zu tun oder mit Mystik? Sicherlich hat jemand die Tüte liegen lassen, weil er oder sie schnell in den Zug springen musste. Wir alle haben schon mal Dinge irgendwo vergessen. Für diese Situation gäbe es auf jeden Fall mehrere Erklärungen. Und dennoch hat sie auch etwas mit mir und meinen Gedanken zu tun.

Vor einiger Zeit las ich, dass unser Gehirn nur zu 10 % entwickelt sei und 90 % brachliegen. Grosse Genies wie Albert Einstein kämen vielleicht auf 15 %. Ich stelle mir vor, was alles möglich sein könnte, wenn wir unser Gehirn weiterentwickeln würden. Stattdessen haben wir unseren Schwerpunkt auf die Beschaffung von materiellem Eigentum gelegt. Wir ackern und rackern von morgens bis abends, um an die wertvollen Dinge zu kommen. Um uns in Schwung zu halten, bestimmen wir selber, dass unser Eigentum sich vergrössern und ständig erneuert werden muss. So gibt es genügend zu tun und kaum noch Zeit, um über das Wieso und Warum nachzudenken. Manchmal fragen wir uns, ob das alles Sinn macht. Aber dann beruhigen wir uns wieder, weil alle es so machen. Dann muss es doch in Ordnung sein. Diejenigen, die nicht mitmachen, aus welchen Gründen auch immer, sind die Verlierer. Sie gelten nichts, weil sie nichts haben. Die meisten dieser Habenichts fühlen sich im Defizit und hätten gern mehr. Also können wir doch froh sein, nicht zu ihnen zu zählen und wenigstens eine Arbeitsstelle zu haben, auch wenn sie uns nicht gefällt. Und so bleibt alles beim Alten.

2

Wie oft höre ich die Frage:“ Warum lebst du ohne Geld? Geld ist doch nicht Schuld am Zustand in der Welt. Wir brauchen es nicht zu verteufeln, im Gegenteil, es vereinfacht die Dinge. Ohne die geniale Erfindung des Geldes hätten wir uns nicht so schnell weiterentwickelt. Das Geld trägt zu einer Motivation für unser Handeln bei. Die Menschen brauchen den Ansporn. Deine Lebensweise würde uns in unserer Entwicklung zurückwerfen und hat darum keine Zukunft für die Masse.“

Bei einem meiner Vorträge sprang genau an dieser Stelle eine junge Frau auf und sagte: „Ich komme aus der ehemaligen DDR. Wir haben uns damals auf die Mauer eingestellt. Niemals hätte jemand auch nur im Traum daran gedacht, dass diese Mauer so einfach verschwinden würde. Sie sollte uns ja schützen vor unserm Feind, der über Nacht unser Retter wurde. Genauso wird es mit dem Geld gehen. Es schafft sich von allein ab, weil es seine Funktion nicht mehr erfüllt sondern inzwischen die Menschen zugrunde richtet.“ Obwohl ich durchaus der gleichen Meinung bin, glaube ich nicht, dass eine Abschaffung des Geldes von heute auf morgen uns wohltun würde. Auch der Mauerfall hat seine Mängel. Er geschah zu schnell. Die Menschen konnten sich nicht bewusstseinsmässig darauf einstellen. Sie schlidderten in eine Freiheit, die rein äusserlich war. Inzwischen präsentieren sich neue Abhängigkeiten, die so manchen Bürger den alten Zustand zurücksehnen lässt. Eine Lösung der Probleme geht nur über Bewusstseinserweiterung und die Arbeit eines jeden an sich selbst.

Das ist mein Kerngedanke für eine neue Zeit. Mitläufertum, Fremdbestimmung, Selbstverleugnung sind vorbei. Stattdessen gehts um Selbstbestimmung, Eigenverantwortung, Selbstbewusstsein. Sicherlich hat unsere Entwicklung- besonders im technischen Bereich – viel mit dem Geld zu tun. Meine Kritiker haben Recht in diesem Punkt. Aber ich glaube, dass der Umgang mit dem Geld ein Übergang ist. Und dass wir jetzt in eine neue Zeit hineinwachsen können, wenn wir uns dafür öffnen.

Dazu fällt mir der Bestseller „Die Möwe Jonathan“ von Richard Bach ein. Es ist inzwischen zu einem Kultbuch geworden, weil die LeserInnen sich mit der Möwe Jonathan identifizieren. Sie kann eines Tages nicht mehr viel Sinn darin sehen, nur hinter den Brotkrumen und Fischen für die Ernährung her zu sein und beginnt darum, die Kunst des Fliegens zu entwickeln. Dabei kommt Jonathan an seine Grenzen, seine Gefühle, seine Begeisterung. Täglich lernt er Neues und möchte von dem neuen Lebensgefühl und der Freude über seine Erfolge abgeben. Die anderen Vögel wollen davon aber nichts wissen.Jonathans Höhenflüge erschrecken und beunruhigen sie, und sie verurteilen ihn zur Emigration. Sie wollen ihn nicht bei sich haben, damit sie ihren gewohnten Lebensstil beibehalten können, ohne etwas zu hinterfragen.

Ich möchte niemanden verurteilen, möchte mich nicht über andere erheben, auch nicht missionieren. Manchmal überfällt mich jedoch eine Traurigkeit und Einsamkeit, weil ich nicht weiss, wo der Ansatz für eine Veränderung in der Welt sein kann. Klar ist mir, dass es nicht wie früher geht, dass eine Idee von allen übernommen werden muss. Oft werde ich gefragt, wieviele meinem Beispiel denn schon gefolgt sind. Meistens wird es nicht verstanden,wenn ich erkläre, dass es darum nicht geht. Ich möchte keine Kopien von mir, nicht den einen Massenweg mit einem neuen austauschen. Vielmehr geht es darum, dass jede den eigenen Weg findet, um in die Kraft zu kommen. Aus dem funktionierenden Menschen soll ein aktiver, lebendiger, freudvoller, solidarischer, verantwortungsbewusster Mensch werden, der den Sinn seines Lebens im geistigen Wachstum sehen kann.

Tja, und wie soll das gehen, wenn wir doch eingebunden sind in die täglichen Aufgaben? Wir können nicht einfach unser Hab und Gut verschenken und als Nomaden durch die Welt ziehen, zumal die meisten eine Familie haben. Nein, darum geht es auch nicht! Der erste Schritt für eine Veränderung besteht darin, im Kopf zu erkennen, dass das heutige System so nicht weitergehen darf. Was zu Beginn ein Ansporn war und durchaus positive Kräfte mobilisierte, hat heute ausgewirtschaftet. Der Kapitalismus mit seiner Profitgier, dem Wachstumswahnsinn, der Ausbeutung, dem Egoismus und dem Machtgehabe darf nicht weiter idealisiert werden. Er hat die Menschen nicht glücklich oder zufrieden gemacht sondern sie in Abhängigkeiten gebracht, die an Sklaverei und Zerstörung grenzen.

Gut, der erste Schritt ist getan. Wir haben etwas erkannt, und nun? Nun geht es darum, herauszufinden, was wir wirklich brauchen. Statt von vornherein das Immer Mehr, Immer Schneller, Immer Besser anzustreben, geht es um die Frage: Was ist wirklich wichtig? Auszurechnen, wieviel Fixkosten auf uns zukommen und wo es Möglichkeiten der Einsparung gibt. Vielleicht ist das Auto längst überflüssig oder der Zeitpunkt gekommen, wo wir die Idee endlich umsetzen, mit der Nachbarin das Auto oder andere Maschinen zu teilen, Kontakt aufzunehmen mit Tauschringen, Umsonstläden und anderen alternativen Gruppierungen. Es gibt schon viele Menschen, die an einem alternativen Leben arbeiten und einiges auf die Beine gestellt haben. Unsere Gedanken dort hinzurichten, bringt auch Farbe in den Alltag. Denn bei allen Unternehmungen spielen die Menschen die Hauptrolle, und darum geht es schliesslich auch: interessante Menschen kennenzulernen.

Bei einem meiner Vorträge kam ich an diesen Punkt. Ich schwärmte über die vielen Kontakte und Freundschaften mit anderen und erboste damit einen Mann, der den Raum verliess mit der Bemerkung: Die hat ja Vitamin B. Dieser Mann führte ein isoliertes Leben und konnte sich nicht vorstellen, wie es anders möglich sein könne. Es geht jedoch darum, die Fähigkeit zu entwickeln, mit anderen zu kooperieren, die Isolation zu überwinden, auf andere zuzugehen und Konflikte auszuhalten und zu bearbeiten. Die Zeit der Individuation war wichtig. Es konnte uns nichts Besseres passieren, als zu Beginn des letzten Jahrhunderts die Herren Freud, Jung, Adler, und wie sie alle hiessen, zu Wort kommen zu lassen und ihnen Gehör zu schenken. So bekamen wir Zugang zu unserer Psyche, entdeckten, dass wir Individuen sind, die mit bestimmten Fähigkeiten ausgestattet und angefüllt sind. Wir lernten uns schätzen und wollten uns nicht mehr von anderen bestimmen lassen. Unser Ego trat an die erste Stelle, die Sippen lösten sich auf. Kleinfamilien und Singledasein spielen nach wie vor eine wichtige Rolle. Die Schattenseite dieser Entwicklung besteht in der Unfähigkeit, unser Herz zu öffnen. Wir halten fest an der eroberten Unabhängigkeit, die uns längst wieder in neue Abhängigkeiten gebracht hat. Als Individuum stehen wir allein da, haben die Geborgenheit der Gruppe verloren, und Kampf bestimmt den Alltag. Kampf um Rechte, um Vorteile, um Ansehen und viele Dinge, die uns wichtig scheinen. Diese Kämpfe rauben uns Energien und es bleibt nichts für eine Umpolung.

Wie oft höre ich Menschen sagen: Was soll ich denn tun? In meinem Leben gibt es überhaupt keine Möglichkeit, auszubrechen. Alles ist so festgefahren. Ich wüsste z.B. nicht, wo ich anfangen könnte mit dem Sparen, von dem du sprichst. Auch die Menschen, die in meiner Umgebung wohnen, interessieren mich nicht. Darum hätte ich keine Lust, irgendetwas mit ihnen zu teilen. Trotzdem fühle ich mich einsam und hätte gern Freunde. Aber ich habe keine Ahnung, wie ich eine Änderung erzielen kann.

Da wären wir beim nächsten Schritt, der mit der Veränderung unserer Sichtweise zu tun hat und mit der Danklbarkeit. Um die Schwere und Aussichtslosigkeit unserer Situation zu überwinden, müssen wir in eine neue Leichtigkeit kommen. Statt zu sagen: „Womit habe ich das verdient“ oder „warum ausgerechnet ich?“ oder „Der oder die hat Schuld an meinem Leid“ legen wir nun den Focus auf die vielen Geschenke, mit denen wir verwöhnt werden. Der Tag könnte so beginnen: Danke, dass ich einen neuen Tag erleben darf, dass die Sonne scheint, dass ich keine Schmerzen habe. Danke, dass es den Luxus einer Dusche gibt, dass ich genug zu essen habe, dass ein Kind an meinmer Seite ist. Danke, dass ich laufen, sprechen, sehen, hören kann. Danke, danke!

Vor Jahren habe ich mir ein kleines Lied ausgedacht mit einer eigenen Melodie, das ich ständig in meinem Kopf bewegte und sang: Dankbarkeit füllt mich aus; Dankbarkeit füllt mich aus. Wenn ich allein in der Natur war, sang ich es auch laut. Beim Singen geschah etwas: Alle Sorgen lösten sich auf – zumindest für den Augenblick des Gesangs. Eine Leichtigkeit stellte sich ein, die jedesmal länger anhielt. Der Druck der Schwere, den ich oft in der Magengegend verspürt hatte, löste sich allmählich auf. Natürlich gibt es auch heute immer mal wieder Situationen, bei denen ich in eine Schwere falle. Im Gegensatz zu früher weiss ich, dass diese Knoten auch Geschenke für mich sind, aus denen ich lernen kann. Weil ich heute nicht mehr lange im Lamentieren steckenbleibe, löst sich alles schneller auf. Und dafür bin ich dankbar.

3

Zur Zeit beobachte ich, dass viele Menschen nach gemeinschaftlichem Wohnen streben. Jahrelang planen und suchen sie nach geeigneten Objekten. Haben sie endlich gefunden, was finanziell erschwinglich, in guter Lage und überhaupt ideal zu sein scheint, wechseln sie beglückt in ihr neues Domizil. Ein paar Monate oder sogar Jahre läuft alles gut. Dann jedoch lassen die gemeinsamen Aktionen nach, und die ersten ziehen aus. Ähnlich geschieht es in den Ehen, in denen sich die Brautleute ewige Treue versprochen hatten. So viele Ehescheidungen wie heute gab es noch nie. Was geschieht da? Gibt es Lösungen?

Die meisten Konflikte entstehen, weil wir so leicht verletzbar sind. Ein falsches Wort kann uns aus der Bahn werfen, ein schiefer Blick uns in Rage bringen und nach Rache sinnen lassen. Der Feldzug ist eröffnet und führt uns in eine Richtung, die alles zerstören kann. Das kennen wir zur Genüge. Darum müssen wir in unsere Kraft kommen, jede Einzelne von uns. Die begonnene Individuation ist im Äusseren steckengeblieben, hat die Tiefe nicht erreicht und darum viele Nachteile erzielt. Jetzt können wir das Versäumte nachholen, uns in Dankbarkeit nach Innen richten und dort die Geheimnisse des Lebens entdecken.

Unsere Gedanken spielen dabei eine wichtige Rolle. Beim Meditieren geht es darum, sie zur Ruhe zu bringen, uns leer zu machen, damit etwas Neues einkehren kann. Die alten Glaubenssätze aufzulösen, die uns suggerieren, dass wir nicht genügen und ersetzen durch unser Wissen um unsere wunderbare Einmaligkeit. Da jeder von uns nur ein Rädchen im Getriebe ist, nicht mehr und nicht weniger, tragen wir alle bei zum Gelingen des Ganzen. Jeder von uns ist darum etwas Besonderes. Unsere individuellen Glaubenssätze, die meistens sehr negativ sind, stören die Harmonie und das Gleichgewicht und müssen darum aufgelöst werden.

Das kapitalistische System ist da ganz anderer Meinung. Denn hier zählt nur, wer etwas leistet. Menschen zwischen 25 und 40 Jahren sind am wertvollsten, weil sie auf der Höhe ihrer Leistungsfähigkeit stehen. Wenn sie dann noch studiert und sich sogar einen Titel erworben haben, können sie nicht überboten werden. Es sei denn, wir schauen in die Branche der Medien, wo Schönheits- und Körperwahn herrscht, der mit viel Geld ausgezeichnet wird. Allerdings ist die Schnelllebigkeit hier am deutlichsten zu spüren, denn wieviele Hochgepriesene werden bald wieder fallengelassen und in die Anonymität verabschiedet.

Auf einer meiner Reisen wohnte ich für drei Tage in einer Familie, in der es neben den Eltern vier Töchter gab. Drei von ihnen lernte ich kennen, weil sie noch zu Hause wohnten. Darunter war eine mit einem down syndrom. Sie begrüsste mich mit den Worten: „Ich mag dich“ und umarmte mich. Dann kehrte sie in ihr Zimmer zurück und beschäftigte sich mit ihren eigenen Angelegenheiten. Im Laufe meines Besuchs erfuhr ich, dass durch die Geburt dieses Kindes sehr viel geschehen war. Da die Eltern nicht wollten, dass ihre Tochter isoliert von den „normalen“ Kindern aufwuchs, gründeten sie zunächst mit 10 anderen Familien ein Dorf, in dem viele Kinder zusammenspielten und sich alle austauschten. Angestachelt von dem erfolgreichen Unternehmen initiierten die Eltern dann noch eine freie Schule, die das behinderte Kind gemeinsam mit den Schwestern besuchte. Jetzt stand das Mädchen gerade vor der Entscheidung, wie es weitergehen sollte. Trotz der Behinderung verfügte sie über eine grosse Portion Selbstbewusstsein und verbreitete mit ihrem freundlichen Wesen und ihrer Direktheit viel Freude. Sie hatte Mitspracherecht in Familienangelegenheiten und wurde von der Familie und den Nachbarn sehr geliebt. Noch ist es gar nicht solange her, dass Behinderte bei uns keine Lebensberechtigung hatten. Schwangere Frauen dürfen heute noch abtreiben, wenn sich bei der Untersuchung herausstellt, dass das Kind behindert ist. Es ist unsere kollektive Einstellung, die bestimmt, was wertvoll oder minderwertig ist. Auch davon werden wir geprägt und unsere Glaubenssätze beeinflusst.

Dagegen anzugehen, ist gar nicht so einfach und erfordert viel Stärke. Es ist wichtig, dass wir anfangen, die Dinge zu überprüfen, unsere Meinung zu entwickeln und sie zu vertreten. Es handelt sich sozusagen um einen Reinigungsprozess, um eine Umstrukturierung unserer Gedankenwelt. Vor einiger Zeit erhielt ich eine Flasche mit Wasser, das von allen Schadstoffen befreit ist. Ein paar Tropfen aus dieser einen Flasche säubern alles andere verschmutzte Wasser, das dazukommt.Und so kann alles durch die Vermischung wieder lebendig werden. Genauso stelle ich mir das mit den Menschen vor. Jeder beginnt bei sich mit der Heilung und kann dann viel weitergeben. Die Aufräumarbeiten in uns lassen sich nicht von heute auf morgen erledigen. Dieser Prozess dauert unser ganzes Leben lang. Schritt für Schritt geht es voran, und manchmal sind die Schritte so klein, dass wir unseren Fortschritt bezweifeln und am liebsten alles aufgeben. Aber das Durchhalten lohnt sich, denn es führt uns in ein sinnvolles Sein. Plötzlich bemerken wir, dass der Nachbar, den wir nicht leiden konnten über all die Jahre, auch Liebenswertes hat. Wir spüren, dass die Konkurrenz zwischen uns und anderen sich aufgelöst hat. Dann stellen wir fest, dass das Körpergefühl ein anderes geworden ist. Die Schwere hat einer Leichtigkeit Platz gemacht. Wir atmen tiefer durch und fühlen uns häufig beschwingt. Nun müssen wir nicht mehr so viel konsumieren, sind nicht mehr so abhängig von der Meinung anderer, und alles wird leichter. Und dann sind da die Zeichen. Sagen wir am Anfang noch ganz erstaunt: „Was für ein Zufall“ merken wir bald, dass es sich nicht um Zufälle handelt sondern um Führung. Die Zeichen, die für jeden da sind, gilt es, zu entdecken und wertzuschätzen. Denn durch sie wachsen wir in eine neue Dimension. Wir fühlen uns beschützt und geborgen, eingebettet in das grosse Ganze und können unsere Sorgen ablegen.

Eine Freundin besucht mich in dem Haus, das ich hüte. Da es etwas einsam gelegen und schlecht zu erreichen ist mit öffentlichen Verkehrsmitteln, leistet sie sich für die Hinfahrt ein Taxi. Die Rückfahrt muss jedoch anders gestaltet werden. Es gibt eine Bushaltestelle, zu der ich sie begleite. Eine Passantin teilt uns mit, dass der Bus wahrscheinlich heute nicht fährt. Wir überlegen noch, was sie stattdessen machen könnte, als sich die Tür des gegenüberliegenden Hauses öffnet, ein junger Mann herauskommt mit gezücktem Autoschlüssel und in sein geparktes Auto steigen will. „Entschuldigung“, spreche ich ihn an,“fahren Sie vielleicht in die Stadt?“ „Ich kann Sie gern mitnehmen,“ bietet er sofort an. Die Freundin sagt:“Was für ein Zufall,“ und steigt ein. Können wir solche Situationen als freudige Überraschungen und Geschenke empfinden, hellt sich unser Alltag auf und wird abenteuerlich. Oft sind es Kleinigkeiten , nicht der Rede wert, eben Zufälle, aber gerade auf sie kommt es an. Sie bringen uns in den Augenblick, unterbrechen unsere Grübeleien und schenken uns das Gefühl der Geborgenheit.

In vielen Gesprächen mit ganz unterschiedlichen Menschen geht es um die Frage: Wer bestimmt eigentlich unser Leben? Sind wir es selber mit unserer Gedankenkraft oder gibt es auch noch Kräfte von aussen, die alles regeln? Haben die Kirchen Recht, wenn sie behaupten, dass nur mit Gott etwas laufen kann? Dass wir ohne Gott aufgeschmissen sind und schon sehen werden, was wir davon haben? Vor ein paar Tagen wurden einige Passanten auf der Strasse vom Fernsehen interviewt zu der Frage: Haben Sie heute schon gebetet? Fast alle bejahten, verneinten jedoch die zweite Frage: Gehen Sie regelmässig in die Kirche? In einer Zeit, in der Hektik und Betriebsamkeit an erster Stelle stehen, ist für Einkehr und Ruhe nicht viel Platz. Die Sehnsucht nach Geborgenheit und Liebe hat die Menschen aber nie verlassen. Das konnten auch der Rationalismus und die Aufklärung nicht verhindern. Der Esoterikboom in den 80ern hat damit zu tun. Und die neue Friedensbewegung, die Millionen von Menschen zu Beginn dieses Jahrtausends auf die Strassen und in die Kirchen trieb, zeigt, dass schon viele in den Startlöchern stehen und nur darauf warten, sinnvoller zu leben. Instinktiv spüren wir, dass es noch mehr geben muss als das, was zur Zeit idealisiert wird. Aber die Lehre der Kirche leuchtet uns nicht mehr ein. Der patriachalische Gottvater auf dem Thron hat an Überzeugungskraft verloren. Zu viel Leid hat er in der Welt zugelassen zum Unverständnis der Gläubigen. In seinem Namen geschahen Kriege, Zerstörung, Verfolgung, Unrecht. Der Begriff Gott wurde über Jahrtausende missbraucht und oft für eigene Zwecke ausgenutzt.

Heute stehen wir an einem Wendepunkt. Auch hier gilt es, die Abtrennungen aufzuheben und in eine Einheit zu tauchen. Religionskriege gibt es, weil die sich gegenüberstehenden Gegner glauben, ihr Gott sei der beste. Missioniert wird aus ideellen oder ökonomischen Gründen oder aber aus Machtgelüsten. Konkurrenz und Machtkämpfe haben in Glaubensfragen nichts zu suchen. Würden wir uns gegenseitig zugestehen, dass wir durchaus in der Lage sind, unseren eigenen Weg zu finden und zu beschreiten, müsste sich niemand über den anderen stellen, um zu bestimmen, wo es langzugehen hat. Religionsgemeinschaften waren durchaus berechtigt und brachten die Menschen in ihrer Entwicklung weiter – genau wie das Geld. Aber auch sie sind meiner Meinung nach ein Übergang. Natürlich darf es weiterhin Lehrer oder Priester geben, die eine Botschaft vermitteln, allerdings nur unter der Prämisse des Angebots nicht des Zwangs. Wir müssen endlich lernen, tolerant zu sein. Das könnte uns gelingen, wenn wir im anderen den Kern entdecken, der uns alle miteinander verbindet. Unsere gegenseitige Akzeptanz brächte uns zu einer Kooperation. Zusammen würden wir beginnen, eine harmonische Weltordnung herzustellen.

Ich bin mal wieder in einer Schule zu Gast. Auf dem Stundenplan steht Ethik. Die Schüler wählten dieses Fach als Ersatz für Religion. Die meisten von ihnen glauben an keinen Gott. Meine Beweggründe für ein Leben ohne Geld können sie kaum verstehen. Ich spreche von meiner Vision einer neuen Welt. Meine Begleiterin, eine erklärte Atheistin, ergänzt meine Vision mit ihren Worten. Überrascht lausche ich, hatte ich doch bislang geglaubt, dass nur spirituelle Menschen mich verstehenökönnten. Da jedoch sitzt eine, die genau dasselbe vertritt wie ich und kein bischen spirituell zu sein scheint. Dankbar bin ich für diese Erfahrung, denn sie bringt mich zu der Erkenntnis, dass ich noch mehr Urteile loslassen und toleranter werden kann. Es ist egal, ob wir Christen, Buddhisten, Mohamedaner oder anders Gläubige sind, ob wir den Begriff Gott verwenden oder Energie, Universum oder Kosmos dazu sagen, ob wir mit den Engeln kooperieren oder in der Natur unser Glück finden. Ja, sogar Atheisten, Agnostiker und wie sie alle heissen, die Gottlosen, können zu einer schöneren Welt beitragen, und darum geht es letztendlich. Die Trennung zwischen Himmel und Erde – im Himmel ist die Freude, auf der Erde das Leid angesiedelt- hat die Menschheit in grosse Abhängigkeit und Ohnmacht gebracht. Jetzt geht es darum, den Himmel auf die Erde zu holen. Dazu müssen wir Ängste auflösen, die meist unbegründet sind. Die Angst ist unser grösster Feind, sie gilt es zu überwinden und sie durch Liebe zu ersetzen.

Folgende Geschichte wurde mir vor einiger Zeit erzählt:
Eine gestorbene Seele wird im Jenseits herumgeführt, um sich alles anzuschauen und zu entscheiden, wo sie sich in Zukunft aufhalten möchte. Sie betritt mit ihrem Begleiter einen Raum, in dem viele Wesen um einen Tisch herum sitzen. Jedes ist mit zwei langen Gabel versehen, die an den Armen festgebunden sind . Die Wesen bemühen sich eifrigst, die Speisen, die auf dem Tisch stehen, in den Mund zu bugsieren. Es geht eine grosse Verzweiflung von ihnen aus, denn niemandem gelingt es, auch nur ein aufgespiesstes Stück in den Mund zu bringen. Stöhnen und Jammern erfüllt den Raum, weil der Hunger nicht gestillt werden kann. „Das ist die Hölle,“ sagt der Begleiter. „Jetzt gehen wir in den Himmel.“ Auch hier steht ein Tisch in der Mitte des Raums, und auch die langen Gabeln sind da. Aber etwas ist ganz anders, nämlich das Verhalten der Wesen um den Tisch herum. Sie lachen und scherzen und – füttern sich gegenseitig. Jedes gibt und nimmt gleichzeitig. Das aufgespiesste Essen wandert in den Mund des Nachbarn, und von einer anderen Seite wird Leckeres gereicht. Mir gefällt diese Geschichte sehr, zeigt sie doch, dass allein durch unser Verhalten die Welt sich komplett veändert. Solange jeder für sich rackert, sich bemüht, sein Schäfchen ins Trockene zu bringen, wird das Leben mühselig und freudlos sein. Im Miteinander sieht es ganz anders aus. Wir können uns gegenseitig die Sorgen abnehmen, können den anderen mit unserer Präsenz bereichern und erfreuen. Je mehr wir uns verschenken, desto mehr erhalten wir. So sind die Gesetze im Kosmos.

Oft werde ich gefragt, ob es nicht demütigend für mich sei, immer von der Hilfe anderer abhängig zu sein. Schliesslich würden andere für mich die Brötchen kaufen, und ich sei doch so etwas wie eine Almosenempfängerin. „Sicher haben Sie viele Freunde, die Ihnen helfen,“ heisst es dann. Aus der Sicht der Geldlogik haben sie Recht. Das Geld schafft Unabhängigkeit, und ohne Geld bin ich zunächst mal ein „armer“ Mensch, der von anderen versorgt werden muss. Auch wenn das Tauschen an erster Stelle steht, scheine ich aber doch die Unterlegene zu sein, denn ich brauche die Gaben der anderen, während diese meine Gegengaben als Zusatz bekommen. Wäre es nicht einfacher, die Grundbedürfnisse sich selber zu erfüllen und aus dieser Sicherheit heraus zu tauschen und zu teilen? Das ist eine der häufigsten Fragen an mich.

Es ist der Prozess des Loslassens der eigenen Welt, der Aufösung der eigenen Grenzen, um mit dem Ganzen zu verschmelzen, was ich in den letzten Jahren gelernt habe. Die Wesen in der Geschichte mit den langen Gabeln mussten sich auch aus ihrer eigenen Welt lösen, um zu entdecken, dass die gegenseitige Abhängigkeit zum Wohle aller war. Sich mit dem Herzen begegnen, will gelernt sein. Hochmut, Dünkel, Misstrauen, Zweifel u.a. müssen wir auflösen, um frei und liebevoll zu werden. Dann können wir die Ängste aufgeben, die uns zur Zeit belasten. Im Miteinander stark zu werden und gemeinsam unsere Werte zu schätzen und selbstbewusst zu sein, wird eine wichtige Aufgabe in der neuen Welt.

ei der Einrichtung meines einfachen Lebensstils werde ich unterstützt von den Engeln, die mit Eifer sich Dinge ausdenken, um auf sich aufmerksam zu machen. Sei es, dass sie minutenlang Uhren anhalten, um sie dann normal weitergehen zu lassen, dass sie Radios an und ausstellen, dass sie mir Dinge hinlegen oder bringen lassen, dass sie mir Texte zuspielen, die ich gerade brauche und vieles mehr. Es ist eine grosse Freude für mich, die Zeichen aus einer anderen Welt wahrzunehmen und mich mit ihnen einzurichten. Dadurch wächst mein Vertrauen, das ich auch mit Gottvertrauen bezeichne, denn Gott spielt in meinem Leben auch eine wichtige Rolle. Wenn mir eine Freundin sagt, dass es die Buddhas sind, die sie unterstützen oder die eigene Gedankenkraft oder die Naturgeister ist mir alles Recht. Letztendlich geht es darum, dass wir das irdische Leid verlassen, um in himmlische Glückseligkeit zu wachsen.

Und wie soll das gehen? Himmlische Glückseligkeit können doch höchstens ein paar Heilige erreichen, die sich mit nichts anderem beschäftigen als mit der geistigen Welt. Für uns Menschen, die wir in einer Realität leben, die eher düster aussieht, kommt das wohl nicht in Frage, wenn wir uns nicht den Engeln verschreiben wollen, oder?
Glückseligkeit hat mit Leichtigkeit zu tun. Kann es uns gelingen, im Alltag die erdrückende Schwere loszuwerden?

Ich fahre mit dem Zug in eine andere Stadt. Ein älteres Ehepaar steht hibbelig am Ausgang und wartet darauf, dass der Zug endlich zum Stehen kommt. Aber das Signal springt einfach nicht auf grün, und so verstreichen die Minuten. „Wir schaffen den anderen Zug nicht mehr. Jetzt müssen wir eine Stunde warten. So ein Ärger,“ jammert die Frau. „Oh,“ sage ich, „darf ich mich mal einmischen? Ich habe für solche Fälle eine Lösung gefunden. Nämlich mir den nächsten Zug herauszusuchen, der zu meinem Ziel fährt. Ist es zufällig ein Zug, für den normalerweise Zuschlag gilt, steige ich trotzdem ein.“ „Das darf man doch nicht. Da müssen Sie Strafe zahlen,“ sagt der Mann. „Muss ich nicht,“ antworte ich. „Wie oft sind im letzten Jahr Züge einfach ausgefallen, ohne dass die Bahn Ersatz dafür geschaffen hat. Wie oft habe ich gedacht warum beschwert sich niemand? Und nun habe ich für mich diese Lösung gefunden, für die ich auch kämpfe. Bislang musste ich keine Strafe zahlen.“ „Nein, das bringt doch nichts, das ist viel zu aufregend. Das lassen wir lieber.“ Bevor sie aussteigen, weil der Zug nun endlich hält, sagt die Frau noch: „Was nützt es, wenn wir so handeln? Die andern machen doch sowieso nicht mit.“ „Es geht darum, dass irgendwer irgendwo mal anfängt, Eigenverantwortung zu übernehmen. Schliesslich sind wir keine Marionetten, die sich alles gefallen lassen müssen,“ rufe ich noch hinterher und setze mich zufrieden auf meinen Platz. Vielleicht ist dieses Beispiel nicht so gut, weil das Recht nicht ganz auf meiner Seite ist. Dennoch handelt es sich für mich um „zivilen Ungehorsam“. Ich möchte mich nicht abfinden mit etwas, was leicht zu verändern ist. Und wenn die andere Seite nicht darauf kommt, bringe ich sie dazu mit meiner Handlung. Bei solchen Situationen schlägt mein Herz schneller, denn natürlich bin ich aufgeregt, wenn der Schaffner kommt und ich nicht weiss, wie er reagieren wird. Bei den Demonstrationen in den 80er Jahren ging es mir ähnlich, denn damals bin ich auch schon mal von Polizisten gejagt worden. Die Kraft, dennoch wieder teilzunehmen am nächsten Protestmarsch erhielt ich durch die Überzeugung, dass es richtig war, sich gegen Dinge zu stellen, die der Menschheit schaden. Mit meinem Bewusstsein hinterfrage ich Gegebenheiten, die von Menschen erfunden wurden, um sie notfalls zu korrigieren. Ich fühle mich nicht ausgeliefert sondern bin verantwortliche Akteurin. Dadurch bringe ich meine Energien in Fluss und wachse in eine körperliche und geistige Leichtigkeit.

4

Es sind die kleinen Schritte, die uns weiterbringen, kleine Schritte in Richtung Vision. Die allerdings ist überaus wichtig. Ohne Vision geht nichts. Auch wenn sie idealistisch und unerreichbar scheint, sollte sie stehenbleiben und nicht ständig verändert werden. Auf dem Weg zur Vision dürfen wir uns einzelne Ziele setzen, die in verschiedene Richtungen gehen können. Ziel kann z.B sein, in unterschiedlichen Lebensbereichen etwas zu verändern. Sei es dass wir an unserem ganz speziellen Lebensmuster arbeiten oder uns mit anderen auseinandersetzen, dass wir im Grösseren auf der politischen Ebene etwas erkämpfen oder oder. Es gibt so viele Möglichkeiten und Herangehensweisen, um kreativ und aktiv mitzuwirken am grossen Ganzen. Mahatma Gandhi sagt in einem Gedicht, das grösste Hindernis für den Fortschritt sei, dass die Menschen skeptisch gegenüber der Erreichung ihres Ziels sind und darum erst gar nicht mit der Verwirklichung anfangen. Das hat mit der Angst vor Versagen, vor Schmerzen oder vor Fehlern zu tun. In unserer Gesellschaft sind Fehler nicht erwünscht. Schnell wird die Schublade Verlierer aufgezogen, und da möchte niemand hinein. Also hält er fest an dem Bekannten, wagt kein Risiko und verkümmert lieber im grauen Alltag. Das senkt die Lebensqualität und schränkt die Menschen ein. Wieviel angenehmer ist ein Leben, in dem ausprobiert werden darf, in dem geprüft wird, ob etwas so stimmt oder nicht, um notfalls einen anderen Weg einzuschlagen, immer die grosse Vision im Herzen.

Meine Vision hat mit einer neuen Welt zu tun. Es ist eine Welt, in der es keine Kriege gibt, in der die Menschen wohlwollend, sich gegenseitig unterstützend miteinander umgehen. Das Wort Konkurrenz wird durch Mit- und Füreinander ersetzt, Hass und Angst durch Liebe, Geiz durch Teilen, Gier durch Zufriedenheit und und und. Wenn ich von dieser Vision spreche, werde ich oft gebremst oder erheische ein skeptisches Lächeln, weil die Welt zur Zeit so ganz anders aussieht. Doch schon unsere Gedanken in eine Vision zu geben, bewirkt etwas. Durch unsere positive Haltung reinigen wir die Energien um uns herum. Wenn das jede tut, kann die Welt in einem neuen Licht erstrahlen. Mir ist natürlich bewusst, dass es eine Menge Störungen in uns gibt. Wären wir so rein und klar wie das Licht, hätten wir nicht auf die Erde kommen müssen, denn ich glaube, wir sind hier, um unser Bewusstsein zu erweitern. Das geschieht durch die kleinen Schritte, mit denen wir Hindernisse und Störungen bearbeiten können. Die meisten Menschen möchten Harmonie und Eintracht im Alltag haben und neigen dazu, Dinge zu verdrängen, nicht hinzuschauen, sich etwas vorzugaukeln. Störungen als Hilfe anzunehmen, ist nicht leicht. Inzwischen erkennen aber immer mehr Menschen, dass z. B. Krankheiten uns Botschaften geben wollen oder Misserfolge eine Wegänderung verlangen. Auch Probleme, die mit anderen Menschen auftreten, haben ihren Sinn. Statt den Störenfried zu verdammen oder sich an ihm zu rächen, sollten wir uns bemühen, herauszufinden, warum wir so erbost oder verletzt sind. Sicher steckt eine Lektion für uns dahinter. Oft wird uns etwas gespiegelt, was wir an uns selber nicht leiden können und so gut verdrängt hatten. Nun kommt jemand daher und verursacht ein negatives Gefühl in uns. Dieses negative Gefühl gilt es aufzulösen. Andernfalls verfallen wir in Depressionen, Aggressionen oder andere Krankheiten.

Eine Freundin besucht ihre Mutter im Krankenhaus. Der Arzt hat der Tochter erzählt, dass die Krankheit tödlich ist. Die Mutter will davon nichts wissen und gibt sich fröhlich. „Ich kann sicher bald wieder nach Hause und werde gesund“, freut sie sich. Die Tochter ist verwirrt und bemerkt plötzlich einen leichten Ärger in sich hochsteigen. Warum muss die Mutter sogar noch am Ende ihres Lebens sich etwas vormachen? Warum ist sie nicht bereit, die Chance wahrzunehmen und sich auseinanderzusetzen, ihre Lage zu thematisieren und Erkenntnisse daraus zu erlangen? Und dann die Frage: Warum ärgere ich mich darüber? Ich kann doch froh sein, dass es ihr nicht so schlecht geht, dass sie sich selber Mut machen möchte und vielleicht sogar Erfolg damit hat. Bei weiterer Überlegung stellt sie fest, dass sie früher genau wie die Mutter alles verdrängt hatte und sich dadurch sehr viele Wachstumschancen hat entgehen lassen. Sie ärgert sich über sich selber. Als sie das klar hat, fühlt sie sich besser. Sie kann jetzt ihrer Mutter Licht und Liebe schicken und ihr das Beste wünschen, was sie nötig hat. Für sich selber beschliesst sie, noch aufmerksamer zu sein und alle Schatten und unangenehmen Gefühle in Zukunft hochkommen zu lassen, um sie zu bearbeiten.

Eine andere Freundin beschwert sich über ihre Schwester, die neidisch und missgünstig sei. „Fürchterlich, immer diese Konkurrenz“, stöhnt sie. In einem Gespräch klären wir, dass sie selber genau diese Gefühle gegenüber ihrer Schwester empfindet und sich deswegen darüber aufregt. Nach ihrer Erkenntnis kann sie anders mit der Situation umgehen, nämlich verständnisvoll und verzeihend.

Hier noch ein weiteres Beispiel:
Ich bin mal wieder zu einem Tauscheinsatz geladen. Die Mutter geht aus, und ich hüte ihren kleinen Sohn. Wir haben viel Spass, und ich freue mich, bei ihm zu sein. Nach einiger Zeit spüre ich Hunger. Leider hat die Mutter vergessen, uns etwas hinzustellen. Auch als sie wiederkommt, bietet sie nichts an, und ich verlasse hungrig diese Stätte. Schon unterwegs auf meinem Weg in die Wohnung, in der ich zur Zeit lebe, merke ich eine Traurigkeit in mir aufsteigen. Tränen rollen mir übers Gesicht. “ Warum sind die Menschen so gleichgültig gegeneinander,“ schluchzt es in mir. Eine Flut von Vorwürfen habe ich parat, auch gegen andere Bekannte und Freunde, die nur ihr eigenes Wohl im Auge haben. Bei dem Gedanken „sie sind einfach blind für andere“ horche ich auf. Gerade bin ich dabei, ein Buch über klares Sehen durchzuarbeiten und stelle immer wieder fest, wie schlecht ich sehen kann. Natürlich habe ich mir schon häufig die Frage gestellt, was ich mir denn nicht anschauen möchte in meinem Leben. Nun knüpfe ich eine Verbindung. Im Grunde bin ich es, die das Leid der anderen nicht sehen möchte. Ich habe mich eingerichtet in meinem Netzwerk und begegne anderen, die nicht dazu in der Lage sind, sich so ein Werk aufzubauen, oftmals gleichgültig oder sogar hochmütig. Dieser Gedanke sitzt. An ihm denke ich weiter und beschliesse ein paar Veränderungen in der nächsten Zeit. Damit fühle ich mich viel besser, sogar der Hunger ist vergangen. Als ich später der Mutter von meiner Pein berichte, schimpft sie mit mir: „Warum hast du denn nicht gesagt, dass du Hunger hast. Ich kann doch nicht in dich hineinsehen.“Natürlich hat sie Recht. Trotzdem bedanke ich mich bei ihr für ihr Verhalten, weil ich durch sie eine wichtige Lektion gelernt habe. Bei unserem üppigen Mahl, das sie mir nun beschert, versuche ich zu erklären, wie das mit dem Spiegeln geht.

5

Weniger ist mehr – was bedeutet das? In einer Gesellschaft, in der der Produktionszuwachs, das übermässige Konsumieren, das Haben Wollen und Sollen, das immer mehr Teil des Systems ist und zur Zielsetzung gehört, scheint es schwer verständlich, das Weniger ist mehr als Ideal anzunehmen. Darum ist es wichtig, sich in verschiedenen Bereichen umzusehen, um die Bedeutung zu überprüfen.

In Ernährungsfragen wird am ehesten deutlich, wie sehr das Immer Mehr schaden kann. Wir stopfen uns voll, ohne darüber nachzudenken, was die Dinge, die wir essen, in unserem Körper bewirken. Viele Krankheiten entstehen durch zu vieles und falsches Essen. Daraus wiederum Schuldgefühle und Unwohlsein… Es gibt unzählige Bücher über Ernährung. Neben wissenschaftlichen Untersuchungen stehen die Erfahrungsberichte, Diätpläne und und…

Vor mehr als zwanzig Jahren begann ich, mich mit diesen Fragen auseinanderzusetzen. Mein erstes Fasten – sorgfältig vorbereitet und mit zwei Freundinnen gleichzeitig durchgeführt- prägte sich mir derart ein, dass ich heute noch die Gefühle von damals abrufen kann. Ich weinte, morgens, mittags, abends. Die grosse Trauer überfiel und erschreckte mich. War mein Leben bislang doch nicht schlecht gewesen, normal so wie die vielen Leben um mich herum auch. Funktioniert hatte ich, gelernt, studiert, meinen Beruf ausgeübt, meine Kinder versorgt. Und nun das! Meine Gefühle lagen bloss, liessen sich nicht verdrängen, nicht zustopfen oder wegtrinken. Nein, diese traurige Frau war ich! Drei Tage weinte ich und dachte über die Gründe nach. Dann beschloss ich, Dinge in meinem Leben zu ändern. Ich wollte wahrhaftiger und ehrlicher mir selbst und anderen gegenüber werden. Die 10 Fastentage waren so intensiv, so lebendig und brachten mich an meine unterschiedlichen Gefühle – die anfängliche Trauer machte einer Freude und später unbeschreiblichen Glücksgefühlen Platz – dass ich von da an dreimal im Jahr diese Prozedur wiederholte. Der Reinigungsprozess, der sich auf der körperlichen, seelischen und geistigen Ebene vollzog, brachte mich jedesmal ein Stück weiter. Der Verzicht machte mich reich! Im Laufe der Jahre kam ich zu einer bewussten Ernährung, die ich hin und wieder ein wenig korrigiere, wenn es mir nötig erscheint.

Zehn Tage nichts zu essen, ist für viele Menschen nicht durchführbar. Beruf, Kinder, Haushalt oder andere Umstände lassen es nicht zu. Hier zählen wieder die kleinen Schritte. Einmal in der Woche oder sogar nur einmel im Monat einen Tag verzichten, kann schon eine Menge bewirken. Oder nur mal für eine Woche den Alkohol, den Kaffee oder die Süssigkeiten weglassen. Letzendlich geht es um Bewusstmachen und den Alltagstrott verlassen, um wach und lebendig für den Augenblick zu werden.

Eine andere Übung, die ich sehr empfehlen kann, sind die Wüstentage. Ein Wüstentag sieht so aus, dass es keinerlei Planung für den Verlauf des Tages gibt, nur den Vorsatz, sich einzulassen. Eine Zeitlang machte ich das einmal im Monat und erlebte Abenteuer, die sich meist im Innern abspielten, die mich zu mir selber brachten und mir neue Erkenntnisse verschafften. Am Vorabend packte ich einen kleinen Rucksack für ein Picknick und schlief mit meinem bekannten Reisegefühl ein, das aus Vorfreude und Abenteuerlust bestand. Nur diesmal musste ich keine aufwendigen Flugtickets buchen oder andere Ausgaben tätigen. Nein, alles war sehr einfach. Beim Verlassen des Hauses erlebte ich das erste Abenteuer unmittelbar vor der Tür. In welche Richtung würde ich gehen? Nach rechts, nach links, zum Bahnhof? Wem würde ich begegnen, wo mein Picknick einnehmen? Jede Faser in mir war hellwach, um auch ja nichts zu übersehen, was den Tag zu einem Abenteuer machen konnte. Oft landete ich im Wald, manchmal aber auch in einer Kunstausstellung, in einer anderen Stadt oder an der Seite eines Flusses, der mich Fliessen und Loslassen lehrte. Die Natur öffnete sich für mich oder besser, ich nahm sie anders wahr und lernte von ihr. Bäume winkten mit ihren Blättern, Blumen lächelten mir zu, Schmetterlinge tanzten für mich oder manchmal auch mit mir, wenn es keine anderen Spaziergänger gab. Das Gefühl, dazuzugehören, Teil von allem zu sein, stellte sich fast jedesmal ein und füllte mich total aus.

Das Weniger ist mehr wird zur Zeit in manchen Kindergärten ausprobiert. Als Experiment verschwinden alle gekauften Spielsachen für eine Weile, und die Kinder lernen wieder, sich selber und die anderen zu entdecken. Die Waldkindergärten, bei denen es von Anfang an nur die Natur gibt, sind erfolgreich, denn es existieren davon schon einige und neue kommen dazu. Kreativität und Ideenreichtum sind gefragt, und darum sollte es überall gehen, auch in den Kinderzimmern. Wie erschreckend sieht es hier manchmal aus. Obwohl schon bei den ganz Kleinen die Regale und Schränke überfüllt sind, kommt doch ständig etwas hinzu, spätestens zu Weihnachten oder dem nächsten Geburtstag. Dabei könnten wir als Erwachsene hier kreativ und schöpferisch sein: Statt krampfhaft nach dem x-ten Puzzle oder Quartett zu suchen, das dann meistens nach kurzer Zeit in die Galerie der überflüssigen Dinge aufgenommen wird, könnten wir Gutscheine ausstellen, sie schön gestalten und darin gemeinsame Unternehmnugen anbieten, wie z.B. Picknick, Theaterbesuch, gemeinsames Kochen etc…. Vor langer Zeit schenkte ich einem Neunjährigen einen Gutschein zum Geburtstag mit folgendem Text: Ein Taglang will ich deine Dienerin sein! Der dafür ausgesuchte Sonntag wurde ein Tag, den wir beide nie vergessen haben. Er wollte mit mir Schlittschuhlaufen, was ich viele Jahre nicht mehr gemacht hatte. Welches Vergnügen hatten wir auf der Eisbahn. Das anschliessende Picknick im nahegelegenen Wald war auch wunderbar. Wir erzählten uns dabei Geschichten über uns selbst und andere und kamen uns näher. Als ich am Abend von ihm Abschied nahm, bedankte er sich für den herrlichen Tag, an dem er alles bestimmen durfte. Auch für mich war es ein riesiges Geschenk. Eigentlich war es ein Wüstentag zu zweit. Könnten wir in diese Richtung denken, unsere Kinder so erziehen, dass sie die materiellen Dinge und das Geld nicht überbewerten, dass sie stattdessen andere Werte schätzenlernen, gäbe es weniger Konkurrenz, was das Outfit betrifft. Es wäre nicht mehr wichtig, ob es Markenkleidung ist, die jemand trägt, nicht mehr wichtig, angepasst und wertend durchs Leben zu laufen. Der Schwerpunkt läge auf dem Sein und nicht auf dem Haben. Und das führt zu einer neuen Lebensqualität, die den Kindern im Grunde in die Wiege gelegt wurde. Mit so einem Fundament könnten alle selbstbewusst und wohlwollend, die anderen unterstützend und dadurch das eigene Glück findend, ins Erwachsendasein gehen.

6

Lange bevor ich das Geld aus meinem Leben verbannt hatte, gab es für mich eine Regel, die ich konsequent einhielt. Bei jedem Neuerwerb – sei es bei der Kleidung oder bei Haushaltswaren – wurde sofort ein altes Stück weggegeben. Eine bestimmte Anzahl von Kleiderbügeln durfte nicht überschritten werden. Bücher las ich und verschenkte sie anschliessend. Bekam ich ein Geschenk doppelt, bat ich darum, es an jemand weitergeben zu dürfen. So hielt ich meinen Haushalt in Grenzen und teilte gleichzeitig mit anderen. Heute habe ich diese Idee in das Gib und Nimm Spiel eingebaut: Das Überflüssige kann an bestimmten, eigens hierfür eingerichteten Stellen abgelegt und vielleicht für etwas Nützliches eingetauscht werden. Oft fand ich schon in einer Gib und Nimm Kiste in Dortmund genau das, was ich in dem Moment brauchte. Ich rechne nicht damit, erwarte nichts, bin jedoch erfreut über Nützliches und erlebe dadurch ein Stück Abenteuer im Alltag. Auf einer meiner Reisen, die ich mit einem Freund per Auto machte, konnten wir unterwegs ein paar Kisten einladen mit Büchern aus dem Keller einer Buchhändlerin. Es handelte sich dabei um unverkäufliche Leseexemplare, für die sie keine Abnehmer hatte. Welche Freude für mich, diese Bücher zu verschenken, einzutauschen gegen anderes, Leseratten damit zu überraschen. Wir können uns so leicht gegenseitige Freuden bereiten, wenn wir unsere Herzen öffnen und täglich ein paar Gedanken auch für unsere Nachbarn erübrigen.

In einigen Großstädten gibt es die Umsonstläden. Zu bestimmten Zeiten sind sie geöffnet, und Interessierte dürfen Dinge abgeben oder mitnehmen, ohne dass Geld eine Rolle dabei spielt. Ein Team organisiert und betreut diese Stätten, die rege in Anspruch genommen werden.

Meine Idee ist es, dass neben den organisierten Einrichtungen überall Plätze für Überflüssiges geschaffen werden. In jedem privaten Haushalt könnte eine Kiste mit solchen Dingen stehen. Geschäfte könnten aussortieren und hinstellen, ohne dass dadurch mehr Arbeit entsteht. Das Kornhaus, ein Bioladen in Dortmund praktiziert das schon seit acht Jahren. Täglich liegen die nicht mehr ganz frischen Waren an einer bestimmten Stelle, die von Bedürftigen aufgesucht wird. Ganz ohne Ärger ging die Eingewöhnung allerdings nicht ab. Zu Beginn dieser Aktion zeigten sich die Nehmenden oft undankbar und achtlos den Geschenken gegenüber. Sie wühlten alles durcheinander, räumten nicht auf oder nahmen alles mit, ohne an die Nachkommenden zu denken. Das Kornhausteam war oft verärgert und dachte sogar an Abbruch. Inzwischen haben jedoch fast alle AbholerInnen gelernt, sich für den Platz verantwortlich zu fühlen. Sie räumen auf, machen sauber und verrichten zusätzliche Arbeiten, so dass nun auch Zufriedenheit bei den Gebenden ist. Die monatlichen Sperrmüllabholdienste, die es in fast allen Großstädten gab, wurden u.a. abgeschafft, weil die Stadt jedesmal wie ein Schlachtfeld aussah an diesen Tagen. Ist es wirklich so, dass die Menschen nicht achten, was nichts kostet? Hat das Geld uns ganz und gar verdorben?

mmer wenn ich in meinen Vorträgen davon spreche, dass wir eines Tages alle ohne Geld leben werden, weil es nicht mehr nötig sei, höre ich das Argument: Das kann gar nicht klappen. Da würde doch niemand die Dreckarbeit machen! Das Geld scheint alles geregelt zu haben. Es lässt uns funktionieren, lässt uns Dinge tun, die wir gar nicht lieben. Natürlich würde niemand mehr etwas tun, was ihm nicht gefällt, wenn er dafür nichts bekäme. Aber warum soll es nicht Menschen geben, die freiwillig etwas machen, was heute als Dreckarbeit bezeichnet wird? Freiwillig saubermachen und jederzeit aufhören zu können, um dann etwas anderes zu tun, hat einen ganz anderen Wert. Ausserdem wird jede Arbeit gleich wertgeschätzt, egal was es ist. Der Mensch verfügt über eine grosse Vielfältigkeit. Wer sagt denn, dass es richtig ist, wie wir uns jetzt eingerichtet haben? Kann es auf Dauer gut sein, wenn jemand rund um die Uhr vorm Computer sitzt oder eine nur noch für Kinder oder für alte Menschen da ist? Ist es richtig, dass musikalische und andere künstlerische Fähigkeiten verkümmern, weil jemand nur noch Zeit für seinen bezahlten job hat? Und was ist mit den Arbeitslosen? Es gibt soviel zu tun!

Dazu fällt mir wieder eine Geschichte ein, die ich neulich irgendwo las: Eine Gruppe Außerirdischer besucht die Erde und interessiert sich sehr dafür, was hier so passiert. Sie treffen auf ein paar junge Männer, die auf einer Baustelle untätig herumstehen. Um sie herum liegen viele Arbeitsgeräte und verschiedenes Material. Dennoch jammern die jungen Männer, weil sie gern mit der Arbeit beginnen würden. Die anderen fragen: „Wo ist das Problem? Es gibt Steine, Zement, Kellen und anderes. Fangt doch einfach an!“ Als Antwort kommt wie aus einem Mund: „Wir können nicht anfangen, weil kein Geld da ist“ Natürlich verstehen die Außerirdischen das keineswegs, zumal sie nicht mal wissen, was Geld ist, wozu es gebraucht wird. Wissen wir das? Ein Freund spricht ständig von der Geldlogik, ein anderer von der Unlogik des Geldes. Ist Geld nötig, oder könnte es auch ohne gehen? Ich habe mich daran gewöhnt, dass ich in die Schublade „Ausnahme“ gesteckt werde von denen, die mir glauben. Es gibt auch die anderen, die bezweifeln, dass ich die Wahrheit sage, weil ohne Geld bei uns nichts laufen kann, wie sie sagen. Da ich mich auch noch als reich bezeichne, muss etwas faul sein!

Nein, eigentlich habe ich mich nicht daran gewöhnt, sondern wenn ich ehrlich bin, ärgert es mich. Täglich jammert mir irgendwer vor, wie furchtbar sein oder ihr Leben ist, weil das Geld fehlt. Wer nachfragt, wie mein Leben aussieht, tut es meist, um anschliessend zu konstatieren, dass es nichts für ihn wäre, egal ob die Jammerer allein oder in Familienverbänden leben. Zwar melden sich auch diejenigen, die durch mich Mut bekommen haben, die ein wenig ihre Ängste aufgeben konnten z. B. nach der Lektüre meines Buches oder nach einem Vortrag von mir. Aber verändern können sie wenig, sagen sie. Mancher wirft mir vor, dass das, was ich tue, viel zu anstrengend sei, weil Geld nun mal den Alltag vereinfache.

Die neue Lebensform ohne Geld musste ich mir Stück für Stück erobern. Am Anfang war es manchmal wirklich sehr anstrengend, und Ängste quälten mich. Da meine Intention jedoch auch stark politisch ist – ich möchte ja neue Strukturen schaffen und Möglichkeiten für andere Menschen – konnte ich durchhalten. Das Experiment hat sich längst zu einem Modell etabliert, das ich mir durchaus übertragbar auf eine Gesellschaft vorstelle. Allerdings nicht von heute auf morgen. Kleine Schritte sind notwendig in verschiedenen Richtungen. Ich glaube, in der westlichen Welt ist die Frage nach den zwischenmenschlichen Beziehungen ganz wichtig. Wenn wir bereit sind, die anderen in unser Leben einzubeziehen, von und mit ihnen zu lernen, uns für sie zu öffnen, kann viel geschehen. Zwischen Freunden ist kein Geld nötig. Sie teilen miteinander, was sie haben, sorgen füreinander und überraschen sich gegenseitig. Warum ist es so schwer geworden, wirkliche Freunde zu finden? Wie oft höre ich Sätze wie: Mit meinen Nachbarn kann ich nichts anfangen. Sie sind primitiv oder hochnäsig oder sonstwas. Warum brauchen wir grosse oder kleine Katastrophen, um zu entdecken, dass sich Nachbarn auch gegenseitig helfen können. Warum spielt der Alltag eine so vernachlässigte Rolle in unserem Leben, werden „highlights“ im Urlaub gesucht und dann wieder für ein Jahr auf Eis gelegt?

Text von Heidemarie Schwermer

Sterntaler 5

Diesen Text habe ich vor beinahe 15 Jahren geschrieben. Weil
ich daraus Teile in meinem zweiten Buch verwendet habe, wollte
ich es damit bewenden lassen. Inzwischen merke ich aber, wie
viele Konflikte überall auftreten ohne Lösungsmöglichkeiten.
Darum erscheint es mir angebracht, meine eigenen Erfahrungen
an dieser Stelle noch einmal aufzuzeigen.

Heidemarie Schwermer

Sterntaler 5

Jeder Konflikt – ein Gewinn.

Wege zum Miteinander

Beim Betreten des Hauses spüre ich einen Schwall dicke Luft mir entgegenströmen. Ich öffne die Tür zum Erdgeschoss und sehe den jungen Mann am Schloss der Küchentür werkeln. Dabei höre ich ihn folgende Worte murmeln: „Das hört hier auf! So geht das nicht weiter. Schluss damit.“ Offensichtlich ist er dabei, das Schloss auszutauschen, von dem wir auch einen Schlüssel haben. Er verbreitet eine für mich kaum erträgliche Atmosphäre. Trotzdem lasse ich mich auf ihn ein und frage nach dem Grund seines Unmuts. „Geklaut haben sie, unsere gute neue Maschine ist weg. Das hört jetzt aber auf. Es kommt hier keiner mehr rein, der hier nichts zu suchen hat, ihr auch nicht.“

Diese Worte treffen mich. In meiner Magengrube verspüre ich einen starken Druck. Ich atme tief ein und versuche, ruhig zu bleiben. „Ich finde es aber nicht in Ordnung, dass du uns einfach vor vollendete Tatsachen stellst. Vielleicht gäbe es ja eine andere Lösung“, sage ich und höre selber einen beleidigten Unterton in meiner Stimme. Da ich keine Antwort erhalte, ziehe ich mich zurück.

Ich bin ärgerlich und überlege, was zu tun ist. Wenn wir die Küche nicht mehr benutzen dürfen, fällt ein wichtiger Teil unserer jetzigen Kommunikation weg. So schnell werden wir keine anderen Räume als Ersatz finden. Die Kochgruppe ist gerade richtig in Schwung. Nein, das darf nicht unterbrochen werden.

Aber was können wir tun? Wir haben kein Recht, hier irgendetwas einzufordern. Schließlich zahlen wir keine Miete, haben keinen Vertrag. Und dennoch spüre ich den Kampfgeist in mir aufsteigen, den ich nur allzu gut kenne.

Vor Jahren gab es eine ähnliche Situation. Ich arbeitete für einen Verein in einem Haus, in dem ein Mann das Sagen hatte. Er nutzte seine Position aus und schaffte es immer wieder, Leute, die ihm nicht gefielen, hinauszuwerfen. Eines Tages wollte er das auch mit mir tun. Ich krempelte die Ärmel hoch und stellte mich einem monatelangen Streit, in dem ich Siegerin blieb. Damals musste ich viel Energie investieren. Ich arbeitete jedoch weiter in dem Haus und war stolz auf meinen Erfolg. Aber ich schwor mir, solche Situationen in Zukunft zu meiden.

Und jetzt bin ich an einem ganz ähnlichen Punkt. Was sollte ich nur tun?

Ich mache mir zunächst ganz allgemeine Überlegungen zu dem Thema Konflikt. Ein Konflikt entsteht, wenn zwei Parteien unterschiedliche Einstellungen haben. Oft ist es so, dass jeder glaubt, er sei im Recht. Bei einem Konflikt geht es meist um Macht. Wenn ich in der Ohnmachtposition bin, wie in diesem Fall, geht es mir besonders schlecht. Und darum versuche ich, mit allen Mitteln wieder stark zu werden und an einen, an meinen Sieg zu glauben. Sicher ist das ein wichtiger Punkt, warum Kriege entstehen. Jeder möchte gewinnen, und am Schluss gibt es dann einen Gewinner und einen Verlierer.

In meiner Arbeit als Psychotherapeutin ging es sehr häufig um Auseinandersetzungen zwischen verschiedenen Parteien. Mit meinen Klienten begann ich, nach und nach Konflikte so zu behandeln, dass am Ende zwei Gewinner da waren. Der Konflikt wurde nicht mehr als lästiges Übel empfunden, sondern als Lernchance.

Durch einen Konflikt werde ich aufgerüttelt. In mir gibt es einen Prozess, der mich aus dem Gleichgewicht wirft und Aktivität von mir fordert.

Mit solchen Gedanken und etwas unruhigen Gefühlen setze ich mich vor den Computer und beginne einen Brief.

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Sterntaler 2

Heilende Kräfte – ein Weg zur Liebe

Sterntaler 2

Heilende Kräfte habe ich durch die Hausaufgaben erfahren, die ich von einer Heilerin ein paar Monate lang bekam. Durch die Hausaufgaben kam ich zu neuen Erkenntnissen. Mein Leben hat sich dadurch von Grund auf geändert. Ich habe den Text „Heilende Kräfte“ geschrieben, um einen einfachen und freudvollen Weg der Bewusstseinserweiterung aufzuzeigen.

Fast ein Jahrzehnt lang hatte ich hart an mir gearbeitet, um mein Bewusstsein zu erweitern und um neue Erkenntnisse zu erlangen mit dem Ziel, leichter und angenehmer leben zu können. Selbsterfahrung in Einzel- und Gruppentherapie, verschiedene Formen von Meditation brachten mich weiter auf meinem Weg, und ich bin froh, immer wieder neue Lehrer für mich gefunden zu haben. Jedoch hatten alle Formen der Entwicklungsmöglichkeiten damals Ähnlichkeit miteinander: Meist gab es in tiefen Schmerz – viele, viele Tränen flossen – und dann ging es Schritt für Schritt aufwärts, oft in große Freude hinein über das Überwundene. Aber schon bald winkte das neue Hindernis, was wieder den Abstieg in das Leid erforderte, um richtig erkannt und bearbeitet zu werden. Wachstum ist mit Schmerz verbunden, anders geht es eben nicht, dieser Gedanke stand für mich fest.
Mit der Meditation war es ähnlich: In eiserner Selbstdisziplin mußte sie ausgeführt werden, wenn sie etwas bewirken sollte. Zwar war ich über jede neue Lernsituation glücklich und begab mich mit Eifer in sie hinein, aber oft hatte ich das Gefühl, als ginge es dabei immer um die Zukunft, nicht um das Jetzt. Erst nach der Überwindung, nach der Anstrengung winkte das Glück. Als ich dann vor ein paar Jahren mit den „göttlichen Hausaufgaben“ arbeiten durfte, spürte ich, daß diese Art der Selbsterfahrung mir sehr zusagte. Hier ging es um das Lernen in der Freude, um Wachsen ohne Schmerzen – etwas ganz Neues und Sensationelles. Ich habe diese Form in meine eigene Arbeit inzwischen mit hinein genommen. Für meine Klienten und alle Suchenden habe ich diesen Text geschrieben und hoffe, daß er etwas von der Freude rüberbringt, mit der ich durch die Hausaufgaben gewachsen bin.

An einem Samstag Mittag vor ein paar Jahren nagte wieder einmal die Angst vor Stillstand an mir. Auf meinem Meditationsplatz grübelte ich darüber, wie es in meinem Leben weitergehen sollte. In einem Augenblick der Stille nahm ich einen Impuls in mir wahr: Rufe die Leute in der Arche an! Die Arche war ein Haus im Sauerland, das ich schon ein paar Mal als Erholungsstätte genutzt hatte. Wunderschön gelegen, bot es eine Möglichkeit, sich vom Lärm und Gestank der Großstadt zu erholen. Aber was hatte das mit meiner Weiterentwicklung zu tun? Ich konnte es mir nicht erklären, rief aber trotzdem an.

„Du hast Glück. Eine Woche später hättest du uns nicht mehr erreicht. Wir ziehen nämlich hier aus“, erklärte der Herbergsvater. „Wenn du willst, kannst du an diesem Wochenende noch einmal kommen.“ Wie seltsam, dachte ich und machte mich sofort auf den Weg. Erstaunt nahm ich die Mitteilung entgegen, daß seit ein paar Wochen eine Heilerin in diesem Haus lebte. Eine Heilerin, so nah und zum Anfassen, damit hätte ich nicht gerechnet. Völlig aufgeregt begab ich mich erst einmal in den Wald. Dort wollte ich mich sortieren und beruhigen. Mir war klar, daß ich zu dieser Frau geschickt worden war, weil sie wichtig sein würde für mich. Ich hatte noch etwas Zeit, über alles nachzudenken, da sie erst am nächsten Tag nach Hause kommen würde.

Was und wie mochte sie wohl heilen? Vielleicht legte sie ihre Hände auf kranke Stellen im Körper, oder würde sie gar wie die philippinischen Heiler nur mit ihrer geistigen Kraft arbeiten? Ich fieberte dem nächsten Tag entgegen. Am Vormittag unternahm ich noch einmal eine Wanderung und verlief mich dabei auf einem mir gut bekannten Weg. Als ich an meinen Ausgangspunkt zurück kam, hatte ich das Gefühl, auf der Stelle zu dem Haus gehen zu müssen. Eigentlich sollte die Frau erst gegen Mittag zurück sein. So lange hatte ich im Wald bleiben wollen. Nun drängte es mich jedoch zurück, und meine Aufregung wuchs. Ich stellte mir vor, wie eine madonnenhafte, große, schlanke Frau mit langen schwarzen Haaren auf mich zu käme.

Sie war tatsächlich schon da, denn ihr Auto stand auf dem Hof. Leise öffnete ich die Haustür, schlüpfte ins Haus und zog mir die Schuhe aus. Nun drückte ich respektvoll und geräuschlos die Türklinke zum Gemeinschaftsraum herunter. Nur nicht stören, dachte ich, als mir von innen eine fröhliche Stimme entgegen rief: „Komm ruhig herein. Ich weiß schon Bescheid. Sie haben mir unterwegs von dir erzählt.“ Erleichtert trat ich ein und sah mich einer kleinen, etwas pummeligen Frau mit blonden, kurzen Haaren gegenüber, die lachend auf dem Schoß ihres Mannes im Schaukelstuhl saß. Das also war sie! Mir fiel ein Stein vom Herzen, weil hier alles so natürlich war. Ihre Augen strahlten, als sie mich begrüßte.

„Sie haben mir unterwegs schon von dir erzählt“, wiederholte sie freundlich. „Sie haben mir gesagt, daß du Heilerin werden möchtest.“ Ich war sprachlos. Wer hatte mit ihr über mich gesprochen? Jetzt lachte sie wieder und sagte: „Meine Helfer sind immer dabei. Du wirst bald Bekanntschaft mit ihnen machen.“

Es war für mich nicht neu, zu hören, daß jemand Kontakt mit überirdischen Wesenheiten hatte. In Büchern hatte ich viel darüber gelesen, und ich glaubte inzwischen an Dinge, die ich mit meinen Augen nicht wahrnehmen konnte. Trotzdem war ich jetzt sehr erstaunt.

In meiner ersten Einzelsitzung, die ich an diesem Tag erhielt, erfuhr ich wichtige Dinge über mich, über die ich abwechselnd weinte und lachte, weil sie mich tief berührten. Was mir gesagt wurde, hätte sich nicht ein Mensch einfach so ausdenken können. Mir wurden wichtige Hinweise gegeben, und ich war sehr, sehr glücklich am Ende der Sitzung.

Als Hausaufgabe sollte ich mir zehn Tage lang genau überlegen, ob ich wirklich Heilerin werden wollte. Schließlich heißt das, immer für die Nöte meiner Mitmenschen bereit zu sein, vielleicht auf Feiertage zu verzichten. Außerdem müsste ich mich auf viel Neues einlassen. Ich sollte es mir wirklich gut überlegen und nach zehn Tagen anrufen. Beglückt fuhr ich nach Hause und meditierte in den nächsten zehn Tagen mehr denn je. Am Ende stand für mich fest: Mein allergrößter Wunsch ist es, Heilerin zu werden. Die Arbeit als Psychotherapeutin ist eine langwierige Angelegenheit. Manche Klienten sind jahrelang in Behandlung! Als Psychotherapeutin fühle ich mich oft so begrenzt. Und ich merke, dass ich meine Bewusstseinsänderung auch im Beruf ausdehnen will.

Zwar konnte ich mir überhaupt nicht vorstellen, wie meine Ausbildung zur Heilerin sein würde, und wie ich einmal arbeiten sollte, aber das würde sich schon noch zeigen. Als ich nach zehn Tagen meinen Entschluss mitteilte, erfuhr ich, daß ich in der nächsten Zeit einige Einzelsitzungen haben würde, und ansonsten mit Hausaufgaben versehen werden sollte.

2

Eine meiner ersten Hausaufgaben bestand darin, spazieren zu gehen und alle fünfzig Meter stehen zu bleiben. An einem schönen, sonnigen Tag zog ich ziemlich aufgeregt los und wählte einen Weg, auf dem ich schon viele Male gewandelt war. Meist wurde bei meinen Spaziergängen das Thema, das mich gerade beschäftigte, in meinem Kopf hin und her bewegt, wobei die Ruhe der Pflanzen eine ordnende und beruhigende Funktion übernahmen. Es war ähnlich wie bei meinen Meditationen. Ja, es war eine Art Meditation.

Nun sollte ich also ständig stehen bleiben. Die erste Pause machte ich vor einem Strauch. Die Blätter reckten sich mir entgegen, tuschelten untereinander und sahen mich an. Es schien wirklich so, als wären da überall neugierige Augenpaare auf mich gerichtet. Mein Herz schlug schneller. „Deine Phantasie geht mit dir durch“, dachte ich und ging weiter. Fünfzig Meter – stehen bleiben! Diesmal wurde ich von einer Gruppe bunter Blumen begutachtet. Nein, das ist der falsche Ausdruck. Es war mehr wie eine Einladung. Die Blumen schienen mir zuzujubeln: „Freue dich mit uns am Leben! Sieh die Sonne, spüre den Wind, der deine Haut streichelt. Rieche den Duft, der von uns ausströmt. Siehst du die Schmetterlinge, wie sie voller Freude am Leben sind?“

Ich vernahm dieses alles, aber es gab Widerstände in mir. So ging ich fünfzig Meter weiter und machte Halt vor einer kleinen schwarzen Amsel. Sie saß wohlgelaunt am Wegesrand und amüsierte sich über meine Schwere. Mit ihren dunklen Augen sah sie mich an. Ich hätte schwören können, dass sie lächelte. Auch sie sprach zu mir: „Was du hier wahrnimmst, ist die Schöpfung“, sagte sie. „Diese ganze Schönheit wurde von Gott erschaffen. Wenn du dich öffnest, weißt du das. Du weißt, dass hinter allem Gott steht, und du weißt, dass er dich liebt.“

Tränen schossen mir in die Augen. Dieses Thema hatte ich immer weit von mir gewiesen. Gott gab es in der Bibel oder in anderen Büchern, aber mit meinem Leben hatte er nicht viel zu tun. Gott ist so etwas wie eine Droge für schwache Menschen, hatte ich einfach behauptet. Und nun diese neue Erfahrung! Irritiert machte ich die nächsten fünfzig Meter und stand vor einer stattlichen Buche. „Hallo“ raunte sie mir zu, „schön dass du gekommen bist, und dass du dich geöffnet hast! Ich liebe dich. Du bist jetzt so bewegt, weil du zum ersten Mal spürst, dass du dazugehörst. Wir alle gehören dazu, sind Teil des Ganzen. Wer das weiß, fühlt die Liebe in sich, die Liebe zu Gott und zu sich selbst. Nur diese Liebe füllt dich ganz aus, füllt das Loch in deinem Bauch. Die Menschen quälen sich herum mit ihrem Individualismus. Sie vergeuden ihre Kräfte mit unwichtigen Dingen, die sie obendrein noch unglücklich machen. Ein Leben ohne Gott ist ein unglückliches Leben.“

Das war zu viel für mich, und schnell ging ich weiter. Auf einer einer Bank wollte ich zur Ruhe kommen, denn das eben Erlebte hatte mich tief erschüttert. Mein Weltbild brach zusammen. Was sollte ich tun?

„Warum quälst du dich so?“ hörte ich plötzlich eine Stimme sagen. Ein zitronengelber Schmetterling hatte sich auf meinem Arm niedergelassen und nahm den Kontakt zu mir auf. „Warum wehrst du dich so gegen Gott?“ fragte er. „Du musst dir keine Person vorstellen, die strafend und lobend auf einem Thron sitzt und Macht über die Menschen ausübt. Die Stimme, die du jetzt hörst, ist Gott. Die Natur ist Gott. Du selber bist Gott. Die anderen sind Gott. Gott ist alles und überall. Ich weiß, dass es für die meisten Menschen unvorstellbar ist. Ihr seid es gewohnt, nur das zu akzeptieren, was ihr sehen und anfassen könnt. Du ringst seit Jahren um Bewusstseinserweiterung, und du weißt, dass es viel mehr gibt als eure kleine Welt. Wenn dir der Begriff Gott zu abgegriffen ist, ersetze ihn durch Energie, Weisheit, Universum oder sonst etwas. Das ist nicht wichtig. Wichtig ist nur, dass du weißt, dass alles miteinander verbunden ist. Ob Mensch, Tier, Pflanze oder Stein, jedes hat seinen Platz und soll respektiert werden! Für heute hast du genug gelernt.“ Der Schmetterling erhob sich und flog davon. Auch ich erhob mich und begab mich nach Hause.

Als ich meiner Lehrerin, der Heilerin, von diesem Erlebnis berichtete, lachte sie und meinte: „Du hattest eine Reihe von Begleitern bei deinem Spaziergang. Besonders der Erzengel Michael hat es genossen, mitzugehen. Er liebt dich sehr!“

O weia, erst Gott und jetzt auch noch die Engel! Ich hatte nichts von einer Begleitung gespürt, keinen Schatten wahrgenommen. Was sollte ich nun wieder davon halten!

Eine Antwort bekam ich ein paar Tage später: In meiner Wohnung passierten Dinge, die einfach unerklärlich waren. Einmal verschwand die Hülle eines abgebrannten Teelichtes spurlos vor meinen Augen. Es war kein Irrtum möglich, nicht von menschlicher Hand war hier etwas verschwunden. Ein anderes Mal, ich hatte Besuch von einer Freundin, spürte ich plötzlich etwas Eigenartiges in meinem Ohr. Ich fasste hin und schrie auf: Mein ganzes Ohr war angefüllt mit etwas. Ich zeigte es meiner Freundin, die gar nicht begreifen konnte, was sie da sah: so etwas wie abgebrannte Streichhölzer lagen friedlich in meiner Ohrmuschel. Ich konnte sie schnell wieder entfernen, aber wie waren die da rein gekommen? Ein anderes Mal hörte ich beim Abwaschen Radio. Plötzlich verstummte die Musik, und ich dachte, dass es einen Stromausfall gegeben hätte. Dem war aber nicht so! Vielmehr lag der herausgezogene Stecker neben dem Apparat. Außer mir war niemand in der Wohnung, und jetzt musste ich einfach verstehen! „Sie“ machten sich bemerkbar, und ich bezog sie in Zukunft in mein Leben mit ein.

Inzwischen verstehe ich meistens auch die dezenten Hinweise und nehme sie dankbar an. Sie sind als Geschenke gedacht, die mir in meiner Entwicklung beistehen.

3

Eine Zeitlang ging es bei mir um Ehrlichkeit auch in den kleinen Dingen des Alltags. Ich setzte mich mit diesem Thema in meinen Meditationen auseinander und wurde ständig durch irgendwelche Tagesereignisse darauf gestoßen. Es ging darum, mir klar zu werden, dass jede Lüge, jeder Betrug, und sei er noch so klein, negative Energien verströmt. Schwarzfahren in der Bahn oder falsches Wechselgeld entgegen nehmen oder sich vordrängeln, Betrug gibt es an jeder Ecke! Ich beobachtete mich und die anderen genau. In dieser Zeit hatte ich aus irgendwelchen Gründen sehr wenig Geld zur Verfügung. Es kam vor, dass mein Portemonnaie ganz leer war, was sehr selten bei mir der Fall ist. Heute weiß ich, dass dieser Zustand zu meiner damaligen Lektion gehörte.

Eines Tages ging ich mit fast leerem Portemonnaie spazieren. Plötzlich verspürte ich den Wunsch, eine Freundin anzurufen, mit der ich mich zwei Stunden später treffen wollte. Obwohl ich das nicht verstand, steuerte ich die nächste Telefonzelle an. Da hörte ich etwas in mir sagen: „Nicht diese, die Telefonzelle da drüben musst du nehmen“. Folgsam überquerte ich die Straße und öffnete die Tür. Wie vom Blitz getroffen blieb ich stehen. Da lag ein prall gefülltes Portemonnaie auf der Ablage. Ich untersuchte den Inhalt, um eine Adresse zu finden. Es gab zwei 50 DM Scheine, mindestens zehn 5 DM Stücke und anderes Silbergeld. Hätte ich mir etwas Geld genommen, wäre es bestimmt nicht aufgefallen. Ich lachte laut los und sagte mit einem Blick nach oben: „Darauf falle ich nicht herein. Ich weiß, dass ich bald wieder genug Geld haben werde. Da muss ich nicht jemanden bestehlen.“ Da es keine Adresse in dem Portemonnaie gab, die Gegend ziemlich einsam war, und ich dachte, dass der Verlierer sich bestimmt an die Situation erinnern und zurück kommen würde, ließ ich das Geld liegen und ging weiter. Nach etwa dreihundert Metern gab es eine Baustelle, an der kein Vorbeikommen möglich war. Ob ich wollte oder nicht, ich musste umkehren und noch einmal an der Telefonzelle vorbei gehen, was mich amüsierte, weil mir das wie eine erneute Versuchung vorkam.

Schon von weitem sah ich einen älteren Mann mir entgegen hetzen. Er stürmte in die Telefonzelle und ergriff aufatmend seine Geldbörse. Ich freute mich für ihn und für mich und hatte das Gefühl, dass „die da oben“, wie ich die unsichtbaren Lichtwesen liebevoll nenne, sich mit mir freuten.

4

Gedanken, Taten, Worte – alles erzeugt Schwingungen, mit denen wir ständig in Berührung kommen. Darum ist es wichtig, positive Gedanken zu haben und auf unsere Worte zu achten. Ich hatte mir angewöhnt, ständig „ich hasse“ zu sagen. Ohne darüber nachzudenken, sprudelte es aus mir: „Ich hasse es, dies zu tun! Ich hasse diese Straße! Ich hasse solche Situationen etc.“ Wahrscheinlich wurde es meinen Helfern zu viel, denn eines Tages machten sie mich auf meinen Fehler aufmerksam.

Ich saß bei meiner Arbeit mit einer Klientin in meinem Büro. Wir waren mitten im Gespräch, und wahrscheinlich hatte ich gerade mal wieder „ich hasse“ gesagt, als ein Plakat, das an der Wand hing, sich löste und im Bogen auf meinen Schoß flatterte. Die Frau rief erstaunt: „Was war das denn? Das ist ja komisch“, und ich lächelte. Natürlich wusste ich sofort Bescheid, als ich die Worte „dem Hass keine Chance“ las. Seitdem versuche ich, diese negative Redeweise nicht mehr zu benutzen.

Nicht immer verstehe ich die Zeichen von oben auf Anhieb. Manchmal benötige ich ein Getöse, das mich wachrüttelt. So war ich vor einiger Zeit dabei, mein Badezimmer zu renovieren. Das Abkratzen der alten Farbe erwies sich als harte Arbeit. Ich konnte meinem Grundsatz, alles was ich tue, gern zu tun, nicht gerecht werden. Es nervte mich außerordentlich, und ich fing an, mich, meine Ungeschicklichkeit, das Badezimmer, die Wand – alles, in Gedanken und auch laut zu beschimpfen. Plötzlich gab es einen fürchterlichen Knall, und ich stand im Dunkeln. Obwohl keine anderen Apparate außer der Badezimmerlampe am elektrischen Netz angeschlossen waren zu der Zeit, war die Sicherung herausgesprungen – für mich wieder ein Zeichen: Bei so negativen Gedanken werde ich im Dunkeln bleiben! Ich drückte die Sicherung wieder rein, entschuldigte mich für mein Verhalten, und plötzlich ließ sich die Farbe ganz leicht abkratzen.

Wenn ich bestimmten Leuten von meinen Abenteuern berichte, sagen sie sofort: „Das ist doch Zufall! Du redest dir da nur etwas ein.“ Ich bin ihnen dafür nicht böse. Nur tut es mir leid, dass sie selber so wenig wahrnehmen. Für jeden gibt es die Zeichen im Leben, die bei der Bewältigung von Problemen behilflich sind und die eine Menge Freude ins Leben bringen. Zufälle gibt es nicht! Alles hat seinen Sinn und macht auch wirklich Sinn, wenn ich genau hinsehe!

Die Hausaufgaben, von denen ich wöchentlich drei bekam, dienten dazu, mich in eine neue Sichtweise einzuführen. So nach und nach konnte ich mein Weltbild verändern und auch alte Verhaltensmuster aufgeben. Die Hausaufgaben sog sich meine Lehrerin nicht aus den Fingern, sondern sie wurden ihr als Botschaften „von oben“ durchgegeben.

5

Einmal sollte ich mir einen schönen Platz suchen und zuerst in die Erde hineinsehen, um dann nach oben in den Himmel zu schauen. Ich begab mich auf meine Lieblingswiese, legte mich auf den Bauch und starrte in die Erde. Einige Kleintiere krabbelten da herum, mit denen ich nichts anfangen konnte. Ich bemühte mich, irgendetwas wahrzunehmen. Aber da waren nur ganz normale Gedanken wie „die Erde hat einen Kern, es gibt verschiedene Schichten u.ä.“ Enttäuscht drehte ich mich um und schaute in den Himmel. Und da hatte ich wieder eines dieser wundervollen Erlebnisse, von denen es inzwischen unzählige in meinem Leben gibt, und für die ich sehr dankbar bin.

Ich sah plötzlich die Erde als Kugel im Weltall schweben. Eine kleine blaue Kugel, auf der ich in meiner jetzigen Form einen Platz hatte. Nur wir beide waren da – die Kugel und ich. Ich sah uns ziemlich begrenzt und hatte das Gefühl, als wollten wir uns ausdehnen. Plötzlich gab es einen Knall, und wir explodierten. Obwohl nun nichts mehr von unserer ursprünglichen Form zu sehen war, spürte ich deutlich, dass wir weiterexistierten. Alles was da ist, kann nicht einfach verschwinden! Auch der Tod ist nur eine Übergangsform! Ich bin Teil der Ewigkeit und darum unzerstörbar. Welche Erkenntnis! Eine unendliche Ruhe legte sich über mich.

Ein anderes Mal sollte ich wieder in die Natur gehen und mir einen schönen Platz suchen. Ich sollte mich erst nach Osten, dann nach Süden, dann nach Westen und schließlich nach Norden wenden. Ich konnte mir beim Notieren der Aufgabe niemals vorstellen, was ich dabei lernen mochte und war meistens überwältigt von dem Ergebnis.

So auch diesmal: Ich saß mitten auf einer Wiese und schaute nach Osten. Ein Baum in etwa fünfzig Meter Entfernung zog meine Aufmerksamkeit auf sich. Seine Blätter bewegten sich im Wind, ansonsten strahlte er viel Ruhe aus und Standhaftigkeit.

Mir fiel der Spruch ein: Im Osten geht die Sonne auf! Im Osten fängt der Tag an, und schon war ich bei meinem eigenen Leben und den Leben der anderen Menschen. Osten setzte ich gleich mit Kindheit. Ein Kind ist neugierig, will lernen. Es ist äußerlich und innerlich bewegt, fasst alles an, um zu begreifen. Gleichzeitig fühlt es sich geborgen und versorgt durch seine Eltern. Mir fielen Erlebnisse aus meiner Kindheit ein, und ich hatte ein gutes Gefühl dabei.

Nun drehte ich mich nach Süden. Ein ganz neues Bild präsentierte sich mir: Mein Blick fiel auf die bunte Blumenwiese. Verschiedene Gräser, Blumen, Disteln, Kräuter, alles stand da durcheinander, aber trotzdem zusammenpassend. Bienen und Schmetterlinge saßen auf den Blüten und wechselten die Plätze miteinander. Alles in allem gab es ein Bild einer ungeordneten Leichtigkeit, die mir Freude bereitete. Das ist der Sommer, fiel mir dazu ein, und sofort hatte ich den Lebenssommer der Menschen vor Augen. In unserem Sommer probieren wir aus, sind lebenslustig, voller Hoffnung und Lebensfreude.

Wieder vollzog ich meinen eigenen Sommer nach und war auf einmal schmerzlich der Tatsache bewusst, dass mein Sommer unwiderruflich vorbei war. Den Lebensjahren nach befand ich mich bereits im Herbst.

Schweren Herzens trennte ich mich vom Süden und drehte mich zum Westen. Welche Überraschung! Die Blumen verschwanden aus meinen Augen. Stattdessen bemerkte ich in der Ferne einen Weg, der auf beiden Seiten begrenzt wurde von einem Wald. Welch Anblick der Ruhe und Gelassenheit! Der Weg zeigte genau an, wo es langging. Und es gab genügend Plätze zum Ausruhen. Übertragen auf mein Leben hieß das: Vorbei das Herumgegaukle, das Suchen, das Abtasten. Ich kannte meinen Weg, wusste, was ich wollte und war froh, diesen schönen Weg gefunden zu haben. Ich söhnte mich mit dem Schicksal des Älterwerdens aus und verweilte noch eine Zeit im Westen. Was konnte ich vom Norden erwarten? Lange zögerte ich den Schwenk nach rechts hinaus. Wusste ich`s doch!

Der Norden bot ein trostloses Bild: Ein Heer von ausgedörrten, vertrockneten Halmen mit braunen Blättern und wenig Leben in sich versperrte mir die Sicht. Ich war entsetzt, als ich die leblose Pflanzenkompanie so unbeweglich vor mir sah. Sofort fielen mir die weißhaarigen Frauen und Männer ein, denen ich überall begegne. Sie haben oft einen verbitterten Zug um den Mund, erloschene Augen und scheinen sehr enttäuscht zu sein von ihrem Leben. Sollte ich mir durch diese Übung klarmachen, dass das Alter eben nur noch ein Warten auf den Tod bedeutete? Nein, nein, das durfte nicht sein! Mein Leben würde ich anders gestalten. Ich wollte lebendig bleiben bis zum letzten Atemzug! Mein innerer Protest schien meine Helfer gerührt zuhaben, denn plötzlich kam Leben in die Gesellschaft vor mir. Ganz leicht verneigten sich die Halme erst nach einer Seite, dann nach der anderen. Sie wiegten sich alle zusammen von rechts nach links und von links nach rechts. Plötzlich strahlten sie eine Harmonie aus, die mein Herz rührte. Alle Bitterkeit und Enttäuschung war verschwunden.

Ich wusste, dass dieses mein Lebensziel war: Keine Wünsche und Sehnsüchte mehr zu haben, sondern mich in dem Bewusstsein zu wiegen, geschützt und geborgen zu sein, eins mit meinen Mitmenschen und der Natur. Als ich das anmutige Wiegen der Halme beobachtete, kam mir Gott in den Sinn. Sie neigen sich vor ihrem Schöpfer und sind glücklich dabei. Das will ich auch tun, dachte ich und vertiefte mich in ein Dankesgebet.

6

Bei meinen außergewöhnlichen Erlebnissen, die ich oft weitererzählte, holte ich mir neben den spöttischen und kritischen Bemerkungen einiger Zuhörer auch viel Bewunderung ein. Meine Freude über die täglichen Lernchancen wurde manchmal von meinem Stolz überdeckt. Ein Hauptziel meiner jetzigen Ausbildung bestand darin, negative Gefühle wie Stolz, Neid, Eifersucht und Eitelkeit abzubauen und durch Liebe zu ersetzen.

Als ich mich spontan entschloss, mit einer Freundin nach Paris zu fahren, bekam ich die Hausaufgabe mit auf den Weg, in Paris zu sagen: Paris ist nichts Besonderes, und ich bin Paris! Vor zwanzig Jahren war ich das letzte Mal in Paris gewesen. Damals hatte ich ein ambivalentes Gefühl zu dieser Stadt und ihren Einwohnern. Ich bewunderte die Schönheit der Stadt und auch der Menschen, fühlte mich jedoch von ihnen missachtet. Damals wurde ich den Eindruck nicht los, dass sich die temperamentvollen Franzosen über mich tollpatschige Deutsche lustig machten. Ich war sehr gespannt, was die Hausaufgabe bei mir auslösen würde. Eigenartigerweise zog ich mir einen ganz bunten Rock an, obwohl ich wusste, dass die Mode eine andere war. Als ich in Paris war, wurde mir sofort bewusst, warum ich diesen Rock auch während meines Aufenthaltes dort tragen musste. Paris ist eine der buntesten und lebendigsten Städte, die ich kenne. In meiner bunten Aufmachung spiegelte ich etwas von dieser Lebendigkeit wider. Schließlich sollte ich mich ja mit dieser Stadt identifizieren. Auf meinen Spaziergängen, die ich an der Seine machte, signalisierte ich: Ich bin wie du. Alles was du hast, habe ich auch, deine Schönheit, deine hässlichen Anteile, alles! Du bist nichts Besonderes, ebenso wenig wie ich etwas Besonderes bin. Wir sind Teil vom Ganzen. Jeder hat seinen Platz, den er ausfüllen muss. Ich erinnerte mich an besonders schöne Stellen, die ich nun aufsuchte. Bewegt gestand ich: Du bist sehr schön, Paris! Ich liebe dich. Gleichzeitig fühlte ich eine große Liebe zu mir selbst, die ich nach außen strahlte, denn fast alles Menschen, denen ich begegnete, lächelten mich an. Für diese Hausaufgabe war ich besonders dankbar, spürte ich doch, dass sie mich einen großen Schritt im Abbau von Eitelkeit und Stolz weitergebracht hatte.

7

Eine meiner schwersten Hausaufgaben hatte mit dem Ausbau von Vertrauen zu tun. Natürlich verfiel ich immer wieder in Zweifel, schrieb meine spirituellen Erlebnisse meiner Fantasie zu und rutschte in alte Gedanken zurück. Als ich die Aufgabe erhielt, drei Tage im Wald zu verbringen, wusste ich sofort, das dieses Erlebnis sehr wichtig für mich sein würde.

Jeder Tag sollte ein bestimmtes Thema haben, das mich zu neuen Erkenntnissen bringen würde. Ich muss gestehen, dass ich bei Erhalt der Aufgabe einen Schreck bekam, weil für mich zum Tag auch die Nacht gehört und mir die Vorstellung, nachts allein im Wald zu sein, eine Gänsehaut bescherte.

Auf der anderen Seite fand ich diese Herausforderung gerade passend für mich. Ich wusste, dass die Indianer solche Prüfungen machen mussten, und ich sehnte mich danach, wie in sie in noch näheren Kontakt mit der Natur zu kommen. Ich plante ein langes Wochenende – Freitag, Samstag, Sonntag – für meinen Ausflug. In meinen Rucksack packte ich Obst, Wasser und Brot für drei Tage. Ein Schlafsack, eine Isomatte und ein Regenschirm sollten mich vor Kälte und Nass beschützen.

Mit dem Zug fuhr ich in einen Ort, der mir sofort als Ausgangspunkt in den Sinn gekommen war. Als ich im Zug saß mit einem prickelnden Gefühl, das ich mit Aufregung und Angst bezeichnen möchte, gingen mir tausend Gedanken im Kopf herum. Ich hatte plötzlich das Gefühl, einen losen Zahn zu haben. Was würde sein, wenn ich Zahnschmerzen bekäme und niemand da wäre, der mir helfen könnte? Diese Frage versetzte mich in Panik, und immer wieder fühlte meine Zunge bei dem „losen“ Zahn nach. Andere Gedanken wie, was ist, wenn ich mich verletze und Schmerzen bekomme, schalteten sich dazu. Ich wunderte mich über diese Denkweise, weil ich jahrelang keinen Arzt mehr aufgesucht hatte und überlegte, ob ich aus der Krankenversicherung austreten sollte, weil ich nie krank bin. Es war mir unerklärlich, aber ich hatte das Gefühl, als sollte ich für immer die zivilisierte Welt verlassen, um mir im Busch allein zu helfen. Dabei handelte es sich nur um drei Tage!

Der nächste Schreck, der mir in die Glieder fuhr, hatte mit den Gedanken an Tiere zu tun. Zwar redete ich mir nicht ein, dass mir Raubkatzen begegnen könnten, aber ich wusste, dass es Wildschweine gab und Ratten! Wie viele fürchterliche Geschichten über Wildschweine, die Menschen auf Bäume getrieben oder sie angegriffen hatten, fielen mir ein. Ob diese Geschichten der Wahrheit entsprachen, war nicht wichtig. Auf jeden Fall hatte ich sie gehört. Und Ratten lebten auch im Wald. Der Gedanke daran, dass eines dieser Tierchen in meinen Schlafsack kriechen könnte, während ich schlief, ließ mich vor Schreck erstarren. Mit solchen Gedanken verbrachte ich meine Bahnfahrt. Aber sie konnten mir mein Vorhaben nicht unterbinden. Ich wollte die Prüfung bestehen und geläutert aus ihr hervorgehen.

Als ich den Zug verließ, schien die Sonne, und ich beschloss, die negativen Gedanken zu entlassen. Mein Zahn wackelte nicht mehr, und mein restlicher Körper fühlte sich beschwingt und leicht an. In meinen Turnschuhen und den Jeans fühlte ich mich wie in meiner Studentenzeit, als ich voller Abenteuerlust in die Welt hinausgetrampt war. Da tauchte auch schon der Wald auf, in dem ich nun untertauchen sollte. Ich begrüßte ihn mit Respekt und bat ihn um Beistand. Dann fing ich an, in ihm herumzuwandern. Ich bemühte mich, ganz wach zu sein und alles um mich herum mitzubekommen. Kein Hinweis sollte mir entgehen!

Das Thema des ersten Tages hatte mit Zerstörung, mit Unberechenbarkeit und Undurchsichtigkeit zu tun. Drei kleine Glasmarmeln, die ich von meiner Lehrerin erhalten hatte, lagen in meiner Hosentasche. Sie sollten mich auf die Themen hinweisen. Die erste Marmel war undurchsichtig, hatte Kratzer auf der Oberfläche und war nicht besonders schön. Ich hielt sie ans Licht, um sie näher zu betrachten und um meine Gedanken zu ihr zu registrieren. Irgendwie sollte ich ja wohl den Wald mit ihr in Verbindung bringen. Hm – ich sah mich um und stellte fest, dass ich mich auf einer Baustelle befand. Es gab große Flächen mit umgestürzten Tannen. Die Erde sah verbrannt aus. Irgendwelche Bagger und andere Maschinen standen herum. Menschen waren keine zu sehen. Der Wald war nicht sehr groß, und überall das gleiche Bild. Mir erschien es trostlos, und ich beschloss, mir einen neuen Wald zu suchen. Dazu musste ich mich an den Waldrand begeben. Ich überschaute eine schöne Landschaft mit Feldern und Wiesen und erspähte in einiger Entfernung den nächsten Wald, den ich nun aufsuchen wollte. Eigenartigerweise fing es in dem Augenblick an zu regnen, als ich die Landstraße betrat. Da ich das Risiko nicht eingehen wollte, nass zu werden, blieb mir nichts anderes übrig, als umzukehren und in meinem Wald Schutz zu suchen. Den fand ich auch unter einem Holzstoß.

Ich hätte mich sehr gut und geborgen fühlen können, wäre da nicht wieder so ein fürchterlicher Ausblick auf ein verwüstetes Baummeer gewesen! Was hatte das zu bedeuten? Dass die Natur starke Schäden aufzuweisen hat, war mir bekannt. Schließlich strotzen die Bäume in einer Großstadt nicht gerade vor Gesundheit. Aber so kompakt hatte ich das Leid der Natur noch nicht mitbekommen. „Ich kann doch nichts dafür“, stöhnte ich. „Wenn es nach mir ginge, sähe es hier anders aus! Aber es geht ja nicht nach mir, sondern nach dem Willen einiger unsensibler, zerstörerischer Männer!“

Aha, Schuldzuweisung und Reinwaschung! Ich bin die Gute, da sind die Bösen. Mit dem Bösen habe ich nichts zu tun. Das kannte ich doch von mir. Bestimmte Dinge wollte ich nicht wahrhaben und darum nicht einmal hinsehen. Nun wurde ich dazu gezwungen, hinzusehen und auszuhalten.

„Das Zerstörerische ist überall, auch in dir“, gestand ich mir ein. „Es geht nicht darum, diese Tatsache zu verleugnen oder zu vertuschen, sondern genau hinzusehen, zu akzeptieren und zu transformieren. Wie viele Menschen hast du schon verletzt, wenn du zu deinem eigenen Schutz um dich geschlagen hast“, ging es mir durch den Kopf. „Du kannst die bösen Kräfte in dir umwandeln, sie überwinden. Nur musst du sie erkennen! Du möchtest ins Licht, möchtest die Dunkelheit hinter dir lassen. Es wird dir gelingen, wenn du ganz rein bist. Du befindest dich in einem Reinigungsprozess. Höre auf, zu verurteilen! Die Fehler, die du bis jetzt gemacht hast, brauchst du nicht zu wiederholen! Vergib dir deine eigenen Fehler, dann wird es dir leicht fallen, auch anderen zu vergeben.“
Aus welcher Quelle diese weisen Gedanken kamen, war mir egal. Ich nahm sie ernst und tat Abbitte bei den von mir geschädigten Menschen. Stundenlang saß ich so da und ließ meinen Tränen freien Lauf. Danach ging ich mit einem neuen Gefühl durch den Wald. Ich umarmte kranke Bäume, weinte mit ihnen und betete für sie. Bis zum Abend tat ich alles, um ihnen Linderung zu verschaffen.

Als die Dämmerung einsetzte, war es Zeit, mir einen Schlafplatz zu suchen. Ich fühlte mich umgeben von meinen Helfern und beschützt und geliebt von Gott. So konnte ich mich voller Vertrauen unter den dichten Tannen einrichten. Voller Dankbarkeit war ich für den ausgefüllten Tag. Eine Amsel, die sich fürchterlich über mein Eindringen beschwerte, versuchte ich zu beruhigen: „Ich will dir nichts tun, dir auch nichts wegnehmen. Ich will nur mit dir teilen. Wir sind doch Teil des Ganzen, auch du. Freu dich über unsere Begegnung! Ich liebe dich.“ Der Mond schaute voller Wohlwollen durch die Baumspitzen, und zufrieden und glücklich schlief ich ein.

8

Die zweite Glaskugel war blau und glänzend wie der Regenbogen und das Wasser. Sie reflektierte alles um sich herum, besonders das Licht. Mit Licht und Klarheit begann mein zweiter Tag. Die Sonne lachte mir entgegen und forderte mich auf, in neue Abenteuer zu stürzen. Es war unglaublich, schon nach einer kurzen Weile fand ich einen Weg, der in einen anderen Wald überging. Ich befand mich plötzlich in einem hellen Buchenwald, in dem es strahlte und flimmerte. Vorbei die Verwüstungen, die mir am ersten Tag so zugesetzt hatten. Wie war es möglich, dass der Ausgang so nah war und ich ihn nicht entdeckt hatte? Das sollte mir jetzt egal sein. Auf jeden Fall versprach der zweite Tag ganz anders zu werden als der erste.

Singend und lachend machte ich meinen Weg. Das Licht wurde reflektiert von den Pflanzen und von den Steinen. Ich hielt meine Glaskugel in der Hand und freute mich: Das Leben ist nicht nur Zerstörung, sondern es glänzt auch und ist wunderschön. Aller Ballast des vorherigen Tages fiel von mir ab.

Als ich das erste Mal umkehren musste, weil der Weg plötzlich zu Ende war, tat ich es ohne Murren. Ich hatte ja Zeit. Der ganze Tag lag vor mir, und es war egal, wo ich langging. Beim dritten Mal Umkehren wurde ich stutzig.

Einmal ging es nicht weiter, weil der Weg noch vom letzten Regen so versumpft war, dass ein Durchkommen für mich unmöglich war. Ein anderes Mal führte der Weg in ein Kornfeld, und so ging es weiter. Das Thema des heutigen Tages schien etwas mit meinen Wegen zu tun zu haben, denn ich musste immer wieder umkehren. Ich setzte mich unter einen Baum, um nachzudenken und um mit meinen Helfern in Kontakt zu kommen. Es dauerte eine Weile, bis ich die Lektion verstand: Für mich gibt es keine vorgestanzten Wege! Ich muss mir eigene Wege suchen. In meinem bisherigen Leben hatte ich den mir vorgeschriebenen Weg schon mehr als einmal verlassen. Zur Zeit befand ich mich wieder auf völlig neuem Gebiet. Ich hatte keine Ahnung, wie es für mich weitergehen sollte. Da war nur mein Wunsch, Heilerin zu werden. Aber wie das in der Realität aussehen würde, das wusste ich immer noch nicht.

Gut, ich soll mir meinen eigenen Weg suchen! So werde ich es tun, beschloss ich. Als ich mich durch die Wildnis schlug, spürte ich, dass es so für mich stimmte. Dass sich mir Dornen und Gestrüpp vor die Füße legten, hatte für mich eher symbolischen Charakter. Leichtfüßig überwand ich die Hindernisse und dachte dabei an die Dornen, die sich mir im Laufe meines Lebens in den Weg gestellt hatten. Wie hatte ich mich gequält und gekämpft in meinem Leben. Und wie einfach empfand ich es jetzt! Der Wald in seiner Wildheit gefiel mir außerordentlich gut.

An einem wunderschönen Platz inmitten einer Buchengruppe, die ihre Blätter wie ein Dach über mir ausbreitete, auf einem weichen Moosteppich ließ ich mich nieder, um mich für die Nacht einzurichten. Es dämmerte bereits, und es war eine schöne Atmosphäre. Ich breitete meinen Schlafsack aus, stellte meinen Regenschirm wie ein kleines Zelt am Kopfende auf, schlüpfte in den Schlafsack und bedankte mich bei meinem Schöpfer für den Frieden, der mich umgab. Genau in diesem Moment wurde ich erschüttert von einem Schrei, wie ich ihn nie zuvor in meinem Leben vernommen hatte. In mir erstarrte alles. Wildschweine, ging es mir durch den Kopf. Das konnte nur ein Wildschwein gewesen sein. Um mir zu bestätigen, dass ich nicht unter Halluzinationen litt, tat das Ungetüm einen zweiten, noch schrecklicheren Schrei. Das war zuviel für mich! Ohne lange zu überlegen, sprang ich auf. Zwar konnte ich nichts sehen, was Ähnlichkeit mit einem Wildschwein hatte, aber ich war mir sicher, dass eine ganze Horde irgendwo lauerte und mich überfallen würde. In Blitzeseile packte ich meine Sachen zusammen und stolperte durch die Dornen zurück auf einen Weg. Nur schnell weg von hier. Ich wollte meine Waghalsigkeit nicht mit dem Leben bezahlen, also musste ich mich retten.

Obwohl ich den ganzen Tag nicht einen Menschen getroffen hatte und mir diese Tatsache das Gefühl vermittelte, mitten im tiefsten Wald zu sein, fand ich nach kurzer Zeit eine richtige Landstraße. Inzwischen war es fast dunkel geworden. Trotzdem fiel die Angst von mir ab. Ich fühlte, dass ich richtig gehandelt hatte. Vertrauen hin, Vertrauen her, ich muss mich trotzdem entscheiden, will mich nicht ausliefern.

Das waren meine Gedanken zu dieser Situation. Im Moment wollte ich mich nicht weiter damit auseinandersetzen. Ich würde noch genug Zeit dafür haben. Jetzt ging es einfach darum, zu sehen, wie ich nach Hause komme. Das erstemal spürte ich, dass meine Füße wund waren und ich auch sonst ziemlich erschöpft war.

Dennoch beschloss ich, die Nacht über zu wandern. Vielleicht könnte ich dann am Morgen in ein Verkehrsmittel steigen. Ich wusste nicht, wo der Weg lang ging, vertraute jedoch meinen Füßen, die sich für eine Richtung entschieden.

Da ich gerade meinem sicheren Tod entronnen war – so meine Fantasie – empfand ich die Teerchaussee, die zwar auch unbelebt und dunkel war, als Weg zurück in die Zivilisation. Ich spürte so etwas wie gerettet sein. Mich hatte auf meiner nächtlichen Wanderung bislang ein Auto überholt, ein anderes war mir entgegen gekommen. Es war mir recht, dass der Verkehr so spärlich hier war. Immerhin gab es auch die Möglichkeit eines Überfalls. Wie viele einsame Männer mochten heute, am Samstag abend, nach einem Opfer für ihre Triebbefriedigung suchen. Eine einzelne Frau auf einer dunklen, unbelebten Straße würde ein gutes Opfer abgeben.

Solche Gedanken gingen mir durch den Kopf, als plötzlich ein Auto neben mir stoppte. Ein junger Mann, der etwas das Alter meines Sohnes hatte, sprang heraus und fragte mich mit fröhlicher Stimme: „Können wir dich ein Stück mitnehmen? Wo willst du denn hin mit dem schweren Gepäck mitten in der Nacht?“ Ohne lange zu überlegen, stieg ich in das Auto, in dem noch ein anderer junger Mann saß. Ich empfand die beiden als von oben geschickt und konnte die Hilfe gut annehmen. Sie erzählten mir, dass sie mir entgegengefahren waren und sofort beschlossen hatten, umzukehren, um mir weiterzuhelfen. Sie machten einen langen Umweg, um mich zum nächsten Bahnhof zu bringen, wo der letzte Bus bereitstand, der mich wohlbehalten in meine Stadt brachte.

Als ich schließlich lange nach Mitternacht in meinem eigenen Bett lag, ergriff mich leichte Wehmut. Ich hatte die Prüfung nicht bestanden, und meine Helfer waren sicher von mir enttäuscht. Aber warum hatten sie mir dann das Auto geschickt? Irgendwie spürte ich, dass alles dazugehörte und ich noch intensiver darüber nachdenken sollte.

Plötzlich hatte ich die Lösung: Meine Lehrerin hatte gesagt, dass ich drei Tage im Wald verbringen sollte. Auf meine Frage, ob die Nächte dazugehörten, hatte sie lächelnd die Schultern gezuckt und gemeint: „Das kannst du machen, wie du willst.“ Zwei Tage hatte ich inzwischen im Wald verbracht, den dritten würde ich auch in einem Wald verbringen, nur in einem anderen. Ja, so würde es gehen. So konnte ich die Aufgabe doch noch beenden. Ich stellte mir den Wecker und schlief ein.

In aller Frühe machte ich mich am nächsten Tag auf den Weg. Es war einer dieser friedvollen Sonntagmorgen, an dem alles seine Ordnung hat. In meiner Hand ruhte die dritte Glaskugel. Sie war orangerot wie die aufgehende Sonne. Was würde der heutige Tag mir bringen? Auf meinem langen Marsch hatte ich genügend Zeit, noch einmal die Geschehnisse von gestern zu durchdenken. Das Gefühl, dass alles von oben für mich arrangiert worden war, wurde immer stärker in mir. Diese Schreie hatten nur dazu gedient, mich zu einer Entscheidung zu bringen. Entweder ich wäre liegengeblieben und hätte um Vertrauen gebetet, oder ich wäre vor Angst noch weiter in meinen Schlafsack gekrochen und hätte mich ausgeliefert gefühlt oder… oder… ich glaube, es hätte mehrere Möglichkeiten des Handelns gegeben. Ich hatte mich für eine entschieden und damit voll die Verantwortung für mich übernommen. Und ich spürte deutlich, dass mein Handeln ganz richtig war. Ich hatte meinen eigenen Weg gefunden!

Der Ort zu dem ich mich an diesem dritten Tag begab, war mir vertraut. Schon oft hatte ich hier gesessen und mir Kraft geholt. Heute wurde ich mit meiner Vergangenheit konfrontiert. Es gab noch so viele Dinge in mir, die mich in meiner Entwicklung störten. Das Wasser des plätschernden Baches an meiner Seite raunte mir zu: „Du kannst deine Kampfeshaltung in Zukunft aufgeben, weil du sie nicht mehr brauchst. Du hast den Weg der Liebe eingeschlagen. Damit hast du genügend Schutz. Die Liebe gibt dir soviel Kraft, wie du sie für deine Entwicklung brauchst. Öffne dein Herz noch weiter! Damit erweiterst du dein Sein, kannst wachsen und neue Dimensionen erreichen. Hab noch mehr Vertrauen in dich, in Gott in dir. Lass Altes los und liebe, liebe!“

Ich war tief erschüttert. Als ob das so einfach wäre! Mein mir vertrautes Muster des Mich-zur-Wehr-Setzens, des Kämpfens um meine Rechte, des Nicht-mit-mir-Machen-lassens hatte mir viel Macht und Sicherheit gegeben. Jahrelang hatte ich darum gerungen, endlich die unterdrückte Wut zuzulassen. Und nun sollte ich sie wieder aufgeben? Wie soll das gehen in dieser kalten, unerbittlichen Welt, jammerte ich. Soll ich mich den machthungrigen und egoistischen Typen in Zukunft einfach so aussetzen? Sie werden doch nicht auf Gefühle wie Sanftmut und Liebe reagieren, sondern mich schamlos ausnutzen wie früher. Das kannte ich nur zu gut. Wie oft hatte ich mich in früheren Zeiten kampflos und weinend in mein Kämmerlein zurückgezogen und mich schwach gefühlt. Und wie glücklich war ich gewesen über den Erwerb der neuen Kraft und meine Freude zum Kampf! In mir brodelte es. Ich konnte mir einfach nicht vorstellen, dass mir die Liebe in schwierigen Situationen helfen würde.

„Versuch es! Lass das Alte los. Gib dich ganz dem Neuen hin. Du machst so gute Fortschritte auf dem Weg der Liebe. Blockiere dich nicht wieder!“, mischte sich nun die Buche ein, unter der ich saß. Auch die Tiere um mich her, die Bienen, die Fliegen, die Schmetterlinge schienen mir zuzurufen: „Lass los! Lass einfach los!“

Langsam wurde ich weicher. Sollte ich vielleicht als Demonstration für einen Neubeginn in meinem Leben meinen Zweitnamen ablegen, der die Bedeutung Kämpferin hatte und ihn mit einem anderen mit der Bedeutung Sanftmütige ersetzen?

Ich streckte mich aus im Gras und ließ mich von der Sonne wärmen. Ja, in meinem Inneren begann sich etwas Neues auszubreiten. Ich glaubte zu verstehen. Auch Jesus, der großen Meister und Menschensohn war den Weg der Liebe gegangen. Wenn dich jemand auf die eine Backe schlägt, halte ihm auch die andere hin, hatte er gesagt. Das allergrößte im Leben ist die Liebe! Ich werde diesen Weg mit allen Konsequenzen beschreiten, jubelte ich mir zu. Heute ist der Tag der aufgehenden Sonne, der Tag des Neubeginns, der Neugeburt.

Ich sprang auf und wirbelte herum. Ich hab heut Geburtstag, trallalallala, sang und lachte ich in den Wald hinein. Zum Geburtstag gibt es Geschenke, sagte ich mir. Ich werde mir den schönsten aller Blumensträuße pflücken, beschloss ich. „Du wolltest doch keine Blume mehr pflücken, um ihr nicht das Leben zu nehmen. Das hast du vor einem Jahr beschlossen und dich auch bis heute daran gehalten. Willst du dir nun untreu werden?“, fragte mich meine innere Stimme. „Ach, heute ist ein besonderer Tag, den ich feiern will. Die Blumen freuen sich sicher mit mir“, sagte ich und begann mir ein schönes Exemplar auszusuchen.

Eine rotblühende, üppige Schönheit zog meinen Blick auf sich, und voller Liebe näherte ich mich ihr. „Du hast hoffentlich nichts dagegen, wenn ich dich pflücke“, sprach ich sie an und streckte bescheiden die Hand nach ihr aus. Vorsichtig knickte ich den Stiel um. Aber allein das erwies sich als Problem. Die Blume wollte nicht ihren Kopf beugen. Als ich sie endlich soweit hatte, gelang es mir nicht, den Stiel durchzureißen.

„Ich will dir nichts tun. Du wirst in einer schönen Vase stehen, und ich werde dich täglich bewundern“, versprach ich ihr. Aber umsonst, sie weigerte sich nach wie vor. „Nun kann ich dich nicht so hängen lassen, du musst mit mir kommen“, sagte ich und zerrte zähneknirschend an ihrem Stiel herum. Soviel Eigensinn machte mich ärgerlich. Ein altbekanntes Gefühl der Ungeduld stieg in mir auf. „Blumen sind zum Pflücken da“, schimpfte ich.

In diesem Augenblick merkte ich, was ich da tat. Gleich bei meiner ersten Handlung auf dem Weg der Liebe war ich in ein altes Verhaltensmuster gefallen. Wenn ich etwas nicht so bekomme, muss ich kämpfen.

O weia, da stimmte etwas nicht. Als ich die Blume endlich in Händen hatte, bedauerte ich meinen Beschluss. Da ich sie jedoch gepflückt hatte, wollte ich sie nicht allein lassen und guckte mir würdige Gefährten für sie aus. Die nächsten vier Blumen kamen freiwillig mit. Aber mir war die Freude vergangen, und ich fühlte mich schuldig. Eigentlich wollte ich gar keinen Geburtstagsstrauß mehr haben, aber ich mochte mein Vorhaben nicht aufgeben.

In diesem Augenblick passierte etwas sehr Merkwürdiges. Neben mir tauchte plötzlich ein Auto auf und hielt an. Der Fahrer kurbelte das Fenster herunter und sagte: „Sie wissen wohl, dass Sie sich strafbar machen! Hier ist Naturschutzgebiet und strengstens verboten, Blumen zu pflücken.“ Erst in diesem Moment erkannte ich, dass der Fahrer und sein Begleiter in Uniform waren. Ich entschuldigte mich und blickte verwirrt dem davonfahrenden Auto hinterher. Was sollte ich davon halten? Mir war den ganzen Tag nicht eine Person begegnet. Ich befand mich am Rande eines Waldes auf einem Feldweg, und es war Sonntag Nachmittag. Noch niemals zuvor hatte ich hier ein Auto gesehen und schon gar nicht die Polizei. Das musste ein Zeichen für mich sein!

Da fiel mir ein, dass mein Rückweg noch sehr weit war und die Blumen ihn sicher nicht überstehen würden. Wie dumm von mir. Ich beschloss, die fünf von mir gepflückten Pflanzen zurückzulassen. Dabei fühlte ich mich wie eine Mörderin und schämte mich zutiefst. Ich würde in Zukunft sehr wach sein müssen, um den Weg der Liebe in seiner vollen Konsequenz einzuhalten.

9

Neben den zahlreichen Hausaufgaben, die ich allein ausführen musste, gab es nach einiger Zeit eine Partnerin für mich. Mit ihr hatte ich wichtige Dinge zu lernen. Einmal im Monat trafen wir uns für einen Tag, an dem wir gemeinsame Hausaufgaben erledigen sollten.

Als sie mich das erste Mal in meiner Wohnung besuchte, brachte sie mir eine Rose mit. Beim Einschneiden des Stiels schnitt ich mich in den Finger. Der dicke, schwarze Blutstropfen, der aus der Wunde kam, war schnell weggewischt und ein Pflaster draufgeklebt. Nicht der Rede wert!

Unsere erste gemeinsame Aufgabe bestand darin, dass wir uns gegenübersaßen und uns in die Augen sahen. In meiner Ausbildung als Therapeutin hatte ich oft diese Übung machen müssen. Nach wie vor war es schwierig für mich, diese Nähe auszuhalten. Aber ich wollte ja lernen. Statt mein Herz zu öffnen und Liebe auszustrahlen, hielt ich mein Gegenüber auf Distanz. Ich tauchte in eine Gedankenflut ein, die nicht viel mit meiner Partnerin zu tun hatte, die mir jedoch ihre Nähe erträglich machte. Ich hätte ebenso gut meine Augen schließen können, sosehr war ich bei mir. Nach Beendigung der Übung sollten wir uns austauschen über unsere Gefühle und Gedanken. „Mir geht es total gut mit dir. Ich kann dich so nehmen, wie du bist“, sprudelte ich los. Das änderte sich in dem Augenblick, als sie mir ihre Empfindungen mitteilte: „Du hast mich die ganze Zeit angestarrt, besonders mit dem einen Auge. Ich habe mich angestrengt, um dich aus deinem Gefängnis zu befreien. Aber du hast gar nicht reagiert.“

Wie war das möglich! Wie konnte sie so etwas zu mir sagen! Das war doch eine ganz gemeine Kritik! Damit wollte sie mich gezielt treffen und sich über mich stellen! Nur nicht die Verletzung zeigen, die Zeiten sind vorbei! Ich lasse mich nicht mehr verletzen! Das waren meine ersten Gedanken, aber die blieben schön bei mir. Ich schluckte kurz und sagte souverän: „Wenn du mich so erlebt hast, kann ich dir nicht helfen. Ich habe mich trotzdem gut gefühlt, so wie ich mich verhalten habe.“ Bei unserem Abschied schien alles in Ordnung zu sein.

Erst am nächsten Morgen brach mein Schmerz heraus. Ich fühlte mich so verkannt und abgelehnt, so ungeliebt und kritisiert wie damals in meiner Kindheit. Tränen der Wut, der Trauer und des Schmerzes bahnten sich ihren Weg. Über Nacht war auch etwas mit meinem verletzten Finger passiert. Er war angeschwollen und schmerzte sehr. Vier Wochen lang hatte ich mit ihm zu tun. Die Schmerzen waren manchmal unerträglich. Es pochte und stach in meinem Gelenkknochen, als würde eine Explosion bevorstehen. Aber die angesammelten und aufgestauten Eitermassen fanden keinen Weg nach draußen. Die Wunde hatte sich geschlossen und ließ nichts heraus. „Das muss operiert werden. Ich hatte genau so einen Finger vor einiger Zeit. Damit ist nicht zu spaßen. Geh schnell zum Arzt“, riet mir eine Freundin.

„Das Gift in deinem Herzen steht in Verbindung mit deinem Finger. Öffne dein Herz, und die Wunde wird sich öffnen“, sagte meine Lehrerin. Obwohl ich zeitweise in Panik geriet, ließ ich die entzündete Stelle nicht aufschneiden, sondern bemühte mich um Vertrauen. Und eines Tages platzte sie wirklich, was ich als ein Wunder empfand.

In dieser Zeit kamen immer wieder Menschen zu mir, die mit ihren Problemen nicht allein fertig wurden. Gemeinsam schafften wir Klarheit und fanden neue Wege. Eine junge Frau, die sehr unter dem Problem der Nähe litt, hatte sich bei mir eingefunden. Um ihr Herz hatten sich ein paar Schutzringe gelegt, die ihr nach und nach als unerträgliche Last erschienen. Sie wollte sie aufbrechen, fühlte sich aber wie zugeschnürt. Nun saß sie vor mir und wand sich in ihrer selbst auferlegten Einsamkeit. In diesem Moment war sie mir so nah! Ich verstand sie gut und empfand eine unendliche Liebe für sie. Hilf ihr, mein Gott, nimm die Fesseln von ihr, betete ich. Da brach etwas in ihr auf, und das erste Mal konnte sie vor mir weinen. Ich blickte auf meinen Finger und entdeckte einen Eitertropfen. Auch in mir war etwas aufgebrochen, und ich dankte meinem Schöpfer.

Bei den ersten Treffen mit meiner Mitschülerin spürte ich beinahe jedes Mal eine Mauer zwischen uns oder wenigstens Mauerreste. Es ging um Besserseinwollen, um Zeigen, was ich kann und wer ich bin. Sie sollte mich anerkennen und bewundern wie damals meine Geschwister. Wenn ich meiner Lehrerin von unseren Schwierigkeiten berichtete, sagte sie jedes Mal: „Nimm das als Geschenk. Alles was dir geschieht, ist ein Geschenk!“

Seit wann sind Schmerzen Geschenke?, fragte ich mich. Ich will friedlich und in Harmonie leben. Da brauche ich diese fürchterlichen Störungen nicht. Inzwischen habe ich verstanden, dass Störungen wirklich Geschenke sind. Sie machen mich wach und helfen mir, alte Muster aufzugeben, eingefahrenes Verhalten abzulegen und starre Gedankenformen zu überwinden. Wenn die Sicherung herausspringt oder ein Glas zerbricht, oder ich bekomme ein unangenehmes Schreiben vom Amt, oder in meiner Arbeit gibt es Schwierigkeiten – alles, alles dient mir heute als Hinweis, für den ich dankbar bin. Dadurch habe ich das Gefühl verloren, dass ich ständig Probleme bewältigen muss. Vielmehr bin ich immer am Lernen, was ich als sehr spannend empfinde.

Bei unseren gemeinsamen Aufgaben hatten wir auch Spaß. Einmal sollten wir fünf Stationen mit dem Zug irgendwohin fahren. Bei jeder Station gab es ein neues Wort, über das wir nachdachten, während wir uns dabei ansahen. Kaum hatte ich Platz genommen, als ich einen starken Drang zum Lachen in mir spürte. Zuerst versuchte ich, das Lachen wegzudrücken, mich zu beherrschen, um nicht aufzufallen. Aber nach der zweiten Station war das nicht mehr möglich. Mein ganzer Körper wurde geschüttelt ohne Stop. Nach der dritten Station war die Strecke beendet. Der Zug fuhr nicht weiter, und wir mussten umsteigen. Ein Zug ist nicht einfach zu Ende, zu komisch, lachte ich und wischte mir die Tränen aus den Augen. Als wir im nächsten Zug saßen, um die letzten beiden Stationen zu machen, fragte uns ein Schaffner: „Wo wollen Sie denn hin?“, ein neuer Reiz für einen Lachanfall für mich. „Wir zwei fahren irgendwohin“, sang es in mir, während mein ganzer Körper sich schüttelte. Als Teenager hatte ich oft solche Anfälle gehabt, besonders dann, wenn Ruhe angesagt war. Damals habe ich unter meinem unmöglichen Verhalten gelitten, aber diesmal konnte ich es genießen. Ich fühlte mich so leicht und beschwingt, wie schon lange nicht mehr. Es war, als fielen tausend Ketten von mir ab. Diese Leichtigkeit habe ich seit damals zum Teil beibehalten können. Es gibt keine Probleme, wir machen sie uns selbst, stammt aus dieser Zeit.

Nachdem ich aufgeschrieben hatte, dass es keine Probleme gibt, verstaute ich die Schreibmaschine und fiel in eine Schwere, wie ich sie von früher kannte. Es war, als hätte ich das bisher Geschilderte umsonst erlebt. Meine Ruhe und auch die Leichtigkeit schwanden dahin, und ich verstand nicht. Es dauerte eine Zeit, bis mir bewusst wurde, dass die Schwere immer wieder mal auftaucht, um mich auf neue Lektionen aufmerksam zu machen.

Der erste Teil meiner Ausbildung zur Heilerin ist längst beendet. Eines Tages teilte ich meiner Lehrerin mit, dass ich glaubte, mich von ihr verabschieden zu müssen. Meine letzte Hausaufgabe bestand darin, mir selber Hausaufgaben durchgeben zu lassen. Voller Freude stellte ich fest, dass das funktionierte. Ich sollte mich unter den Wolkenhimmel legen und sehen, was geschieht. Voller Skepsis tat ich dieses und war überrascht über das Ergebnis. Die Wolken, die sich vor die Sonne schoben, erschienen mir zunächst als störend, weil sie mir die Wärme nahmen. Der Wind trieb sie jedoch weiter, und in Gedanken begleitete ich sie. Mir fiel dazu ein, dass Wolken wichtig sind für die Regenbildung. Der Regen wiederum ist wichtig für das Wachstum. Ich zog eine Verbindung zu mir. Ich will sein wie die Wolken, will mich dahin treiben lassen, wo ich gebraucht werde. Fast ein Jahr ist seit dieser Aufgabenstellung vergangen, aber das Wolkengebilde hat sich tief eingeprägt. Mein Leben hat einiges damit zu tun. Ich bin viel unterwegs, höre oft die Worte: „Du bist im rechten Augenblick gekommen“.

Wenn ich zuhause bin und mich in der Stille auffülle, kommt ein Anstoß oder ein Hilferuf von irgendwoher, und ich begebe mich wieder auf Wanderschaft.

Auch die zweite Aufgabe, die durch mich kam, hat Nachhall in mir hinterlassen. Ich sollte eine Streichholzschachtel öffnen und Hölzchen für Hölzchen abbrennen lassen. Es gab drei Kategorien von Hölzern. Die erste war die der kurz Aufflackernden, die schnell verlöschten. Die zweite Gruppe der Hölzer brannte länger, schien jedoch viel Energie mit Kampf und Widerstand zu vertun. Sie verlöschten in der Hälfte des Holzes. Die dritte Sorte brannte ganz ruhig bis zum Ende. Die abgebrannten Teile lagen gebeugt auf einem Haufen. Auch aus dieser Aufgabe nahm ich Lehrgut für meine Zukunft. Ich will meine Aufgabe mit Geduld und ohne Widerstand ausfüllen. Vor meinem Schöpfer will ich mich verbeugen. Seit dieser Zeit sind meine ersten Gedanken am Morgen: Dein Wille geschehe!

10

Inzwischen habe ich eine Reihe von Schülern, die sich regelmäßig von mir Hausaufgaben durchgeben lassen. Ich bin immer wieder überrascht und erfreut, welche Erkenntnisse und Lehren sie für ihre Bewusstseinserweiterung erlangen. Ich bin auch überrascht über die Vielfalt der Aufgaben, die für jede Person und jede Situation da sind.

Manche Hausaufgaben, die ich weitergebe, laden mich ein, sie selber auszuführen. Wenn mir mein Schüler dann von seinem Ergebnis erzählt, halte ich meins dagegen, und zusammen entdecken wir noch einmal Möglichkeiten der Erkenntnisse.

So ging es mir auch vor einiger Zeit mit der Nelke. Eine Klientin hatte die Aufgabe, sich eine Nelke zu kaufen und zu sehen, was dadurch bei ihr passiert. „Ich mag keine Nelken“, war ihre erste Reaktion. „Ich auch nicht“, sagte ich und beschloss, mir auch eine Nelke zu besorgen. Eigenartigerweise entdeckte ich erst da, dass eine Nelke in dem Strauß enthalten war, den ich vor zwei Tagen geschenkt bekommen hatte. Noch eigenartiger war, dass diese Nelke als einzige Blume des ganzen Straußes verwelkt war. Ich musste sie wegwerfen, beschloss aber sofort, mir einen neuen Strauß mit Nelken zu kaufen.

Ich suchte mir zehn weiße Nelken aus, dazu lila Anemonen und Narzissen. Der Strauß wurde schön gebunden, und ich erfreute mich an ihm. Jeden Morgen beim Frühstück betrachtete ich ihn hingebungsvoll und entdeckte immer neue Regungen in mir. An dem Sonntag als die Narzissen aufgeblüht waren, gab es die Gedanken über Bescheidenheit und Überheblichkeit in mir. Die Nelken mit ihren kleinen weißen Köpfchen wirkten eher bescheiden gegen die sich ausbreitende Manier der Narzissen. Die Nelken passten gut in den Strauß, ich hatte sie inzwischen richtig liebgewonnen. Sie bildeten kleine Punkte, bei denen sich mein Blick ausruhen konnte. Die Bescheidenheit stand ihnen gut. Sie bildeten einen Gegenpol zu den auffälligen, stark duftenden Narzissen.

„Jeder hat seinen Platz und ist richtig da, wo er gerade ist“, dachte ich. Jede Pflanze hat einen Grund so zu sein, wie sie ist und genau so liebenswert. Diesmal hielten sich die Nelken am längsten frisch in dem Strauß. Für mich war das ein Beweis dafür, dass das mit meiner Liebe zu tun hatte. Eine Blume, die sich geliebt fühlt, hält eben länger!

Ja, und was ist mit mir? Was hat die ganze Angelegenheit mit mir zu tun? Bin ich eher überheblich oder bescheiden oder was? Mir fielen verschiedene Situationen ein, in denen ich so oder so gewesen war. Die Situationen waren abgeschlossen, und mein Verhalten war in meinen Augen richtig gewesen. Fast hätte ich die Hausaufgabe als abgeschlossen betrachtet, hatte ich doch eine Menge Anregungen durch die verschiedenen Kontemplationen erhalten.

Doch plötzlich gab es den Begriff Überheblichkeit noch einmal in mir. Diesmal ganz klar mit der Zuweisung, bei mir zu bleiben und mir meine Überheblichkeiten zuzugestehen. Was ist mit der Kirche? Du hast sie verlassen, weil du dich in ihr nicht wohl gefühlt hast. Ja, du hast die anderen verurteilt, hast sie bewertet. Für dich gibt es Möglichkeiten, deine Überheblichkeit auszugleichen, sie aufzulösen.

„Geh heute in die Kirche, dort wirst du Abenteuer erleben“, hörte ich in mir. Also ging ich los. Der Gottesdienst wurde von einer Pfarrerin gehalten. Sie sprach über Überheblichkeit. In einem Text aus dem Neuen Testament hatte Jesus zu einigen Menschen gesagt: „Was rede ich überhaupt nicht mit euch? Ihr kommt von unten, und ich komme von oben“. So überheblich kennt man Jesus sonst nicht, sagte sie. Ich saß da mit weit geöffneten Ohren. Ich war so gespannt, was sie aus dieser Geschichte machen würde. Sie schlug einen Bogen zu uns in der heutigen Zeit. Ich weiß nicht, wie es möglich war, aber plötzlich gab es wieder das Lieblingsthema der Kirche, nämlich das Leid. Wie war sie nur dahin gekommen? In mir rumorte es. Fas wäre ich aufgesprungen und hätte dazwischengerufen, als sie nun darüber sprach, dass wir lernen müssten, das Leid auszuhalten. Und die Freude, was ist mit der Freude?, schrie es in mir. Warum wird Jesus ständig als leidend dargestellt? Und warum sollen wir ständig leiden? Da ist doch etwas faul! Ich war ärgerlich und überheblich.

Die Geschichte endete keineswegs hier, sondern ging weiter. Ich verabredete mich mit der Pfarrerin, um ihr von mir mitzuteilen. Ich wollte sie darauf hinweisen, dass ihre Sichtweise falsch war. In unserem Gespräch konnte ich dann jedoch auch ihre Argumente verstehen. Ich konnte meine Hartnäckigkeit aufgeben und mich einlassen. Nach dem Gespräch hatte ich das Gefühl, dass meine Überheblichkeit einer Einsicht Platz gemacht hat, nämlich der Einsicht, dass viele Menschen viele Wege begehen, und jeder Weg einen Sinn hat. Ich muss niemandem meine Sichtweise überstülpen!

Die Erkenntnisse meiner Klientin bei dieser Hausaufgabe waren ganz andere: Sie hatte sich nur eine einzelne Nelke gekauft und sie in eine Vase gesteckt, die überhaupt nicht zu dieser Blume passte. Nun begann sie, die anderen Vasen auszuprobieren, bis sie eine passende fand. Da die Aufgabe lautete, festzustellen, was das mit ihr zu tun hätte, fand sie heraus, dass sie viel zu wenig für sich sorgte. Sie war in der Vergangenheit immer mit dem ersten Besten zufrieden gewesen. Als Konsequenz nahm sie sich vor, in Zukunft darauf zu achten, dass sie sich nicht sogleich mit allem abfinden wollte, sondern dass sie ausprobieren wollte, was wirklich zu ihr passt. Als wir unsere Ergebnisse miteinander verglichen, freuten wir uns darüber.

ENDE

Vorwort

STERNTALER

Die Sterntaler 1-5 habe ich mit Hilfe der Gib und Nimm Zentrale/Dortmund veröffentlicht in der Zeit zwischen 1994 und 1999. Wieland Halbroth gestaltete das Layout für sterntaler 1-4 und Christine Niggemann gestaltete den fünften. Die Texte sind entstanden im Zusammenhang mit meinen täglichen Erlebnissen. Ich könnte sie als Tagebuchnotizen bezeichnen. Dass ich sie dennoch veröffentlicht und verschenkt habe, hat mit meiner Überzeugung zu tun, dass für jeden Menschen das Leben im Alltag liegt. In jedem Augenblick ganz da sein, alles aufmerksam und lebendig wahrnehmen und die täglichen Abenteuer entdecken. Dazu möchte ich mit meinen Texten anregen. Die bisherigen sterntaler tragen folgende Titel und sind inzwischen vergriffen, sollen jedoch auch irgendwann auf meine homepage kommen:

1. Die Gib und Nimm Zentrale – ein Versuch zu mehr Mitmenschlichkeit

2. Heilende Kräfte – ein Weg zur Liebe

3. Leben im Augenblick

4. Alles ist möglich – Hintergründe und Erfahrungen meines Lebens ohne Geld

5. Jeder Konflikt ein Gewinn – Wege zum Miteinander

6. Weniger ist mehr

Der 2. und 6. Sterntaler soll nun auf meiner Homepage erscheinen. Sie können Ihn online durchlesen. Wählen Sie den gewünschten Sterntaler aus in der Tabelle ‚Kategorie‘ in der rechten Spalte.

Heidemarie Schwermer