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Sterntaler 6

Der 6. Sterntaler soll nun als zweites auf meiner Homepage erscheinen. Er trägt den Titel:

Lebensqualität – weniger ist mehr

Wenn die Grundbedürfnisse wie ein Dach über dem Kopf,genug zu essen, angemessene Kleidung, befriedigt sind, kann ich da schon von Lebensqualität sprechen, oder beginnt die, wenn der Luxus einsetzt? Und was ist Luxus? Im Lexikon steht: reiche Ausstattung, Verschwendung. In unserer kapitalistischen Welt strebt die Masse Verschwendung an. Je mehr, desto besser. Damit scheint Glück und Reichtum verbunden zu sein.

Obwohl ich kein eigenes Dach über dem Kopf habe, nicht einmal ein gemietetes, obwohl ich heute nicht weiss, was ich morgen essen werde, wie ich von einem Ort zum anderen komme, und andere Selbstverständlichkeiten in meinem Leben nicht selbstverständlich sind, weil ich seit Jahren kein Geld mehr benutze, wächst meine Lebensqualität ständig. Von allem gibt es genug und mehr, so dass ich vieles weiterschenken kann, weil ich mich nicht mit überflüssigen Dingen belasten möchte. Das gehört zu meiner neuen Lebensform, die mit einer Verschiebung der Wichtigkeiten zu tun hat. Mein Lebensentwurf basiert nicht auf Verzicht und Askese sondern auf Einfachheit. Ich strebe nur das an, was ich wirklich brauche. Dadurch schaffe ich mir mehr Zeit für Wesentliches. Die Zeit, die ich sinnvoll nutzen kann und die Freude, die dadurch entsteht, sind in meinem Leben der Luxus.

Zwar erhalte ich die meisten für mich notwendigen Dinge von anderen Menschen, die von ihrem Überfluss abgeben, den sie sich mit Geld erwirtschaftet haben, und so scheint es, dass ich statt vom Geld nun von ihnen abhängig bin und mein Leben komplizierter als vorher sein müsse. Das ist jedoch ein Trugschluss. Achtete ich zu Beginn meines neuen Lebens akribisch darauf, dass ich durch mein Geben das Nehmen sofort ausglich, damit niemand mich für eine Schnorrerin halten könnte, hat sich in den letzten Jahren etwas verändert. Jetzt muss die Gabe anderer keineswegs sofort von mir beglichen werden. Manchmal liegen lange Zeiten dazwischen, oder ein Ausgleich erfolgt durch eine dritte Person. Ausserdem gelingt es mir zusehendst, statt meiner Hände meine Gedanken einzusetzen. So formuliere ich mir einen Wunsch, schicke ihn in den Kosmos und lasse wieder los. Ich erhalte das Gewünschte meistens schon nach kurzer Zeit. Obwohl diese Wunder täglich geschehen und ich sie für selbstverständlich halten könnte, bin ich jedesmal von Freude und Dankbarkeit erfüllt.

Dankbarkeit ist ein wichtiger Schlüssel für die Öffnung der neuen Türen und der neuen Lebensqualität, Dank-barkeit und meine Ge- dank- en. Gelingt es mir, Ängste und Zweifel aufzulösen, dann kann ich etwas überwinden, was als normal angesehen wird, weil wir ja Menschen sind, die sich bestimmten Zwängen unterwerfen müssen. Es gibt schon einige Lebensentwürfe, in denen die Betroffenen sich von diesen Zwängen befreit haben. Vor ein paar Jahren wurde eine junge Frau in verschiedenen Fernsehsendungen präsentiert, weil sie auf die herkömmliche Nahrung verzichtet und nur noch von Licht lebt. Wie oft haben mir Menschen dazu gesagt, dass diese Frau eine Spinnerin sei, dass sie heimlich ässe und was ihnen sonst noch dazu einfiel. Sie wollten nicht glauben, was nicht sein kann.

Ich glaube, dass wir in einer neuen Zeit leben, in der Dinge geschehen, die wir früher nicht für möglich gehalten hätten. Sowie vor 100 Jahren sich kaum jemand vorstellen konnte, dass ein Mensch auf dem Mond landen würde, so werden die Prozesse im geistigen Bereich beschleunigt. Ich nenne das das geistige Wachstum. Geistiges Wachstum können wir dann erzielen, wenn wir uns die Zeit dafür nehmen. Es bedeutet, über Erfahrungen zu Erkenntnissen zu kommen, die neue Verhaltensweisen ermöglichen. Ein wichtiger Prozess besteht im Weg nach Innen, im Meditieren oder Beten, im Sich Besinnen und Sich Ruhe Gönnen. Dabei kann es geschehen, dass sich uns eine ganz neue Welt präsentiert, eine Welt mit Tiefgang und gleichzeitig Einfachheit. Dinge geschehen, die wie Wunder erscheinen, Wünsche und Gedanken erfüllen sich, ohne dass ich handeln muss. Durch das Nach Innen Schauen erreichen wir eine anderen Ebene. Das Leben gewinnt an Qualität und hört auf, ein ewiger Kampf zu sein.

Ich sitze auf dem Bahnhof in Essen und möchte etwas essen, weil mein Magen laut knurrt. Da meine Tasche nichts, aber auch gar nichts Essbares enthält, fange ich an, mir in Gedanken Leckeres vorzustellen. Pizza wäre das Richtige, mit Champignons und Käse oder Artischocken und anderem Gemüse. Hmmm- das Wasser läuft mir im Mund zusammen. Käme doch schon der Zug, damit ich mir in Dortmund wenigstens ne Stulle schmieren könnte.Der kommt aber erst in 20 Minuten. O.k. da kann ich nichts machen. Jetzt beginne ich mich ein wenig umzusehen. Rechts neben mir auf der Bank entdecke ich eine Tüte. Was da wohl drin ist? Ob die jemand vergessen hat? Ich greife danach und merke, dass sie etwas Warmes enthält. Tja, es sind drei kleine Pizzen mit Champignons und Käse und anderem Gemüse. Vor Freude lache ich auf, bedanke mich, nehme mir eine Pizza heraus und lege die Tüte wieder an ihren Platz für den nächsten Hungrigen.

Was ist geschehen? Hat das mit Zauberei zu tun oder mit Mystik? Sicherlich hat jemand die Tüte liegen lassen, weil er oder sie schnell in den Zug springen musste. Wir alle haben schon mal Dinge irgendwo vergessen. Für diese Situation gäbe es auf jeden Fall mehrere Erklärungen. Und dennoch hat sie auch etwas mit mir und meinen Gedanken zu tun.

Vor einiger Zeit las ich, dass unser Gehirn nur zu 10 % entwickelt sei und 90 % brachliegen. Grosse Genies wie Albert Einstein kämen vielleicht auf 15 %. Ich stelle mir vor, was alles möglich sein könnte, wenn wir unser Gehirn weiterentwickeln würden. Stattdessen haben wir unseren Schwerpunkt auf die Beschaffung von materiellem Eigentum gelegt. Wir ackern und rackern von morgens bis abends, um an die wertvollen Dinge zu kommen. Um uns in Schwung zu halten, bestimmen wir selber, dass unser Eigentum sich vergrössern und ständig erneuert werden muss. So gibt es genügend zu tun und kaum noch Zeit, um über das Wieso und Warum nachzudenken. Manchmal fragen wir uns, ob das alles Sinn macht. Aber dann beruhigen wir uns wieder, weil alle es so machen. Dann muss es doch in Ordnung sein. Diejenigen, die nicht mitmachen, aus welchen Gründen auch immer, sind die Verlierer. Sie gelten nichts, weil sie nichts haben. Die meisten dieser Habenichts fühlen sich im Defizit und hätten gern mehr. Also können wir doch froh sein, nicht zu ihnen zu zählen und wenigstens eine Arbeitsstelle zu haben, auch wenn sie uns nicht gefällt. Und so bleibt alles beim Alten.

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Wie oft höre ich die Frage:“ Warum lebst du ohne Geld? Geld ist doch nicht Schuld am Zustand in der Welt. Wir brauchen es nicht zu verteufeln, im Gegenteil, es vereinfacht die Dinge. Ohne die geniale Erfindung des Geldes hätten wir uns nicht so schnell weiterentwickelt. Das Geld trägt zu einer Motivation für unser Handeln bei. Die Menschen brauchen den Ansporn. Deine Lebensweise würde uns in unserer Entwicklung zurückwerfen und hat darum keine Zukunft für die Masse.“

Bei einem meiner Vorträge sprang genau an dieser Stelle eine junge Frau auf und sagte: „Ich komme aus der ehemaligen DDR. Wir haben uns damals auf die Mauer eingestellt. Niemals hätte jemand auch nur im Traum daran gedacht, dass diese Mauer so einfach verschwinden würde. Sie sollte uns ja schützen vor unserm Feind, der über Nacht unser Retter wurde. Genauso wird es mit dem Geld gehen. Es schafft sich von allein ab, weil es seine Funktion nicht mehr erfüllt sondern inzwischen die Menschen zugrunde richtet.“ Obwohl ich durchaus der gleichen Meinung bin, glaube ich nicht, dass eine Abschaffung des Geldes von heute auf morgen uns wohltun würde. Auch der Mauerfall hat seine Mängel. Er geschah zu schnell. Die Menschen konnten sich nicht bewusstseinsmässig darauf einstellen. Sie schlidderten in eine Freiheit, die rein äusserlich war. Inzwischen präsentieren sich neue Abhängigkeiten, die so manchen Bürger den alten Zustand zurücksehnen lässt. Eine Lösung der Probleme geht nur über Bewusstseinserweiterung und die Arbeit eines jeden an sich selbst.

Das ist mein Kerngedanke für eine neue Zeit. Mitläufertum, Fremdbestimmung, Selbstverleugnung sind vorbei. Stattdessen gehts um Selbstbestimmung, Eigenverantwortung, Selbstbewusstsein. Sicherlich hat unsere Entwicklung- besonders im technischen Bereich – viel mit dem Geld zu tun. Meine Kritiker haben Recht in diesem Punkt. Aber ich glaube, dass der Umgang mit dem Geld ein Übergang ist. Und dass wir jetzt in eine neue Zeit hineinwachsen können, wenn wir uns dafür öffnen.

Dazu fällt mir der Bestseller „Die Möwe Jonathan“ von Richard Bach ein. Es ist inzwischen zu einem Kultbuch geworden, weil die LeserInnen sich mit der Möwe Jonathan identifizieren. Sie kann eines Tages nicht mehr viel Sinn darin sehen, nur hinter den Brotkrumen und Fischen für die Ernährung her zu sein und beginnt darum, die Kunst des Fliegens zu entwickeln. Dabei kommt Jonathan an seine Grenzen, seine Gefühle, seine Begeisterung. Täglich lernt er Neues und möchte von dem neuen Lebensgefühl und der Freude über seine Erfolge abgeben. Die anderen Vögel wollen davon aber nichts wissen.Jonathans Höhenflüge erschrecken und beunruhigen sie, und sie verurteilen ihn zur Emigration. Sie wollen ihn nicht bei sich haben, damit sie ihren gewohnten Lebensstil beibehalten können, ohne etwas zu hinterfragen.

Ich möchte niemanden verurteilen, möchte mich nicht über andere erheben, auch nicht missionieren. Manchmal überfällt mich jedoch eine Traurigkeit und Einsamkeit, weil ich nicht weiss, wo der Ansatz für eine Veränderung in der Welt sein kann. Klar ist mir, dass es nicht wie früher geht, dass eine Idee von allen übernommen werden muss. Oft werde ich gefragt, wieviele meinem Beispiel denn schon gefolgt sind. Meistens wird es nicht verstanden,wenn ich erkläre, dass es darum nicht geht. Ich möchte keine Kopien von mir, nicht den einen Massenweg mit einem neuen austauschen. Vielmehr geht es darum, dass jede den eigenen Weg findet, um in die Kraft zu kommen. Aus dem funktionierenden Menschen soll ein aktiver, lebendiger, freudvoller, solidarischer, verantwortungsbewusster Mensch werden, der den Sinn seines Lebens im geistigen Wachstum sehen kann.

Tja, und wie soll das gehen, wenn wir doch eingebunden sind in die täglichen Aufgaben? Wir können nicht einfach unser Hab und Gut verschenken und als Nomaden durch die Welt ziehen, zumal die meisten eine Familie haben. Nein, darum geht es auch nicht! Der erste Schritt für eine Veränderung besteht darin, im Kopf zu erkennen, dass das heutige System so nicht weitergehen darf. Was zu Beginn ein Ansporn war und durchaus positive Kräfte mobilisierte, hat heute ausgewirtschaftet. Der Kapitalismus mit seiner Profitgier, dem Wachstumswahnsinn, der Ausbeutung, dem Egoismus und dem Machtgehabe darf nicht weiter idealisiert werden. Er hat die Menschen nicht glücklich oder zufrieden gemacht sondern sie in Abhängigkeiten gebracht, die an Sklaverei und Zerstörung grenzen.

Gut, der erste Schritt ist getan. Wir haben etwas erkannt, und nun? Nun geht es darum, herauszufinden, was wir wirklich brauchen. Statt von vornherein das Immer Mehr, Immer Schneller, Immer Besser anzustreben, geht es um die Frage: Was ist wirklich wichtig? Auszurechnen, wieviel Fixkosten auf uns zukommen und wo es Möglichkeiten der Einsparung gibt. Vielleicht ist das Auto längst überflüssig oder der Zeitpunkt gekommen, wo wir die Idee endlich umsetzen, mit der Nachbarin das Auto oder andere Maschinen zu teilen, Kontakt aufzunehmen mit Tauschringen, Umsonstläden und anderen alternativen Gruppierungen. Es gibt schon viele Menschen, die an einem alternativen Leben arbeiten und einiges auf die Beine gestellt haben. Unsere Gedanken dort hinzurichten, bringt auch Farbe in den Alltag. Denn bei allen Unternehmungen spielen die Menschen die Hauptrolle, und darum geht es schliesslich auch: interessante Menschen kennenzulernen.

Bei einem meiner Vorträge kam ich an diesen Punkt. Ich schwärmte über die vielen Kontakte und Freundschaften mit anderen und erboste damit einen Mann, der den Raum verliess mit der Bemerkung: Die hat ja Vitamin B. Dieser Mann führte ein isoliertes Leben und konnte sich nicht vorstellen, wie es anders möglich sein könne. Es geht jedoch darum, die Fähigkeit zu entwickeln, mit anderen zu kooperieren, die Isolation zu überwinden, auf andere zuzugehen und Konflikte auszuhalten und zu bearbeiten. Die Zeit der Individuation war wichtig. Es konnte uns nichts Besseres passieren, als zu Beginn des letzten Jahrhunderts die Herren Freud, Jung, Adler, und wie sie alle hiessen, zu Wort kommen zu lassen und ihnen Gehör zu schenken. So bekamen wir Zugang zu unserer Psyche, entdeckten, dass wir Individuen sind, die mit bestimmten Fähigkeiten ausgestattet und angefüllt sind. Wir lernten uns schätzen und wollten uns nicht mehr von anderen bestimmen lassen. Unser Ego trat an die erste Stelle, die Sippen lösten sich auf. Kleinfamilien und Singledasein spielen nach wie vor eine wichtige Rolle. Die Schattenseite dieser Entwicklung besteht in der Unfähigkeit, unser Herz zu öffnen. Wir halten fest an der eroberten Unabhängigkeit, die uns längst wieder in neue Abhängigkeiten gebracht hat. Als Individuum stehen wir allein da, haben die Geborgenheit der Gruppe verloren, und Kampf bestimmt den Alltag. Kampf um Rechte, um Vorteile, um Ansehen und viele Dinge, die uns wichtig scheinen. Diese Kämpfe rauben uns Energien und es bleibt nichts für eine Umpolung.

Wie oft höre ich Menschen sagen: Was soll ich denn tun? In meinem Leben gibt es überhaupt keine Möglichkeit, auszubrechen. Alles ist so festgefahren. Ich wüsste z.B. nicht, wo ich anfangen könnte mit dem Sparen, von dem du sprichst. Auch die Menschen, die in meiner Umgebung wohnen, interessieren mich nicht. Darum hätte ich keine Lust, irgendetwas mit ihnen zu teilen. Trotzdem fühle ich mich einsam und hätte gern Freunde. Aber ich habe keine Ahnung, wie ich eine Änderung erzielen kann.

Da wären wir beim nächsten Schritt, der mit der Veränderung unserer Sichtweise zu tun hat und mit der Danklbarkeit. Um die Schwere und Aussichtslosigkeit unserer Situation zu überwinden, müssen wir in eine neue Leichtigkeit kommen. Statt zu sagen: „Womit habe ich das verdient“ oder „warum ausgerechnet ich?“ oder „Der oder die hat Schuld an meinem Leid“ legen wir nun den Focus auf die vielen Geschenke, mit denen wir verwöhnt werden. Der Tag könnte so beginnen: Danke, dass ich einen neuen Tag erleben darf, dass die Sonne scheint, dass ich keine Schmerzen habe. Danke, dass es den Luxus einer Dusche gibt, dass ich genug zu essen habe, dass ein Kind an meinmer Seite ist. Danke, dass ich laufen, sprechen, sehen, hören kann. Danke, danke!

Vor Jahren habe ich mir ein kleines Lied ausgedacht mit einer eigenen Melodie, das ich ständig in meinem Kopf bewegte und sang: Dankbarkeit füllt mich aus; Dankbarkeit füllt mich aus. Wenn ich allein in der Natur war, sang ich es auch laut. Beim Singen geschah etwas: Alle Sorgen lösten sich auf – zumindest für den Augenblick des Gesangs. Eine Leichtigkeit stellte sich ein, die jedesmal länger anhielt. Der Druck der Schwere, den ich oft in der Magengegend verspürt hatte, löste sich allmählich auf. Natürlich gibt es auch heute immer mal wieder Situationen, bei denen ich in eine Schwere falle. Im Gegensatz zu früher weiss ich, dass diese Knoten auch Geschenke für mich sind, aus denen ich lernen kann. Weil ich heute nicht mehr lange im Lamentieren steckenbleibe, löst sich alles schneller auf. Und dafür bin ich dankbar.

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Zur Zeit beobachte ich, dass viele Menschen nach gemeinschaftlichem Wohnen streben. Jahrelang planen und suchen sie nach geeigneten Objekten. Haben sie endlich gefunden, was finanziell erschwinglich, in guter Lage und überhaupt ideal zu sein scheint, wechseln sie beglückt in ihr neues Domizil. Ein paar Monate oder sogar Jahre läuft alles gut. Dann jedoch lassen die gemeinsamen Aktionen nach, und die ersten ziehen aus. Ähnlich geschieht es in den Ehen, in denen sich die Brautleute ewige Treue versprochen hatten. So viele Ehescheidungen wie heute gab es noch nie. Was geschieht da? Gibt es Lösungen?

Die meisten Konflikte entstehen, weil wir so leicht verletzbar sind. Ein falsches Wort kann uns aus der Bahn werfen, ein schiefer Blick uns in Rage bringen und nach Rache sinnen lassen. Der Feldzug ist eröffnet und führt uns in eine Richtung, die alles zerstören kann. Das kennen wir zur Genüge. Darum müssen wir in unsere Kraft kommen, jede Einzelne von uns. Die begonnene Individuation ist im Äusseren steckengeblieben, hat die Tiefe nicht erreicht und darum viele Nachteile erzielt. Jetzt können wir das Versäumte nachholen, uns in Dankbarkeit nach Innen richten und dort die Geheimnisse des Lebens entdecken.

Unsere Gedanken spielen dabei eine wichtige Rolle. Beim Meditieren geht es darum, sie zur Ruhe zu bringen, uns leer zu machen, damit etwas Neues einkehren kann. Die alten Glaubenssätze aufzulösen, die uns suggerieren, dass wir nicht genügen und ersetzen durch unser Wissen um unsere wunderbare Einmaligkeit. Da jeder von uns nur ein Rädchen im Getriebe ist, nicht mehr und nicht weniger, tragen wir alle bei zum Gelingen des Ganzen. Jeder von uns ist darum etwas Besonderes. Unsere individuellen Glaubenssätze, die meistens sehr negativ sind, stören die Harmonie und das Gleichgewicht und müssen darum aufgelöst werden.

Das kapitalistische System ist da ganz anderer Meinung. Denn hier zählt nur, wer etwas leistet. Menschen zwischen 25 und 40 Jahren sind am wertvollsten, weil sie auf der Höhe ihrer Leistungsfähigkeit stehen. Wenn sie dann noch studiert und sich sogar einen Titel erworben haben, können sie nicht überboten werden. Es sei denn, wir schauen in die Branche der Medien, wo Schönheits- und Körperwahn herrscht, der mit viel Geld ausgezeichnet wird. Allerdings ist die Schnelllebigkeit hier am deutlichsten zu spüren, denn wieviele Hochgepriesene werden bald wieder fallengelassen und in die Anonymität verabschiedet.

Auf einer meiner Reisen wohnte ich für drei Tage in einer Familie, in der es neben den Eltern vier Töchter gab. Drei von ihnen lernte ich kennen, weil sie noch zu Hause wohnten. Darunter war eine mit einem down syndrom. Sie begrüsste mich mit den Worten: „Ich mag dich“ und umarmte mich. Dann kehrte sie in ihr Zimmer zurück und beschäftigte sich mit ihren eigenen Angelegenheiten. Im Laufe meines Besuchs erfuhr ich, dass durch die Geburt dieses Kindes sehr viel geschehen war. Da die Eltern nicht wollten, dass ihre Tochter isoliert von den „normalen“ Kindern aufwuchs, gründeten sie zunächst mit 10 anderen Familien ein Dorf, in dem viele Kinder zusammenspielten und sich alle austauschten. Angestachelt von dem erfolgreichen Unternehmen initiierten die Eltern dann noch eine freie Schule, die das behinderte Kind gemeinsam mit den Schwestern besuchte. Jetzt stand das Mädchen gerade vor der Entscheidung, wie es weitergehen sollte. Trotz der Behinderung verfügte sie über eine grosse Portion Selbstbewusstsein und verbreitete mit ihrem freundlichen Wesen und ihrer Direktheit viel Freude. Sie hatte Mitspracherecht in Familienangelegenheiten und wurde von der Familie und den Nachbarn sehr geliebt. Noch ist es gar nicht solange her, dass Behinderte bei uns keine Lebensberechtigung hatten. Schwangere Frauen dürfen heute noch abtreiben, wenn sich bei der Untersuchung herausstellt, dass das Kind behindert ist. Es ist unsere kollektive Einstellung, die bestimmt, was wertvoll oder minderwertig ist. Auch davon werden wir geprägt und unsere Glaubenssätze beeinflusst.

Dagegen anzugehen, ist gar nicht so einfach und erfordert viel Stärke. Es ist wichtig, dass wir anfangen, die Dinge zu überprüfen, unsere Meinung zu entwickeln und sie zu vertreten. Es handelt sich sozusagen um einen Reinigungsprozess, um eine Umstrukturierung unserer Gedankenwelt. Vor einiger Zeit erhielt ich eine Flasche mit Wasser, das von allen Schadstoffen befreit ist. Ein paar Tropfen aus dieser einen Flasche säubern alles andere verschmutzte Wasser, das dazukommt.Und so kann alles durch die Vermischung wieder lebendig werden. Genauso stelle ich mir das mit den Menschen vor. Jeder beginnt bei sich mit der Heilung und kann dann viel weitergeben. Die Aufräumarbeiten in uns lassen sich nicht von heute auf morgen erledigen. Dieser Prozess dauert unser ganzes Leben lang. Schritt für Schritt geht es voran, und manchmal sind die Schritte so klein, dass wir unseren Fortschritt bezweifeln und am liebsten alles aufgeben. Aber das Durchhalten lohnt sich, denn es führt uns in ein sinnvolles Sein. Plötzlich bemerken wir, dass der Nachbar, den wir nicht leiden konnten über all die Jahre, auch Liebenswertes hat. Wir spüren, dass die Konkurrenz zwischen uns und anderen sich aufgelöst hat. Dann stellen wir fest, dass das Körpergefühl ein anderes geworden ist. Die Schwere hat einer Leichtigkeit Platz gemacht. Wir atmen tiefer durch und fühlen uns häufig beschwingt. Nun müssen wir nicht mehr so viel konsumieren, sind nicht mehr so abhängig von der Meinung anderer, und alles wird leichter. Und dann sind da die Zeichen. Sagen wir am Anfang noch ganz erstaunt: „Was für ein Zufall“ merken wir bald, dass es sich nicht um Zufälle handelt sondern um Führung. Die Zeichen, die für jeden da sind, gilt es, zu entdecken und wertzuschätzen. Denn durch sie wachsen wir in eine neue Dimension. Wir fühlen uns beschützt und geborgen, eingebettet in das grosse Ganze und können unsere Sorgen ablegen.

Eine Freundin besucht mich in dem Haus, das ich hüte. Da es etwas einsam gelegen und schlecht zu erreichen ist mit öffentlichen Verkehrsmitteln, leistet sie sich für die Hinfahrt ein Taxi. Die Rückfahrt muss jedoch anders gestaltet werden. Es gibt eine Bushaltestelle, zu der ich sie begleite. Eine Passantin teilt uns mit, dass der Bus wahrscheinlich heute nicht fährt. Wir überlegen noch, was sie stattdessen machen könnte, als sich die Tür des gegenüberliegenden Hauses öffnet, ein junger Mann herauskommt mit gezücktem Autoschlüssel und in sein geparktes Auto steigen will. „Entschuldigung“, spreche ich ihn an,“fahren Sie vielleicht in die Stadt?“ „Ich kann Sie gern mitnehmen,“ bietet er sofort an. Die Freundin sagt:“Was für ein Zufall,“ und steigt ein. Können wir solche Situationen als freudige Überraschungen und Geschenke empfinden, hellt sich unser Alltag auf und wird abenteuerlich. Oft sind es Kleinigkeiten , nicht der Rede wert, eben Zufälle, aber gerade auf sie kommt es an. Sie bringen uns in den Augenblick, unterbrechen unsere Grübeleien und schenken uns das Gefühl der Geborgenheit.

In vielen Gesprächen mit ganz unterschiedlichen Menschen geht es um die Frage: Wer bestimmt eigentlich unser Leben? Sind wir es selber mit unserer Gedankenkraft oder gibt es auch noch Kräfte von aussen, die alles regeln? Haben die Kirchen Recht, wenn sie behaupten, dass nur mit Gott etwas laufen kann? Dass wir ohne Gott aufgeschmissen sind und schon sehen werden, was wir davon haben? Vor ein paar Tagen wurden einige Passanten auf der Strasse vom Fernsehen interviewt zu der Frage: Haben Sie heute schon gebetet? Fast alle bejahten, verneinten jedoch die zweite Frage: Gehen Sie regelmässig in die Kirche? In einer Zeit, in der Hektik und Betriebsamkeit an erster Stelle stehen, ist für Einkehr und Ruhe nicht viel Platz. Die Sehnsucht nach Geborgenheit und Liebe hat die Menschen aber nie verlassen. Das konnten auch der Rationalismus und die Aufklärung nicht verhindern. Der Esoterikboom in den 80ern hat damit zu tun. Und die neue Friedensbewegung, die Millionen von Menschen zu Beginn dieses Jahrtausends auf die Strassen und in die Kirchen trieb, zeigt, dass schon viele in den Startlöchern stehen und nur darauf warten, sinnvoller zu leben. Instinktiv spüren wir, dass es noch mehr geben muss als das, was zur Zeit idealisiert wird. Aber die Lehre der Kirche leuchtet uns nicht mehr ein. Der patriachalische Gottvater auf dem Thron hat an Überzeugungskraft verloren. Zu viel Leid hat er in der Welt zugelassen zum Unverständnis der Gläubigen. In seinem Namen geschahen Kriege, Zerstörung, Verfolgung, Unrecht. Der Begriff Gott wurde über Jahrtausende missbraucht und oft für eigene Zwecke ausgenutzt.

Heute stehen wir an einem Wendepunkt. Auch hier gilt es, die Abtrennungen aufzuheben und in eine Einheit zu tauchen. Religionskriege gibt es, weil die sich gegenüberstehenden Gegner glauben, ihr Gott sei der beste. Missioniert wird aus ideellen oder ökonomischen Gründen oder aber aus Machtgelüsten. Konkurrenz und Machtkämpfe haben in Glaubensfragen nichts zu suchen. Würden wir uns gegenseitig zugestehen, dass wir durchaus in der Lage sind, unseren eigenen Weg zu finden und zu beschreiten, müsste sich niemand über den anderen stellen, um zu bestimmen, wo es langzugehen hat. Religionsgemeinschaften waren durchaus berechtigt und brachten die Menschen in ihrer Entwicklung weiter – genau wie das Geld. Aber auch sie sind meiner Meinung nach ein Übergang. Natürlich darf es weiterhin Lehrer oder Priester geben, die eine Botschaft vermitteln, allerdings nur unter der Prämisse des Angebots nicht des Zwangs. Wir müssen endlich lernen, tolerant zu sein. Das könnte uns gelingen, wenn wir im anderen den Kern entdecken, der uns alle miteinander verbindet. Unsere gegenseitige Akzeptanz brächte uns zu einer Kooperation. Zusammen würden wir beginnen, eine harmonische Weltordnung herzustellen.

Ich bin mal wieder in einer Schule zu Gast. Auf dem Stundenplan steht Ethik. Die Schüler wählten dieses Fach als Ersatz für Religion. Die meisten von ihnen glauben an keinen Gott. Meine Beweggründe für ein Leben ohne Geld können sie kaum verstehen. Ich spreche von meiner Vision einer neuen Welt. Meine Begleiterin, eine erklärte Atheistin, ergänzt meine Vision mit ihren Worten. Überrascht lausche ich, hatte ich doch bislang geglaubt, dass nur spirituelle Menschen mich verstehenökönnten. Da jedoch sitzt eine, die genau dasselbe vertritt wie ich und kein bischen spirituell zu sein scheint. Dankbar bin ich für diese Erfahrung, denn sie bringt mich zu der Erkenntnis, dass ich noch mehr Urteile loslassen und toleranter werden kann. Es ist egal, ob wir Christen, Buddhisten, Mohamedaner oder anders Gläubige sind, ob wir den Begriff Gott verwenden oder Energie, Universum oder Kosmos dazu sagen, ob wir mit den Engeln kooperieren oder in der Natur unser Glück finden. Ja, sogar Atheisten, Agnostiker und wie sie alle heissen, die Gottlosen, können zu einer schöneren Welt beitragen, und darum geht es letztendlich. Die Trennung zwischen Himmel und Erde – im Himmel ist die Freude, auf der Erde das Leid angesiedelt- hat die Menschheit in grosse Abhängigkeit und Ohnmacht gebracht. Jetzt geht es darum, den Himmel auf die Erde zu holen. Dazu müssen wir Ängste auflösen, die meist unbegründet sind. Die Angst ist unser grösster Feind, sie gilt es zu überwinden und sie durch Liebe zu ersetzen.

Folgende Geschichte wurde mir vor einiger Zeit erzählt:
Eine gestorbene Seele wird im Jenseits herumgeführt, um sich alles anzuschauen und zu entscheiden, wo sie sich in Zukunft aufhalten möchte. Sie betritt mit ihrem Begleiter einen Raum, in dem viele Wesen um einen Tisch herum sitzen. Jedes ist mit zwei langen Gabel versehen, die an den Armen festgebunden sind . Die Wesen bemühen sich eifrigst, die Speisen, die auf dem Tisch stehen, in den Mund zu bugsieren. Es geht eine grosse Verzweiflung von ihnen aus, denn niemandem gelingt es, auch nur ein aufgespiesstes Stück in den Mund zu bringen. Stöhnen und Jammern erfüllt den Raum, weil der Hunger nicht gestillt werden kann. „Das ist die Hölle,“ sagt der Begleiter. „Jetzt gehen wir in den Himmel.“ Auch hier steht ein Tisch in der Mitte des Raums, und auch die langen Gabeln sind da. Aber etwas ist ganz anders, nämlich das Verhalten der Wesen um den Tisch herum. Sie lachen und scherzen und – füttern sich gegenseitig. Jedes gibt und nimmt gleichzeitig. Das aufgespiesste Essen wandert in den Mund des Nachbarn, und von einer anderen Seite wird Leckeres gereicht. Mir gefällt diese Geschichte sehr, zeigt sie doch, dass allein durch unser Verhalten die Welt sich komplett veändert. Solange jeder für sich rackert, sich bemüht, sein Schäfchen ins Trockene zu bringen, wird das Leben mühselig und freudlos sein. Im Miteinander sieht es ganz anders aus. Wir können uns gegenseitig die Sorgen abnehmen, können den anderen mit unserer Präsenz bereichern und erfreuen. Je mehr wir uns verschenken, desto mehr erhalten wir. So sind die Gesetze im Kosmos.

Oft werde ich gefragt, ob es nicht demütigend für mich sei, immer von der Hilfe anderer abhängig zu sein. Schliesslich würden andere für mich die Brötchen kaufen, und ich sei doch so etwas wie eine Almosenempfängerin. „Sicher haben Sie viele Freunde, die Ihnen helfen,“ heisst es dann. Aus der Sicht der Geldlogik haben sie Recht. Das Geld schafft Unabhängigkeit, und ohne Geld bin ich zunächst mal ein „armer“ Mensch, der von anderen versorgt werden muss. Auch wenn das Tauschen an erster Stelle steht, scheine ich aber doch die Unterlegene zu sein, denn ich brauche die Gaben der anderen, während diese meine Gegengaben als Zusatz bekommen. Wäre es nicht einfacher, die Grundbedürfnisse sich selber zu erfüllen und aus dieser Sicherheit heraus zu tauschen und zu teilen? Das ist eine der häufigsten Fragen an mich.

Es ist der Prozess des Loslassens der eigenen Welt, der Aufösung der eigenen Grenzen, um mit dem Ganzen zu verschmelzen, was ich in den letzten Jahren gelernt habe. Die Wesen in der Geschichte mit den langen Gabeln mussten sich auch aus ihrer eigenen Welt lösen, um zu entdecken, dass die gegenseitige Abhängigkeit zum Wohle aller war. Sich mit dem Herzen begegnen, will gelernt sein. Hochmut, Dünkel, Misstrauen, Zweifel u.a. müssen wir auflösen, um frei und liebevoll zu werden. Dann können wir die Ängste aufgeben, die uns zur Zeit belasten. Im Miteinander stark zu werden und gemeinsam unsere Werte zu schätzen und selbstbewusst zu sein, wird eine wichtige Aufgabe in der neuen Welt.

ei der Einrichtung meines einfachen Lebensstils werde ich unterstützt von den Engeln, die mit Eifer sich Dinge ausdenken, um auf sich aufmerksam zu machen. Sei es, dass sie minutenlang Uhren anhalten, um sie dann normal weitergehen zu lassen, dass sie Radios an und ausstellen, dass sie mir Dinge hinlegen oder bringen lassen, dass sie mir Texte zuspielen, die ich gerade brauche und vieles mehr. Es ist eine grosse Freude für mich, die Zeichen aus einer anderen Welt wahrzunehmen und mich mit ihnen einzurichten. Dadurch wächst mein Vertrauen, das ich auch mit Gottvertrauen bezeichne, denn Gott spielt in meinem Leben auch eine wichtige Rolle. Wenn mir eine Freundin sagt, dass es die Buddhas sind, die sie unterstützen oder die eigene Gedankenkraft oder die Naturgeister ist mir alles Recht. Letztendlich geht es darum, dass wir das irdische Leid verlassen, um in himmlische Glückseligkeit zu wachsen.

Und wie soll das gehen? Himmlische Glückseligkeit können doch höchstens ein paar Heilige erreichen, die sich mit nichts anderem beschäftigen als mit der geistigen Welt. Für uns Menschen, die wir in einer Realität leben, die eher düster aussieht, kommt das wohl nicht in Frage, wenn wir uns nicht den Engeln verschreiben wollen, oder?
Glückseligkeit hat mit Leichtigkeit zu tun. Kann es uns gelingen, im Alltag die erdrückende Schwere loszuwerden?

Ich fahre mit dem Zug in eine andere Stadt. Ein älteres Ehepaar steht hibbelig am Ausgang und wartet darauf, dass der Zug endlich zum Stehen kommt. Aber das Signal springt einfach nicht auf grün, und so verstreichen die Minuten. „Wir schaffen den anderen Zug nicht mehr. Jetzt müssen wir eine Stunde warten. So ein Ärger,“ jammert die Frau. „Oh,“ sage ich, „darf ich mich mal einmischen? Ich habe für solche Fälle eine Lösung gefunden. Nämlich mir den nächsten Zug herauszusuchen, der zu meinem Ziel fährt. Ist es zufällig ein Zug, für den normalerweise Zuschlag gilt, steige ich trotzdem ein.“ „Das darf man doch nicht. Da müssen Sie Strafe zahlen,“ sagt der Mann. „Muss ich nicht,“ antworte ich. „Wie oft sind im letzten Jahr Züge einfach ausgefallen, ohne dass die Bahn Ersatz dafür geschaffen hat. Wie oft habe ich gedacht warum beschwert sich niemand? Und nun habe ich für mich diese Lösung gefunden, für die ich auch kämpfe. Bislang musste ich keine Strafe zahlen.“ „Nein, das bringt doch nichts, das ist viel zu aufregend. Das lassen wir lieber.“ Bevor sie aussteigen, weil der Zug nun endlich hält, sagt die Frau noch: „Was nützt es, wenn wir so handeln? Die andern machen doch sowieso nicht mit.“ „Es geht darum, dass irgendwer irgendwo mal anfängt, Eigenverantwortung zu übernehmen. Schliesslich sind wir keine Marionetten, die sich alles gefallen lassen müssen,“ rufe ich noch hinterher und setze mich zufrieden auf meinen Platz. Vielleicht ist dieses Beispiel nicht so gut, weil das Recht nicht ganz auf meiner Seite ist. Dennoch handelt es sich für mich um „zivilen Ungehorsam“. Ich möchte mich nicht abfinden mit etwas, was leicht zu verändern ist. Und wenn die andere Seite nicht darauf kommt, bringe ich sie dazu mit meiner Handlung. Bei solchen Situationen schlägt mein Herz schneller, denn natürlich bin ich aufgeregt, wenn der Schaffner kommt und ich nicht weiss, wie er reagieren wird. Bei den Demonstrationen in den 80er Jahren ging es mir ähnlich, denn damals bin ich auch schon mal von Polizisten gejagt worden. Die Kraft, dennoch wieder teilzunehmen am nächsten Protestmarsch erhielt ich durch die Überzeugung, dass es richtig war, sich gegen Dinge zu stellen, die der Menschheit schaden. Mit meinem Bewusstsein hinterfrage ich Gegebenheiten, die von Menschen erfunden wurden, um sie notfalls zu korrigieren. Ich fühle mich nicht ausgeliefert sondern bin verantwortliche Akteurin. Dadurch bringe ich meine Energien in Fluss und wachse in eine körperliche und geistige Leichtigkeit.

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Es sind die kleinen Schritte, die uns weiterbringen, kleine Schritte in Richtung Vision. Die allerdings ist überaus wichtig. Ohne Vision geht nichts. Auch wenn sie idealistisch und unerreichbar scheint, sollte sie stehenbleiben und nicht ständig verändert werden. Auf dem Weg zur Vision dürfen wir uns einzelne Ziele setzen, die in verschiedene Richtungen gehen können. Ziel kann z.B sein, in unterschiedlichen Lebensbereichen etwas zu verändern. Sei es dass wir an unserem ganz speziellen Lebensmuster arbeiten oder uns mit anderen auseinandersetzen, dass wir im Grösseren auf der politischen Ebene etwas erkämpfen oder oder. Es gibt so viele Möglichkeiten und Herangehensweisen, um kreativ und aktiv mitzuwirken am grossen Ganzen. Mahatma Gandhi sagt in einem Gedicht, das grösste Hindernis für den Fortschritt sei, dass die Menschen skeptisch gegenüber der Erreichung ihres Ziels sind und darum erst gar nicht mit der Verwirklichung anfangen. Das hat mit der Angst vor Versagen, vor Schmerzen oder vor Fehlern zu tun. In unserer Gesellschaft sind Fehler nicht erwünscht. Schnell wird die Schublade Verlierer aufgezogen, und da möchte niemand hinein. Also hält er fest an dem Bekannten, wagt kein Risiko und verkümmert lieber im grauen Alltag. Das senkt die Lebensqualität und schränkt die Menschen ein. Wieviel angenehmer ist ein Leben, in dem ausprobiert werden darf, in dem geprüft wird, ob etwas so stimmt oder nicht, um notfalls einen anderen Weg einzuschlagen, immer die grosse Vision im Herzen.

Meine Vision hat mit einer neuen Welt zu tun. Es ist eine Welt, in der es keine Kriege gibt, in der die Menschen wohlwollend, sich gegenseitig unterstützend miteinander umgehen. Das Wort Konkurrenz wird durch Mit- und Füreinander ersetzt, Hass und Angst durch Liebe, Geiz durch Teilen, Gier durch Zufriedenheit und und und. Wenn ich von dieser Vision spreche, werde ich oft gebremst oder erheische ein skeptisches Lächeln, weil die Welt zur Zeit so ganz anders aussieht. Doch schon unsere Gedanken in eine Vision zu geben, bewirkt etwas. Durch unsere positive Haltung reinigen wir die Energien um uns herum. Wenn das jede tut, kann die Welt in einem neuen Licht erstrahlen. Mir ist natürlich bewusst, dass es eine Menge Störungen in uns gibt. Wären wir so rein und klar wie das Licht, hätten wir nicht auf die Erde kommen müssen, denn ich glaube, wir sind hier, um unser Bewusstsein zu erweitern. Das geschieht durch die kleinen Schritte, mit denen wir Hindernisse und Störungen bearbeiten können. Die meisten Menschen möchten Harmonie und Eintracht im Alltag haben und neigen dazu, Dinge zu verdrängen, nicht hinzuschauen, sich etwas vorzugaukeln. Störungen als Hilfe anzunehmen, ist nicht leicht. Inzwischen erkennen aber immer mehr Menschen, dass z. B. Krankheiten uns Botschaften geben wollen oder Misserfolge eine Wegänderung verlangen. Auch Probleme, die mit anderen Menschen auftreten, haben ihren Sinn. Statt den Störenfried zu verdammen oder sich an ihm zu rächen, sollten wir uns bemühen, herauszufinden, warum wir so erbost oder verletzt sind. Sicher steckt eine Lektion für uns dahinter. Oft wird uns etwas gespiegelt, was wir an uns selber nicht leiden können und so gut verdrängt hatten. Nun kommt jemand daher und verursacht ein negatives Gefühl in uns. Dieses negative Gefühl gilt es aufzulösen. Andernfalls verfallen wir in Depressionen, Aggressionen oder andere Krankheiten.

Eine Freundin besucht ihre Mutter im Krankenhaus. Der Arzt hat der Tochter erzählt, dass die Krankheit tödlich ist. Die Mutter will davon nichts wissen und gibt sich fröhlich. „Ich kann sicher bald wieder nach Hause und werde gesund“, freut sie sich. Die Tochter ist verwirrt und bemerkt plötzlich einen leichten Ärger in sich hochsteigen. Warum muss die Mutter sogar noch am Ende ihres Lebens sich etwas vormachen? Warum ist sie nicht bereit, die Chance wahrzunehmen und sich auseinanderzusetzen, ihre Lage zu thematisieren und Erkenntnisse daraus zu erlangen? Und dann die Frage: Warum ärgere ich mich darüber? Ich kann doch froh sein, dass es ihr nicht so schlecht geht, dass sie sich selber Mut machen möchte und vielleicht sogar Erfolg damit hat. Bei weiterer Überlegung stellt sie fest, dass sie früher genau wie die Mutter alles verdrängt hatte und sich dadurch sehr viele Wachstumschancen hat entgehen lassen. Sie ärgert sich über sich selber. Als sie das klar hat, fühlt sie sich besser. Sie kann jetzt ihrer Mutter Licht und Liebe schicken und ihr das Beste wünschen, was sie nötig hat. Für sich selber beschliesst sie, noch aufmerksamer zu sein und alle Schatten und unangenehmen Gefühle in Zukunft hochkommen zu lassen, um sie zu bearbeiten.

Eine andere Freundin beschwert sich über ihre Schwester, die neidisch und missgünstig sei. „Fürchterlich, immer diese Konkurrenz“, stöhnt sie. In einem Gespräch klären wir, dass sie selber genau diese Gefühle gegenüber ihrer Schwester empfindet und sich deswegen darüber aufregt. Nach ihrer Erkenntnis kann sie anders mit der Situation umgehen, nämlich verständnisvoll und verzeihend.

Hier noch ein weiteres Beispiel:
Ich bin mal wieder zu einem Tauscheinsatz geladen. Die Mutter geht aus, und ich hüte ihren kleinen Sohn. Wir haben viel Spass, und ich freue mich, bei ihm zu sein. Nach einiger Zeit spüre ich Hunger. Leider hat die Mutter vergessen, uns etwas hinzustellen. Auch als sie wiederkommt, bietet sie nichts an, und ich verlasse hungrig diese Stätte. Schon unterwegs auf meinem Weg in die Wohnung, in der ich zur Zeit lebe, merke ich eine Traurigkeit in mir aufsteigen. Tränen rollen mir übers Gesicht. “ Warum sind die Menschen so gleichgültig gegeneinander,“ schluchzt es in mir. Eine Flut von Vorwürfen habe ich parat, auch gegen andere Bekannte und Freunde, die nur ihr eigenes Wohl im Auge haben. Bei dem Gedanken „sie sind einfach blind für andere“ horche ich auf. Gerade bin ich dabei, ein Buch über klares Sehen durchzuarbeiten und stelle immer wieder fest, wie schlecht ich sehen kann. Natürlich habe ich mir schon häufig die Frage gestellt, was ich mir denn nicht anschauen möchte in meinem Leben. Nun knüpfe ich eine Verbindung. Im Grunde bin ich es, die das Leid der anderen nicht sehen möchte. Ich habe mich eingerichtet in meinem Netzwerk und begegne anderen, die nicht dazu in der Lage sind, sich so ein Werk aufzubauen, oftmals gleichgültig oder sogar hochmütig. Dieser Gedanke sitzt. An ihm denke ich weiter und beschliesse ein paar Veränderungen in der nächsten Zeit. Damit fühle ich mich viel besser, sogar der Hunger ist vergangen. Als ich später der Mutter von meiner Pein berichte, schimpft sie mit mir: „Warum hast du denn nicht gesagt, dass du Hunger hast. Ich kann doch nicht in dich hineinsehen.“Natürlich hat sie Recht. Trotzdem bedanke ich mich bei ihr für ihr Verhalten, weil ich durch sie eine wichtige Lektion gelernt habe. Bei unserem üppigen Mahl, das sie mir nun beschert, versuche ich zu erklären, wie das mit dem Spiegeln geht.

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Weniger ist mehr – was bedeutet das? In einer Gesellschaft, in der der Produktionszuwachs, das übermässige Konsumieren, das Haben Wollen und Sollen, das immer mehr Teil des Systems ist und zur Zielsetzung gehört, scheint es schwer verständlich, das Weniger ist mehr als Ideal anzunehmen. Darum ist es wichtig, sich in verschiedenen Bereichen umzusehen, um die Bedeutung zu überprüfen.

In Ernährungsfragen wird am ehesten deutlich, wie sehr das Immer Mehr schaden kann. Wir stopfen uns voll, ohne darüber nachzudenken, was die Dinge, die wir essen, in unserem Körper bewirken. Viele Krankheiten entstehen durch zu vieles und falsches Essen. Daraus wiederum Schuldgefühle und Unwohlsein… Es gibt unzählige Bücher über Ernährung. Neben wissenschaftlichen Untersuchungen stehen die Erfahrungsberichte, Diätpläne und und…

Vor mehr als zwanzig Jahren begann ich, mich mit diesen Fragen auseinanderzusetzen. Mein erstes Fasten – sorgfältig vorbereitet und mit zwei Freundinnen gleichzeitig durchgeführt- prägte sich mir derart ein, dass ich heute noch die Gefühle von damals abrufen kann. Ich weinte, morgens, mittags, abends. Die grosse Trauer überfiel und erschreckte mich. War mein Leben bislang doch nicht schlecht gewesen, normal so wie die vielen Leben um mich herum auch. Funktioniert hatte ich, gelernt, studiert, meinen Beruf ausgeübt, meine Kinder versorgt. Und nun das! Meine Gefühle lagen bloss, liessen sich nicht verdrängen, nicht zustopfen oder wegtrinken. Nein, diese traurige Frau war ich! Drei Tage weinte ich und dachte über die Gründe nach. Dann beschloss ich, Dinge in meinem Leben zu ändern. Ich wollte wahrhaftiger und ehrlicher mir selbst und anderen gegenüber werden. Die 10 Fastentage waren so intensiv, so lebendig und brachten mich an meine unterschiedlichen Gefühle – die anfängliche Trauer machte einer Freude und später unbeschreiblichen Glücksgefühlen Platz – dass ich von da an dreimal im Jahr diese Prozedur wiederholte. Der Reinigungsprozess, der sich auf der körperlichen, seelischen und geistigen Ebene vollzog, brachte mich jedesmal ein Stück weiter. Der Verzicht machte mich reich! Im Laufe der Jahre kam ich zu einer bewussten Ernährung, die ich hin und wieder ein wenig korrigiere, wenn es mir nötig erscheint.

Zehn Tage nichts zu essen, ist für viele Menschen nicht durchführbar. Beruf, Kinder, Haushalt oder andere Umstände lassen es nicht zu. Hier zählen wieder die kleinen Schritte. Einmal in der Woche oder sogar nur einmel im Monat einen Tag verzichten, kann schon eine Menge bewirken. Oder nur mal für eine Woche den Alkohol, den Kaffee oder die Süssigkeiten weglassen. Letzendlich geht es um Bewusstmachen und den Alltagstrott verlassen, um wach und lebendig für den Augenblick zu werden.

Eine andere Übung, die ich sehr empfehlen kann, sind die Wüstentage. Ein Wüstentag sieht so aus, dass es keinerlei Planung für den Verlauf des Tages gibt, nur den Vorsatz, sich einzulassen. Eine Zeitlang machte ich das einmal im Monat und erlebte Abenteuer, die sich meist im Innern abspielten, die mich zu mir selber brachten und mir neue Erkenntnisse verschafften. Am Vorabend packte ich einen kleinen Rucksack für ein Picknick und schlief mit meinem bekannten Reisegefühl ein, das aus Vorfreude und Abenteuerlust bestand. Nur diesmal musste ich keine aufwendigen Flugtickets buchen oder andere Ausgaben tätigen. Nein, alles war sehr einfach. Beim Verlassen des Hauses erlebte ich das erste Abenteuer unmittelbar vor der Tür. In welche Richtung würde ich gehen? Nach rechts, nach links, zum Bahnhof? Wem würde ich begegnen, wo mein Picknick einnehmen? Jede Faser in mir war hellwach, um auch ja nichts zu übersehen, was den Tag zu einem Abenteuer machen konnte. Oft landete ich im Wald, manchmal aber auch in einer Kunstausstellung, in einer anderen Stadt oder an der Seite eines Flusses, der mich Fliessen und Loslassen lehrte. Die Natur öffnete sich für mich oder besser, ich nahm sie anders wahr und lernte von ihr. Bäume winkten mit ihren Blättern, Blumen lächelten mir zu, Schmetterlinge tanzten für mich oder manchmal auch mit mir, wenn es keine anderen Spaziergänger gab. Das Gefühl, dazuzugehören, Teil von allem zu sein, stellte sich fast jedesmal ein und füllte mich total aus.

Das Weniger ist mehr wird zur Zeit in manchen Kindergärten ausprobiert. Als Experiment verschwinden alle gekauften Spielsachen für eine Weile, und die Kinder lernen wieder, sich selber und die anderen zu entdecken. Die Waldkindergärten, bei denen es von Anfang an nur die Natur gibt, sind erfolgreich, denn es existieren davon schon einige und neue kommen dazu. Kreativität und Ideenreichtum sind gefragt, und darum sollte es überall gehen, auch in den Kinderzimmern. Wie erschreckend sieht es hier manchmal aus. Obwohl schon bei den ganz Kleinen die Regale und Schränke überfüllt sind, kommt doch ständig etwas hinzu, spätestens zu Weihnachten oder dem nächsten Geburtstag. Dabei könnten wir als Erwachsene hier kreativ und schöpferisch sein: Statt krampfhaft nach dem x-ten Puzzle oder Quartett zu suchen, das dann meistens nach kurzer Zeit in die Galerie der überflüssigen Dinge aufgenommen wird, könnten wir Gutscheine ausstellen, sie schön gestalten und darin gemeinsame Unternehmnugen anbieten, wie z.B. Picknick, Theaterbesuch, gemeinsames Kochen etc…. Vor langer Zeit schenkte ich einem Neunjährigen einen Gutschein zum Geburtstag mit folgendem Text: Ein Taglang will ich deine Dienerin sein! Der dafür ausgesuchte Sonntag wurde ein Tag, den wir beide nie vergessen haben. Er wollte mit mir Schlittschuhlaufen, was ich viele Jahre nicht mehr gemacht hatte. Welches Vergnügen hatten wir auf der Eisbahn. Das anschliessende Picknick im nahegelegenen Wald war auch wunderbar. Wir erzählten uns dabei Geschichten über uns selbst und andere und kamen uns näher. Als ich am Abend von ihm Abschied nahm, bedankte er sich für den herrlichen Tag, an dem er alles bestimmen durfte. Auch für mich war es ein riesiges Geschenk. Eigentlich war es ein Wüstentag zu zweit. Könnten wir in diese Richtung denken, unsere Kinder so erziehen, dass sie die materiellen Dinge und das Geld nicht überbewerten, dass sie stattdessen andere Werte schätzenlernen, gäbe es weniger Konkurrenz, was das Outfit betrifft. Es wäre nicht mehr wichtig, ob es Markenkleidung ist, die jemand trägt, nicht mehr wichtig, angepasst und wertend durchs Leben zu laufen. Der Schwerpunkt läge auf dem Sein und nicht auf dem Haben. Und das führt zu einer neuen Lebensqualität, die den Kindern im Grunde in die Wiege gelegt wurde. Mit so einem Fundament könnten alle selbstbewusst und wohlwollend, die anderen unterstützend und dadurch das eigene Glück findend, ins Erwachsendasein gehen.

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Lange bevor ich das Geld aus meinem Leben verbannt hatte, gab es für mich eine Regel, die ich konsequent einhielt. Bei jedem Neuerwerb – sei es bei der Kleidung oder bei Haushaltswaren – wurde sofort ein altes Stück weggegeben. Eine bestimmte Anzahl von Kleiderbügeln durfte nicht überschritten werden. Bücher las ich und verschenkte sie anschliessend. Bekam ich ein Geschenk doppelt, bat ich darum, es an jemand weitergeben zu dürfen. So hielt ich meinen Haushalt in Grenzen und teilte gleichzeitig mit anderen. Heute habe ich diese Idee in das Gib und Nimm Spiel eingebaut: Das Überflüssige kann an bestimmten, eigens hierfür eingerichteten Stellen abgelegt und vielleicht für etwas Nützliches eingetauscht werden. Oft fand ich schon in einer Gib und Nimm Kiste in Dortmund genau das, was ich in dem Moment brauchte. Ich rechne nicht damit, erwarte nichts, bin jedoch erfreut über Nützliches und erlebe dadurch ein Stück Abenteuer im Alltag. Auf einer meiner Reisen, die ich mit einem Freund per Auto machte, konnten wir unterwegs ein paar Kisten einladen mit Büchern aus dem Keller einer Buchhändlerin. Es handelte sich dabei um unverkäufliche Leseexemplare, für die sie keine Abnehmer hatte. Welche Freude für mich, diese Bücher zu verschenken, einzutauschen gegen anderes, Leseratten damit zu überraschen. Wir können uns so leicht gegenseitige Freuden bereiten, wenn wir unsere Herzen öffnen und täglich ein paar Gedanken auch für unsere Nachbarn erübrigen.

In einigen Großstädten gibt es die Umsonstläden. Zu bestimmten Zeiten sind sie geöffnet, und Interessierte dürfen Dinge abgeben oder mitnehmen, ohne dass Geld eine Rolle dabei spielt. Ein Team organisiert und betreut diese Stätten, die rege in Anspruch genommen werden.

Meine Idee ist es, dass neben den organisierten Einrichtungen überall Plätze für Überflüssiges geschaffen werden. In jedem privaten Haushalt könnte eine Kiste mit solchen Dingen stehen. Geschäfte könnten aussortieren und hinstellen, ohne dass dadurch mehr Arbeit entsteht. Das Kornhaus, ein Bioladen in Dortmund praktiziert das schon seit acht Jahren. Täglich liegen die nicht mehr ganz frischen Waren an einer bestimmten Stelle, die von Bedürftigen aufgesucht wird. Ganz ohne Ärger ging die Eingewöhnung allerdings nicht ab. Zu Beginn dieser Aktion zeigten sich die Nehmenden oft undankbar und achtlos den Geschenken gegenüber. Sie wühlten alles durcheinander, räumten nicht auf oder nahmen alles mit, ohne an die Nachkommenden zu denken. Das Kornhausteam war oft verärgert und dachte sogar an Abbruch. Inzwischen haben jedoch fast alle AbholerInnen gelernt, sich für den Platz verantwortlich zu fühlen. Sie räumen auf, machen sauber und verrichten zusätzliche Arbeiten, so dass nun auch Zufriedenheit bei den Gebenden ist. Die monatlichen Sperrmüllabholdienste, die es in fast allen Großstädten gab, wurden u.a. abgeschafft, weil die Stadt jedesmal wie ein Schlachtfeld aussah an diesen Tagen. Ist es wirklich so, dass die Menschen nicht achten, was nichts kostet? Hat das Geld uns ganz und gar verdorben?

mmer wenn ich in meinen Vorträgen davon spreche, dass wir eines Tages alle ohne Geld leben werden, weil es nicht mehr nötig sei, höre ich das Argument: Das kann gar nicht klappen. Da würde doch niemand die Dreckarbeit machen! Das Geld scheint alles geregelt zu haben. Es lässt uns funktionieren, lässt uns Dinge tun, die wir gar nicht lieben. Natürlich würde niemand mehr etwas tun, was ihm nicht gefällt, wenn er dafür nichts bekäme. Aber warum soll es nicht Menschen geben, die freiwillig etwas machen, was heute als Dreckarbeit bezeichnet wird? Freiwillig saubermachen und jederzeit aufhören zu können, um dann etwas anderes zu tun, hat einen ganz anderen Wert. Ausserdem wird jede Arbeit gleich wertgeschätzt, egal was es ist. Der Mensch verfügt über eine grosse Vielfältigkeit. Wer sagt denn, dass es richtig ist, wie wir uns jetzt eingerichtet haben? Kann es auf Dauer gut sein, wenn jemand rund um die Uhr vorm Computer sitzt oder eine nur noch für Kinder oder für alte Menschen da ist? Ist es richtig, dass musikalische und andere künstlerische Fähigkeiten verkümmern, weil jemand nur noch Zeit für seinen bezahlten job hat? Und was ist mit den Arbeitslosen? Es gibt soviel zu tun!

Dazu fällt mir wieder eine Geschichte ein, die ich neulich irgendwo las: Eine Gruppe Außerirdischer besucht die Erde und interessiert sich sehr dafür, was hier so passiert. Sie treffen auf ein paar junge Männer, die auf einer Baustelle untätig herumstehen. Um sie herum liegen viele Arbeitsgeräte und verschiedenes Material. Dennoch jammern die jungen Männer, weil sie gern mit der Arbeit beginnen würden. Die anderen fragen: „Wo ist das Problem? Es gibt Steine, Zement, Kellen und anderes. Fangt doch einfach an!“ Als Antwort kommt wie aus einem Mund: „Wir können nicht anfangen, weil kein Geld da ist“ Natürlich verstehen die Außerirdischen das keineswegs, zumal sie nicht mal wissen, was Geld ist, wozu es gebraucht wird. Wissen wir das? Ein Freund spricht ständig von der Geldlogik, ein anderer von der Unlogik des Geldes. Ist Geld nötig, oder könnte es auch ohne gehen? Ich habe mich daran gewöhnt, dass ich in die Schublade „Ausnahme“ gesteckt werde von denen, die mir glauben. Es gibt auch die anderen, die bezweifeln, dass ich die Wahrheit sage, weil ohne Geld bei uns nichts laufen kann, wie sie sagen. Da ich mich auch noch als reich bezeichne, muss etwas faul sein!

Nein, eigentlich habe ich mich nicht daran gewöhnt, sondern wenn ich ehrlich bin, ärgert es mich. Täglich jammert mir irgendwer vor, wie furchtbar sein oder ihr Leben ist, weil das Geld fehlt. Wer nachfragt, wie mein Leben aussieht, tut es meist, um anschliessend zu konstatieren, dass es nichts für ihn wäre, egal ob die Jammerer allein oder in Familienverbänden leben. Zwar melden sich auch diejenigen, die durch mich Mut bekommen haben, die ein wenig ihre Ängste aufgeben konnten z. B. nach der Lektüre meines Buches oder nach einem Vortrag von mir. Aber verändern können sie wenig, sagen sie. Mancher wirft mir vor, dass das, was ich tue, viel zu anstrengend sei, weil Geld nun mal den Alltag vereinfache.

Die neue Lebensform ohne Geld musste ich mir Stück für Stück erobern. Am Anfang war es manchmal wirklich sehr anstrengend, und Ängste quälten mich. Da meine Intention jedoch auch stark politisch ist – ich möchte ja neue Strukturen schaffen und Möglichkeiten für andere Menschen – konnte ich durchhalten. Das Experiment hat sich längst zu einem Modell etabliert, das ich mir durchaus übertragbar auf eine Gesellschaft vorstelle. Allerdings nicht von heute auf morgen. Kleine Schritte sind notwendig in verschiedenen Richtungen. Ich glaube, in der westlichen Welt ist die Frage nach den zwischenmenschlichen Beziehungen ganz wichtig. Wenn wir bereit sind, die anderen in unser Leben einzubeziehen, von und mit ihnen zu lernen, uns für sie zu öffnen, kann viel geschehen. Zwischen Freunden ist kein Geld nötig. Sie teilen miteinander, was sie haben, sorgen füreinander und überraschen sich gegenseitig. Warum ist es so schwer geworden, wirkliche Freunde zu finden? Wie oft höre ich Sätze wie: Mit meinen Nachbarn kann ich nichts anfangen. Sie sind primitiv oder hochnäsig oder sonstwas. Warum brauchen wir grosse oder kleine Katastrophen, um zu entdecken, dass sich Nachbarn auch gegenseitig helfen können. Warum spielt der Alltag eine so vernachlässigte Rolle in unserem Leben, werden „highlights“ im Urlaub gesucht und dann wieder für ein Jahr auf Eis gelegt?

Text von Heidemarie Schwermer