Dezember 2015

Liebe Leser, liebe Leserinnen,

als ich vor kurzem darum gebeten wurde, meine „Krankheitsgeschichte“
aufzuschreiben, kam ich über einige Fakten ins Grübeln. Durch meine Ausbildungen im Laufe meines Lebens, besonders auf dem psychischen Gebiet hatte ich geglaubt, die meisten Störungen in mir ausgeräumt zu haben. Nun stolperte ich über einige Muster, die mein Leben bestimmt hatten und immer noch bestimmten. Muster legen wir uns zu, um als Kinder zu überleben, die unangenehmen Situationen irgendwie zu managen. Als Kinder sind wir gezwungen, Maßnahmen zu ergreifen, um verschiedene Situationen zu besiegen und vor allem weiterleben zu können.
Eins meiner ersten Lebensmuster wurde in meiner frühen Kindheit geprägt:
Wir waren auf der Flucht von Ostpreußen in eine neue Heimat: vier Kleinkinder mit Mutter und Oma. Die Situation sah folgendermaßen aus:
meine ein Jahr jüngere Schwester war in letzter Sekunde aus einem Krankenhaus geholt worden, allerdings nicht gesünder als bei ihrer Einlieferung. Der Feind stand vor der Tür, und alle Kranken mussten das Haus verlassen. Meine Mutter war so glücklich darüber, dass sie ihr Baby lebend geborgen hatte, dass sie dieses Kind besonders gut hütete, es mit sich herum trug und in intensivem Kontakt mit ihm stand.. Dafür wurde sie belohnt, denn meine damals todkranke Schwester überlebte und wurde eine stabile Persönlichkeit.

Meine Oma hatte einen Lieblingsenkel, um den sie sich besonders bemühte.
Mein ältester Bruder, damals gerade fünf Jahre alt, versuchte eine Vaterrolle einzunehmen und die Familie irgendwie zusammenzuhalten. Nur ich als drittgeborenes Kind hatte keine Rolle. Ich fühlte mich überflüssig und ungeliebt. Als wir nach der Flucht ein neues Zuhause fanden, kam mein Muster zum Tragen. Überflüssig wollte ich nicht sein! So begann eine lange Geschichte der Krankheiten. Schnell hatte ich nämlich gemerkt, dass bei Krankheit sich alle um mich kümmerten und ich plötzlich ganz wichtig war.

Mein zweites auffälliges Muster hatte mit meiner Einstellung zu mir selbst zu tun. Als ich 9 Jahre alt war, wurde meine jüngste Schwester, eine Nachzüglerin sozusagen, geboren. Durch ihre Geburt kam ich von meinem Überflüssigkeitsgefühl weg, denn sofort begann ich, mich besonders um dieses Kind zu kümmern. Ich nahm so etwas wie eine Mutterrolle ein, brachte ihr das Laufen, das Sprechen u.a. bei. Auf alten Fotos stellte ich fest, dass zu dieser Zeit etwas mit meinem Äußeren geschah: Ich wurde dicker, brauchte eine Brille und fühlte mich hässlich. Meine kleine Schwester war so süß, fiel auf mit ihren strahlend blauen Augen und stand überall im Mittelpunkt. Natürlich war ich stolz auf sie, brachte mich aber immer mehr in ihren Schatten, und schon bald hiess mein neues Motto: Ich bin hässlich, dick und dumm! Mit dieser Einstellung hatte ich lange Jahre zu kämpfen. Auch das Abitur, mein Studium und andere Maßnahmen, die ich ergriff, um aus dieser Falle herauszukommen, halfen mir nicht.

Das ist das Katastrophale an den eingeprägten Mustern: Haben wir sie einmal angelegt, werden wir wir sie nicht so schnell wieder los. Warum sucht sich jemand immer wieder einen Partner, der nicht zu ihr passt?
Warum machen wir ständig dieselben Fehler, tappen in Fallen, die uns zusetzen, können aber nicht damit aufhören? In meiner Praxis als Psychotherapeutin hatte ich oft mit Menschen zu tun, denen niemand ansehen konnte, welche versteckten Programme in ihnen abliefen.
Warmherzige Frauen offenbarten ihre Unfähigkeit zu lieben, ihren Neid auf andere etc. In ihrem Beruf erfolgreiche Männer gestanden ihr geringes Selbstwertgefühl ein. Wir alle haben damit zu tun. Es ist schön, dass es heutzutage Möglichkeiten gibt, unsere Mängel anzuschauen und sie im laufe der Zeit umzupolen. Brauchten wir früher viele Jahre dazu, nur um eine Kleinigkeit zu verändern, gibt es heute schon Methoden, die schneller zum Ziel führen. Das Ziel sollte ja sein, dass wir psychisch und physisch gesund leben können. Krankheiten weisen uns darauf hin, dass es etwas in uns anzuschauen gibt, dass wir uns auseinandersetzen mit falschen Glaubenssätzen, um sie umzugestalten. Die Entdeckung, plötzlich ganz anders mit den Dingen umgehen zu können, macht uns glücklich. Auf diese Art nehmen wir teil am großen Lebensfluss, können mitschwimmen darin. In den letzten Jahren bin ich durch das „Unglück meiner Krankheit“ auf so viele Erkenntnisse gekommen, dass ich dankbar bin, diese Erfahrung gemacht zu haben.

Wollen wir unsere eingeprägten Muster verlassen, um freier leben zu können, besteht die Möglichkeit, es in speziellen Therapien mit Hilfe von außen (einer/m Therapeuten) zu beginnen. Die Hauptarbeit jedoch besteht im Alltag. Hier werden uns ständig Situationen präsentiert, die uns auf das Alte stoßen, uns jedoch auch die Chance geben, Neues auszuprobieren. So wurde ich im Laufe meines Lebens mit zahlreichen „kleinen“Schwestern konfrontiert. Die meisten von ihnen waren genauso alt wie meine „ursprüngliche“ Schwester, hatten ähnliche Charaktereigenschaften, brachten mich in totale Konfliktsituationen. Was mir immer wieder passierte, war das Vergleichen, der größte Fehler, den wir machen können.
Beim Vergleich mit einem anderen Menschen schneiden wir entweder besser oder (eher) schlechter ab. Es geht jedoch darum, zu erkennen, dass wir einzigartig sind! Jeder Mensch wird mit einem Programm geboren, das nur er oder sie für die Welt bereit hat. Unsere Aufgabe besteht darin, dieses Programm oder besser unseren inneren Kern zu erkennen und damit unseren Platz einzunehmen.

In der Konfrontation mit meiner letzten kleinen Schwester (wieder eine Stellvertreterin, versteht sich) gab es einen Durchbruch. Ganz deutlich erkannte ich das Muster, das mich bislang gehindert hatte, immer und überall ganz ich zu sein. Zum ersten Mal konnte ich mich behaupten, ohnbe mich wie sonst beleidigt, schmollend oder traurig zurückzuziehen. Es gab eine wunderbare Aussprache, die auch meiner Freundin gut tat, und ich fühlte mich frei.

Ich wünsche uns allen immer wieder Annahme der Situationen und neue Erkenntnisse.
Ein schönes Weihachtsfest, intensive Raunächte und ein glückliches neues Jahr uns allen!
Heidemarie im Dezember 2015