März 2015

Liebe Leserinnen, liebe Leser, glücklich bin ich darüber, noch am Leben zu sein. Und was für ein Leben!
Mehr denn je kann ich den Alltag in seiner Einfachheit genießen, jeden Augenblick wahrnehmen und dankbar sein für das geschenkte Leben. Durch die „schlimme Krankheit“ bin ich noch einmal wacher und aufmerksamer geworden.
Ich empfinde sie als Geschenk für meine Selbstbeobachtung!

In den heutigen Text möchte ich ein Interview flechten, das Uli Frank mit mir geführt hat. Uli ist jemand, der sich auch schon seit vielen Jahren mit dem Geld und der Logik dazu beschäftigt. Dieses Interview hat er für die Zeitung „Kontraste“ gemacht.

Interview mit Heidemarie Schwermer

Uli: Worin besteht deiner Meinung nach der Unterschied zwischen unserer Welt, in der die Geldlogik dominant ist, und deiner Vision einer demonetarisierten Welt?

HM: Das Selbstverständnis des Seins steht in einer Welt ohne Geld im Mittelpunkt. Jeder einzelne Mensch zählt, ist wertvoll, wird geschätzt. Seine Daseinsberechtigung ist gegeben durch sein Sein, nicht durch irgendwelche Taten oder Qualitäten. In seinem Tun spielt die Freude die größte Rolle. Konkurrenz und Wettbewerb sind nicht mehr nötig, weil die Menschen sich als gleichwertig begegnen.

Uli: Das ist eine sehr schöne Vision! Wie kommt es aber, dass so wenige Menschen bereit sind, sich über Alternativen zu den herrschenden Zuständen Gedanken zu machen oder gar Neues zu versuchen?

HM: Im Moment boomen die Gemeinschaftsgründungen. Das ist für viele schon ein großer Schritt, sich zu öffnen für eine neue Daseinsform. Die Menschen möchten etwas ändern, denken über Alternativen nach. Als ich vor 20 Jahren mit den „gib&nimm Plätzen“ begann, war das noch eine Rarität. Heute gibt es in fast jeder Stadt „gib&nimm Läden“, die auch „Umsonst“-oder „Kostnix- Läden“ genannt werden. Überall stehen Bücherschränke zur freien Bedienung herum. Dinge, die früher achtlos im Container landeten, werden heute fein säuberlich neben den Container mit dem Vermerk „zum Verschenken“ gestellt. Das sind natürlich nur kleine Schritte und bewirken nicht unbedingt eine große politische Änderung.
Aber um die kleinen Schritte geht es mir ja, um das Wachwerden, den Respekt und die Achtung für andere. Mir begegnen sehr oft solche aufgewachten Menschen, die sich allerdings noch nicht am System zu schaffen machen. Der Weg dahin ist eben etwas länger.

Uli: Der übliche Einwand dürfte sein, dass die Geldlogik eine wichtige erzieherische Funktion für die Menschen habe (jedenfalls immer: für die anderen!) und deshalb unverzichtbar sei. Immerhin zwingt und verführt das Geld die Menschen zu Höchstleistungen und garantiert letztlich das Funktionieren unseres Gesellschaftsmodells.

Hm: Das kapitalistische System hat durchaus auch gute Seiten. Schauen wir uns jedoch die gesamte Weltbevölkerung an, stellen wir fest, dass in dem heutigen System die einen auf Kosten der anderen leben. Das muss aufhören. Statt sich gegenseitig zu funktionalisieren, sollten die Menschen damit beginnen, sich gegenseitig wert zu schätzen! Je mehr Menschen schon jetzt mit dieser Bewusstseinserweiterung beginnen, desto eher kann eine neue Welt entstehen. Das meine ich, wenn ich von den kleinen Schritten spreche.

Uli: Glaubst du, dass diese neue Wertschätzung an die Überwindung der Geldlogik gekoppelt sein muss?

HM: Wer die Geldlogik aufgibt, bewegt sich in eine andere Ebene. Du entdeckst plötzlich, dass du in einem Lebensfluss schwimmst, der dich trägt . Die Werte verschieben sich. Du erlebst die anderen als Bereicherung und nicht – wie heute – als Gegner, die übertrumpft werden müssen. Bei Naturkatastrophen können wir das heute schon beobachten. Da helfen die Menschen sich gegenseitig, ohne danach zu fragen, was sie denn dafür bekommen – und fühlen sich glücklich dabei. Ich traue den Menschen sehr viel zu, auch absichts- und bedingungslos zu handeln.

Uli: Mit deinem Ansatz sprichst du einzelne Menschen an, die eine andere Sicht auf unsere Welt und neue Werte entdecken sollen. Aber unsere Gesellschaft ist ja ein mehr oder weniger geschlossenes System mit einer objektiv herrschenden Logik. Gibt es für dich einen Punkt, wo die System-Logik selber umschlägt?

HM: Ich glaube, dass die großen politischen Veränderungen dann geschehen
können, wenn wir ins Vertrauen kommen, wenn wir merken, dass die ganzen
Absicherungen nicht nötig sind. Zur Zeit lassen wir uns noch
verunsichern und klammern uns umso mehr an die alten Strukturen. Durch
die vielen kleinen Schritte oder die „Nischen“, wie du es so gern nennst,
können wir in eine neue Logik hineinwachsen, nämlich: dass alles zu uns
kommt, wenn wir im Vertrauen leben, dass wir uns nicht anstrengen müssen.
Wenn wir mit uns selber im Reinen sind, können wir ein neues Weltbild und
das Vertrauen ins Leben entdecken. Dadurch verändern sich unsere
Wertvorstellungen, was einen Paradigmenwechsel und eine neue System-Logik zur Folge haben könnte. Die Veränderung beginnt sozusagen an der Basis.
Dieser Weg dauert eben länger!

Mir ist klar, dass meine Schwä(e)rmerei den Nerv des einen oder anderen Lesers trifft. Zu viele Kriege herrschen zur Zeit, weitere werden vorbereitet. Es ist nicht Naivität, die mich vorantreibt sondern das Wissen, dass alles möglich ist, wenn wir nur daran glauben!
Ich wünsche uns allen einen schönen Frühlingsanfang!
Herzlich Heidemarie im März 2015