Mein Leben ohne Geld

Ein Experiment etabliert sich zu einer neuen Lebensform

Mein Leben ohne Geld

Warum ich so lebe

Oft werde ich gefragt, ob es in meinem Leben ein Trauma gegeben hätte, weil ich diese extreme Lebensform gewählt habe und nun schon seit sieben Jahren ohne Geld lebe . Dann antworte ich, dass mein Trauma die Weltsituation sei: Täglich verhungern 100 000 Menschen, und auf der anderen Seite gibt es eine riesige Verschwendung. Lebensmittel werden ins Meer gekippt, um Preise stabil zu halten, Milliardäre bauen sich swimmingpools in ihr Privatflugzeug, weil sie gar nicht mehr wissen, wohin mit dem ganzen Geld. Für mich ist diese Situation derart absurd, dass ich bei diesem Prozess nicht mehr mitwirken möchte und darum nach neuen Strukturen suche.

Forsche ich allerdings in meinem eigenen Leben , entdecke ich, dass es doch so etwas wie ein Trauma gegeben hat. Als zweijähriges Kind musste ich mit meiner Familie zu Kriegsende meine Heimat verlassen und wurde in der neuen Heimat plötzlich als Lumpenpack bezeichnet. Ich habe niemals verstanden, warum Besitz und Geld derart hoch gewertet wird, und so gibt es einen roten Faden in meinem Leben. Ich möchte ein Gleichgewicht herstellen zwischen Menschen, die wenig besitzen und denen die im Materiellem schwimmen, ich möchte neue Werte schaffen und die Würde des Menschen nicht vom Geld abhängig sein lassen.

Mit meinem Leben ohne Geld gebe ich Denkanstösse. Für viele Menschen bin ich eine Provokateurin, aber anderen diene ich als Mutmacherin. In unserer heutigen Gesellschaft ist es so, dass die Armutsgrenze immer weiter sinkt und viele Menschen am Existenzminimum leben. Durch mein neues Modell fühlen sie sich gestärkt und können ein Stück von ihrer Angst ablegen, dass sie irgendwann in der Gosse landen. An dieser Stelle ist es mir wichtig , zu sagen, dass ich keine Missionarin bin, die alle Menschen zur Geldaufgabe bekehren möchte. Vielmehr geht es mir darum, meinen ZuhörerInnen und LeserInnen Mut zu machen, den eigenen Weg zu entdecken und ihn dann Schritt für Schritt zu gehen. Dass aus meinem Experiment eine neue Lebensform geworden ist, die schon so lange dauert, hätte ich nicht für möglich gehalten. Zu Beginn meines Experimentes war mir nicht klar , dass der Einfluss des Geldes in so viele Bereiche dringt. Die Aufgabe des Geldes hat mich in eine neue Lebensqualität gebracht, die mit innerem Reichtum statt äusserem, mit Freiheit statt Abhängigkeit, mit Grosszügigkeit statt Horten, mit neuen Werten zu tun hat.

Wie ich ohne Geld lebe

Im Februar 94 gründete ich die Gib und Nimm Zentrale in Dortmund, einen Tauschring, in dem Dienstleistungen, Fähigkeiten, Sachgegenstände miteinander getauscht und geteilt werden, ohne dass Geld dabei eine Rolle spielt. Der Zulauf zu dem Verein, der dann von uns gegründet wurde, war gross, ebenso jedoch der sofortige Absprung bei Misserfolgen. Das und die Tatsache, dass ich durch meine Tauschereien in dem Verein weniger Geld zum Leben brauchte, stachelte mich an, das Experiment, ganz ohne Geld zu leben, zunächst in Gedanken zu entwickeln und schliesslich im Mai 96 in die Tat umzu setzen. Ich gab meine Wohnung, meine Versicherungen und meinen Besitz auf, hütete von nun an Häuser und Wohnungen von Gib und Nimm Teilnehmern, die auf Reisen gingen und leitete als erste Vorsitzende die Gib und Nimm Zentrale mit Leib und Seele. Das Geben und Nehmen in Fluss zu bringen, das Miteinander kreativ zu gestalten, Feindbilder abzubauen, Herzöffnungen zu erzielen, Menschen mit wenig Geld Mut zu machen, etwas Neues auszuprobieren, das alles sind Ziele von Gib und Nimm .

Mein eigenes Leben gestalte ich abenteuerlich und kreativ. Die Grundnahrungsmittel ertausche ich mir bei einem Bioladen,:Kartoffeln, Gemüse, Obst und Brot- die Waren sind nicht mehr ganz frisch und werden für uns zum Abholen bereitgestellt – gegen Fegen des Hofes, Beratung am Computer o.ä. Kleidung gab es zunächst beim `Tauschrausch` , einem monatlichen Flohmarkt ohne Geld. Inzwischen wird mir eine psychologische Beratung oder eine andere Hilfe schon mal mit einem Kleidungsstück beglichen. Ähnlich geht es mit anderen Dingen, die ich zum Leben brauche. Z.B. verfüge ich über Schlüssel für ein Büro, dem Wissenschaftsladen in Dortmund, in dem ich gern gesehener Gast bin. Für den Anschluss ans Internet, ans Telefon und an die Post erbringe ich Gegenleistungen in Form von Kochen, Fegen, Beraten, je nachdem…

Während der letzten Jahre hat sich immer wieder etwas in meinem Leben verändert. So habe ich den Verein inzwischen verlassen, tausche überall und mit jedem, der/die mir begegnet, allerdings nicht direkt abrechnend, wie es mit Geld geschehen würde sondern in lockerer Weise. Z.B. gab es einen Notfall in einer Druckerei: Papiere waren durcheinandergeraten. Ich sortierte hingebungsvoll die Papiere an einem Sonntag, damit die Sendung fristgerecht am nächsten Tag geliefert werden konnte. Dafür erhielt ich zwei Monate später einen schön gestalteteten Brief in mehrfacher Ausgabe von der Druckerei. Bei meinen Tauschaktionen handelt es sich weniger um Schwarzarbeit als um Freundschaftsdienste und Nachbarschaftshilfe. Trotzdem beschäftigt mich die Frage der Steuern sehr. Da ich mich nicht als Aussteigerin aus dem Staat verstehe sondern eher als Um- oder noch besser Einsteigerin in eine neue Struktur, denke ich über meine Möglichkeiten nach. Vor einigen Jahren schrieb ich dem Bürgermeister von Dortmund einen Brief, in dem ich ihm anbot, Steuern auf meine Art zu zahlen, nämlich indem ich SozialhilfeempfängerInnen berate, Projekte anbiete, Mut mache, Impulse gebe.In der kurzen Antwort bekam ich einen Hinweis auf das Ehrenamt, was ganz und gar nicht dem Prinzip von Gib und Nimm entspricht.

Bei meinen Vorträgen werde ich oft darauf hingewiesen, dass mein Austritt aus derKrankenversicherung eine Zumutung für den Bürger sei, der ja notfalls – z.B. bei einem Beinbruch – für mich einspringen müsse. Zwar kann ich die kritischen Äusserungen nachvollziehen, weil ich die Einführung der Krankenversicherung als durchaus sinnvoll empfinde, mein Experiment jedoch verlangte die Aufgabe jeglicher finanzieller Ausgaben. Inzwischen hat sich auch hier viel für mich geändert. Ich gehe mit meiner Gesundheit bewusster und eigenverantwortlicher um, bearbeite intensiv Ängste, die immer wieder mal auftreten und besinne mich auf die Selbstheilungskräfte, über die jeder Mensch verfügt. Es gibt ein paar Ärzte und Zahnärzte, die mich im Tausch behandeln würden, was ich bislang nicht in Anspruch nehmen musste.

Für viele Menschen ist mein jetziges Lebensmodell nicht zu verstehen und sie glauben, dass ich ein abhängiges, umständliches, kompliziertes Leben führe. Das Gegenteil ist der Fall! Damit Sie mich verstehehn, möchte ich Ihnen die Philosophie vorstellen, die hinter meinem Handeln steht:

Ein ganzheitliches Sein

1. Der politische Aspekt

Für mich ist unumgänglich, dass es in Zukunft u.a. darum gehen muss, dass sich jeder Mensch auch als politisch empfindet, wobei ich nicht an die Parteipolitik denke sondern mehr an verantwortliche Bürger, die über ihren eigenen Tellerrand hinaussehen und an einer Veränderung der Welt mitarbeiten wollen.

Die Gründung der Gib und Nimm Zentrale war für mich ein politischer Akt, weil dadurch neue Voraussetzungen für ein würdevolles Leben geschaffen wird. Die Diskrepanz zwischen Arm und Reich wird verringert, weil sich nun jeder alles leisten kann. Arbeitslose müssen sich nicht mehr nutzlos fühlen, weil sie sich mit ihren Fähigkeiten einbringen können. Nachbarschaftshilfe wird gepflegt, Vorurteile gegen Fremde abgebaut, Freundschaften geknüpft und Isolation aufgehoben.

2. Der philosophische Aspekt :

Um etwas verändern zu können in der Welt, ist es notwendig, dass jeder Einzelne für sich herausfindet, was er wirklich möchte, was er wirklich braucht und welchen Sinn sein Leben hat. Statt wie bisher überwiegend im Aussen zu leben, geht es nun darum, auch den Weg nach Innen zu entdecken und ihn bewusst zu beschreiten. Wir entwickeln unser vorhandenes inneres Potential, werden selbstverantwortlich, eigeninitiativ und können dadurch massgeblich in der Gesellschaft mitwirken .

3. Der psychologische Aspekt

Die meisten Probleme in unserer Gesellschaft haben damit zu tun, dass wir nicht wissen, wie wir miteinander umgehen sollen, dass wir uns gegenseitig nicht achten und uns bekämpfen statt zu unterstützen.Krieg, Gewalttätigkeiten, Missbrauch, Respektlosigkeiten, Konkurrenzverhalten u.a. lassen sich beseitigen, wenn wir uns einlassen können. Menschen, die uns missfallen, dienen uns als Spiegel. Unsere Empörung über jemanden, der ein bestimmtes Verhalten präsentiert, das wir ganz und gar nicht aushalten können, kann uns an unsere eigenen Wurzeln führen. Die Frage: Warum rege ich mich so auf, was hat das mit mir zu tun, bringt mich in eine neue Sichtweise. Statt den anderen zu verurteilen, forsche ich bei mir weiter. Alles, was ich tue, hat einen Grund, den ich nun herausfinde und dabei anfange, mich damit zu akzeptieren. Wenn mir mein Verhalten als Fehler erscheint, kann ich daran arbeiten, ihn aufzugeben, nachdem ich ihn akzeptiert habe. Mit meiner eigenen Annahme gelingt es, auch den anderen zu akzeptieren. So können Feindbilder abgebaut werden und ein Wachstum in Liebe entstehen.

4. Der spirituelle Aspekt

Durch viele Begebenheiten in meinem Leben in den letzten Jahren weiss ich, dass es neben unserer materiellen Welt auch eine geistige gibt, die die meisten von uns nicht sehen können. Immer deutlicher wird mir aufgezeigt, dass wir alle miteinander verbunden sind und alle aus derselben göttlichen Quelle stammen. Arbeitet jemand an seinen eigenen Störungen, tut er es gleichzeitig für alle. Das geistige Wachstum des Einzelnen hat einen wichtigen Stellenwert .Wir alle sollten uns bei dieser Arbeit gegenseitig unterstützen. Durch dieses Wissen kann jeder Mensch Konkurrenz- und andere negative Gefühle dem anderen gegenüber aufgeben und jeden als Mitspieler betrachten.

Ich überprüfe diese vier Aspekte regelmässig, korrigiere, wenn es mir nötig erscheint und bin dadurch im Lebensfluss, der viel mit dem Geben und Nehmen zu tun hat.