Oktober 2012

Liebe Leser und Leserinnen,

wie oft habe ich hier in meinen aktuellen Texten über den Augenblick und seine spezielle Bedeutung geschrieben! Immer wieder erscheint es mir wichtig, darauf hinzuweisen, wie zufrieden und glücklich wir werden können, wenn der Gedankenwust in unseren Köpfen aufhört und wir frei werden für das, was gerade geschieht. Auch wenn es Unangenehmes beinhaltet! Im Augenblick zu sein, heißt, sich und das Drumherum zu spüren und zu leben, die Wenns und Abers zu verabschieden, um Platz zu schaffen für das ganze Sein! Auf diese Weise erfahren und erspüren wir die wirklich wichtigen Dinge für unseren Alltag, für unsere Weiterentwicklung und unsere Lektionen. Wir erfahren die geistige – die WunderWelt, die allzeit bereit ist für unsere Belange.

„Würde spiegeln“- dieser Titel fiel mir ein, als ich vor dem Spiegel stand, den Jörg Amonat und Reinhard Knodt in Berlin gestaltet haben. Ihr Projekt hat mit der Würde des Menschen zu tun, die ja unantastbar sein soll, wie es im Grundgesetzbuch heißt. Jörg und Reinhard haben nämlich in einen Spiegel das Wort Würde eingravieren lassen. Jeder, der hineinschaut, wird sich fragen, wie es mit der eigenen Würde bestellt ist. Ziel der Kunstschöpfung der beiden ist jedoch, die Spiegel zu verkaufen an reiche Menschen, die mit ihrem Kauf Menschen unterstützen, die in irgendeiner Form zu Opfern geworden sind: Kindersoldaten, misshandelte und missbrauchte Mädchen und Jungen. Opfer gibt es in Massen, wie wir wissen, und es ist eine gute Idee der beiden Künstler, die ich sofort aufgegriffen habe mit Genehmigung der beiden, versteht sich!

Als ich in den Spiegel sah, wurde ich angeregt zum Nachdenken. Zunächst fielen mir die anderen ein, wie sie zu ermutigen wären, über ihre Würde nachzudenken und das auszudrücken. Ich wollte mich mit ihnen darüber unterhalten, ihnen eine Möglichkeit geben, auch Projekte vorzustellen in einem kleinen Film, den ich dann auf youtube setzen will. Da ich nicht über eine Kamera und die entsprechenden Fähigkeiten verfüge, hatte ich die Idee, meine Kontakte aufzufrischen zu den vielen Kameraleuten, die ich im Laufe meiner Medienpräsenz erfahren habe. Es bot sich an, in Berlin zu beginnen, wo ich den Spiegel entdeckt hatte. So trafen sich in Jörgs Wohnung die beiden Künstler und Ulle Sende, ein Kameramann, der vor ein paar Monaten schon einen Film mit mir aufgenommen hatte. Das setting war gesetzt, der Inhalt sollte sich ergeben. Eines meiner Merkmale ist, die Ideen sich entwickeln zu lassen ohne großes Konzept, eine Tatsache, die schon einige meiner Gastgeber verwirrte. Die Frage: welches Konzept liegt dem zugrunde? Erzähl doch mal, konnte ich niemals richtig beantworten, weil das Konzept nur als Idee bestand und für seine Umsetzung den Augenblick erkor, keine Vorbereitung oder Ausarbeitung. Als ich das erste Mal ins Fernsehen geladen wurde, bearbeitete mich eine Freundin, die sehr erfolgreich in ihrem Berufsleben aufgrund ihrer ausgeklügelten und bis ins letzte vorbereiteten Sitzungen war. Sie überließ nichts dem Zufall und konnte meine „nachlässige“ Haltung nicht verstehen. Dabei handelte es sich keineswegs um Nachlässigkeit oder Leichtfertigkeit sondern einfach um eine andere Herangehensweise.

In einem Buch von Yogananda, einem indischen Guru der Vergangenheit las ich einmal, wie er auf seiner ersten Reise nach Amerika das Publikum auf dem Schiff in seine Weisheiten einweisen sollte. Er stand vor dem Mikrofon, wusste nicht, was und wie er es sagen sollte und hoffte auf Beistand aus der geistigen Welt. Ein paar Minuten vergingen ohne Worte, bis es plötzlich aus ihm heraussprudelte. Im Nachhinein war er sehr erstaunt über diese Tatsache und hat bei seinen vielen Vorträgen in Amerika niemals anders gehandelt. Seine Ausführungen kamen aus dem Bauch oder besser aus dem Herzen. Er hatte die weibliche Herangehensweise gewählt, was mich beim Lesen erfreute, war das doch auch meine.

Nun wollte ich die anderen Mitspieler – drei Männer an der Zahl – in eben diese Herangehensweise einbeziehen. Es bereitete uns viel Freude, unsere Projekte miteinander zu vernetzen. Der Würde-Spiegel und „gib& nimm“ haben etwas miteinander zu tun, denn beides bringt das Gegenüber zum Nachdenken über den eigenen Standort .

Auch der zweite Film mit dem Fotografen Joachim Schiwy aus Potsdam basierte auf demselben Boden. Hier wurde der Standpunkt bei der Betrachtung der Dinge im Alltag herausgearbeitet und die Toleranz, die dabei entsteht, hervorgehoben. Ein Anliegen von „gib&nimm“ ist die Toleranz, die Akzeptanz der anders Denkenden und Handelnden, was wiederum mit der Würde und den Werten zu tun hat.

Ganz anders mein Auftritt in der Fernsehshow. Ich hatte mich überreden lassen, nach einer längeren von mir eingehaltenen Pause ein Thema zu bedienen, das auch mir am Herzen lag: die Armut im Alter. Da es für mich keine Armut gibt, wenn wir uns in einer gegenseitigen Teilhabe befinden, wir uns gegenseitig mit unseren Fähigkeiten beglücken, hätte ich gern davon mitgeteilt. Leider fiel ich nach hinten ab, fühlte mich wieder einmal nicht ernstgenommen und hätte am liebsten die Show frühzeitig verlassen, was ich mich nicht traute. Denn hier wurde 90 Minuten lang darüber gefachsimpelt, was alles faul war im Staate. Das Geld müsse anders verteilt werden und andere Weisheiten wurden hin und her geworfen. Zwar durfte ich mich auch äußern, aber in der kurzen Zeit, die mir zustand, gelang mir keine vernünftige Darstellung meiner Ideen. Ich fühlte mich völlig fehl am Platze und bereute meine Zusage. Nicht einmal mein neues Buch von der „Wunderwelt“ wurde erwähnt , geschweige denn gezeigt, obwohl es wie die anderen geehrten Bücher auf einem Nebentischchen zur Präsentation lag.

„Würde spiegeln“- Würde empfinden, heißt , die eigenen Werte zu schätzen und die der anderen. Wir alle haben unseren Platz, von dem aus wir beitragen können zum Gelingen einer lichten Welt, denn auch die Erde soll von uns gewürdigt werden.

Nach dem Schreiben dieses Textes begab ich mich schwungvoll in den sonnenreichen Herbsttag nach draußen, froh, über meinen Entschluss, die Shows im Fernsehen anderen zu überlassen, ein „nie wieder“ und dadurch eine neue Freiheit zu empfinden, als mein Handy läutete und sich eine sympathische Stimme meldete, die mich gern zu einer Show im ZDF einladen wollte. Nein, nein, das ist vorbei war meine erste Reaktion. Unser anschließendes Gespräch entpuppte sich in eine andere Richtung, und nun werde ich wohl wieder einmal weitermachen. Ich selber muss darüber lachen, wie oft ich schon das „nie wieder“ missbraucht habe. Eine meiner Freundinnen verdreht jedes Mal ihre Augen bei diesem Ausspruch, ahnt sie doch meine Umentscheidung. Ja, da hat der Augenblick mal wieder zugeschlagen.

Einen allerliebsten sonnigen Herbst wünscht Heidemarie im Oktober 2012