September 2009

Liebe Leser und Leserinnen,

„du musst noch viel genauer erklären, was du unter „gib und nimm“

verstehst, wie die Projekte gedacht sind, damit die Leser sich animiert

fühlen, sofort etwas davon umzusetzen,“ sagte neulich eine Freundin zu

mir. Die vielen Anfragen zu den Projekten bestätigen mir, dass meine

Freundin Recht hat. Dennoch weigere ich mich – bin ich vielleicht

wirklich ein sturer Steinbock (ziege)?- diese Ratschläge anzunehmen,

geschweige denn umzusetzen.

Mein Ansatz ist, Impulse zu geben, nicht Anweisungen. Die Kreativität

spielt bei „gib und nimm“ ja eine Hauptrolle! Da ist dann die eigene

Schöpfung gefragt.

Als Beispiel hierfür möchte ich unseren letzten „gib und nimm workshop“

anführen. Er fand in Schleswig-Holstein statt, genauer in der

Ostholsteinischen Schweiz, in der Nähe von Lütjenburg. Zehn Frauen

trafen sich in der alten Schule, die Astrid Eobaldt mit Liebe in den

letzten Jahren renoviert und eingerichtet hat. Ein großer Seminarraum, das

frühere einzige Klassenzimmer der einstigen „Volksschule“- mehrere kleine

Doppelzimmer und ein Schlafsaal für ca 15 Personen, ein bequemes

Wohnzimmer mit Kamin, eine Küche mit Essraum und ein Büro, boten Platz

für alle.

Ausserdem lockte der schöne wilde Garten mit unterschiedlichen Sitzecken

bei dem sonnigen Wetter nach draußen. Sauna und Wellnessgeräte taten ein

Übriges, um uns alle in eine gute Stimmung zu versetzen.

Dass wir diesmal wieder nur Frauen waren, hat auf keinen Fall mit einer

Männerfeindlichkeit zu tun, sondern eher mit einer besseren Unterstützung

für die Frauen. Ich habe in vielen workshops beobachtet, dass Frauen sich

schnell zurücknehmen, um den Männern Platz zu machen für ihre Eingaben.

Wir Frauen brauchen noch Zeit, um in unser Wertgefühl zu kommen.

Und darum fanden die letzten workshops ohne Männer statt.

Thema der Begegnung war einmal „jede kann was, was nicht jede kann“

-nach dem „gib und nimm Lied“ von Paul Roos – und zweitens „ohne Geld

durch die Welt“. In den vier Tagen durfte nicht eingekauft werden. Geplant

waren Tauschaktionen mit Bauern oder Geschäften in der Nachbarschaft, wie

wir es schon früher gemacht hatten. Bei der Einladung war allerdings darum

gebeten worden, dass jede bei sich zu Hause schaut, was sie an

Lebensmitteln mitbringen könne. Es stellte sich heraus, dass genug

mitgebracht worden war und wir ein Leben in Fülle führten während unseres

Beisammenseins.

Ich hatte Astrid darum gebeten, alle Verantwortungsgefühle für das Haus

abzugeben und sich der Tatsache bewusst zu sein, dass ihre Gabe sehr

großzügig und reichlich war durch die Bereitstellung ihres Besitzes für

die fremden Frauen. Diese Bitte ergab sich aus meinen Beobachtungen bei

früheren Treffen in anderen Häusern. Da die Besitzer sich für alles

verantwortlich fühlten – schliesslich waren sie ja die Gastgeber – konnten

sie nicht in dem Umfang geniessen, was es zu geniessen gab.

Astrid war sehr erstaunt, wie gut ihr eine Verhaltensänderung gelang, denn

auch sie kannte nur allzugut ihre verantwortungsvolle Gastgeberrolle aus

früheren Zeiten.

Bei unserer ersten Vorstellungsrunde teilte ich mit, dass es kein Programm

gäbe, weil ich nicht wüsste, wie sich die einzelnen Gaben in das

Tagesgeschehen einbetten liessen. Der Befürchtung einer Strukturlosigkeit

baute ich vor, indem ich meine Wünsche äusserte und gleichzeitig die

Wünsche der anderen Frauen einforderte. Ein lockeres Programm ergab sich

schnell daraus. Meditationen zu bestimmten Zeiten, ein gemeinsam

geschaffenes Kunstobjekt an der nahegelegenen Ostsee, Bade- und

Spaziergangszeiten, Behandlungsangebote der Heilerinnen, spezielle

Kochkünste und einiges mehr füllte unsere Tagespläne.

Diese wurden jedoch nicht aufgeschrieben oder geordnet, sondern wir

schöpften unentwegt und ungeplant aus dem riesigen Potential, das in uns

allen schlummert. Alle waren begeistert und konnten zum Teil gar nicht

fassen, wie locker und leicht die Tage sich gestalteten. Ich war besonders

gerührt, weil es genau das ist, was mein Leben ausmacht und was ich so

schlecht erklären kann. Diesmal erfuhren die anderen genau das bei sich,

und in mir jubelte es, weil ich mich endlich verstanden fühlte.

Bei unserer Abschlussrunde stellte sich heraus, dass für die meisten

Teilnehmerinnen diese Tage wie Urlaub oder wie Wellnesstage gewesen

waren. Diejenigen, die dieses Treffen mit anderen Seminaren verglichen,

zogen eine Bilanz in finanzieller Hinsicht. Normalerweise ginge für so

ein Seminar ein ganzes Monatsgehalt drauf für Übernachtung, Verpflegung

und die effektiven Behandlungen. Dass so etwas Wunderbares auf diese

einfache Art möglich sei, fanden einige Frauen sensationell.

Wie lässt sich dieses „sensationelle“ Leben, das ich ständig führe, nur

erklären und weitergeben?. Von den „Wellnesstagen“ an der Ostsee geht es

für mich gleich weiter in das nächste Abenteuer. Ich bin einer

Freundin bei der Gestaltung ihrer Geburtstagsfeier, die sie im Vorab

schlaflose Nächte kostete, behilflich. Aus meinem früheren Lehrerinnendasein

schöpfe ich lustige Gesellschaftsspiele, die uns einen fröhlichen

Nachmittag bescheren.

Mein Koffer ist gepackt für meinen morgigen Flug nach Florenz, wo

der Sommer immer noch zu Gast ist. Nebenbei werde ich mit anderen

engagierten Gruppen über Möglichkeiten für eine neue Welt

diskutieren.

Ich werde in Österreich und in der Bundesrepublik in Schulen, mit

Jugendlichen, in Kirchengemeinden und anderen Gruppen darüber

sprechen, wie anders Leben sein kann, wenn wir uns einlassen, vielleicht mal

ein Risiko eingehen und wenn wir sehen können, dass ein marodes System

losgelassen werden muss. Mir ist durchaus bewusst, dass mein

privilegierter Zustand, immer im richtigen Moment das tun zu können, was

mir wirklich Freude bereitet, sich wesentlich von der Lebenssituation

derjenigen unterscheidet, die in den Zwängen des Alltags gefangen sind.

Dennoch gibt es kleine Schritte, die in neue Denkmuster führen, uns von

Ängsten befreien und mit unserer ursprünglichen Quelle verbinden.

Einen schönen Spätsommer wünscht Heidemarie Schwermer im September 2009